© APA/AFP/ANDREJ IVANOV

Interview
12/04/2021

Europas oberste Seuchenbekämpferin: "Der Winter wird sicher noch schwierig"

"Lockdowns sind keine Dauerlösung", sagt die Leiterin der EU-Infektionsschutzbehörde. Andrea Ammon im Interview über Impflicht, Omikron und die sicherste Art sich vor Corona zu schützen

von Ingrid Steiner-Gashi

Der Höhepunkt der Delta-Welle in Europa ist noch nicht erreicht: In den kommenden zwei Wochen dürften Infektions- und Todeszahlen sowie die Spitals-Einlieferungen der am Coronavirus erkrankten Personen weiter steigen.

Das hält Europas oberste Seuchenbehörde ECDC in ihrem jüngsten, am Freitag veröffentlichten Bericht fest. Für die Lage in Österreich - in Woche zwei des Lockdowns - heißt es: "Hohe Besorgnis".

Die deutsche Epidemiologin Andrea Ammon leitet die in Stockholm angesiedelte Behörde. Im KURIER-Interview warnt sie vor einem möglichen neuerlichen Anstieg der Infektionen nach den Weihnachtsfeiertagen.

KURIER: ECDC hat Omikron als besorgniserregend eingestuft: Es gibt mittlerweile 80 Fälle in Europa. Kann man schon ungefähr abschätzen, als wie gefährlich sich diese neue Variante herausstellen wird?

Andrea Ammon: Der Grund, warum wir diese Variante mit Besorgnis sehen, ist die Tatsache, dass sie von allen Varianten die meisten genetischen Veränderungen hat. Wir schauen darauf, ob die Variante leichter übertragbar ist, ob sie einen schwereren Krankheitsverlauf verursacht oder ob sie die Effektivität der Immunität beeinträchtigt.  Dazu wissen wir immer noch nicht viel mehr als vor einer Woche. Aber diese vielen Veränderungen machen es durchaus möglich, dass Auswirkungen auf die Parameter bestehen. Alle von uns vorgeschlagenen Maßnahmen sind deswegen auf der vorsichtigen Seite.

Aber über schwere Krankheitsverläufe oder Todesfälle in Bezug auf die Omikron-Variante ist nichts bekannt?

 

Bisher nicht, aber die Mehrheit der bekannten Fälle sind Reisende oder deren Kontaktpersonen. Es sind meist doppelt Geimpfte und Leute, die jünger und fitter sind, die solche Reisen machen können. Und das ist nicht die Hochrisikogruppe.

Andrea Ammon (65) ist Europas oberste Seuchenbekämpferin. Die deutsche Epidemiologin leitet seit viereinhalb Jahren die in Stockholm angesiedelte EU-Agentur ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control). Die Behörde befasst sich ausschließlich mit Infektionskrankheiten.

Gab es auch mit der Omikron-Variante Fälle bei Ungeimpften?

Doch, doch. Todesfälle gab es, so weit wir wissen bisher nicht, aber das kann sich jeden Tag ändern.

Gibt es eine Chance, dass Omikron eine mildere Variante ist.. und dass die Pandemie damit langsam abklingt?

Das ist die Hoffnung, die wir alle haben. Aber ich möchte hier keine falschen Erwartungen wecken.

Hilft die Booster-Impfung auch gegen die neue Variante?

Noch ist nicht geklärt, in wieweit die Impfstoffe auch gegen die Omikron-Variante wirksam sind. Aber wir müssen uns vor Augen halten, dass im Moment die dominante Variante, die die meisten Erkrankungen in der EU versursacht, die Delta-Variante ist. Und gegen Delta sind die Impfstoffe und die Booster-Impfung sehr wirksam, was schwere Verläufe und Todesfälle anbelangt.

Deswegen macht es Sinn, jeden, der noch nicht geimpft ist, zu impfen. Und jedem Erwachsenen, dessen Impfung schon sechs Monate zurückliegt, eine Booster-Impfung zu geben.

Wann genau soll man boostern? In Österreich heißt es nach 6 Monaten, EU-Kommissionschefin von der Leyen sprach zuletzt von bis 9 Monaten?

Sowohl die EU-Medizinagentur als auch wir in der ECDC sagen nach sechs Monaten. Was die die Kommissionspräsidentin gemeint hat, ist die Gültigkeit des Covid-Zertifikats.

Haben wir den Höhepunkt der Delta-Welle in Europa schon hinter uns?

Es kann schon sein, dass die neuen Maßnahmen, die verschiedene Länder jetzt gesetzt haben, noch ein, bis zwei Wochen dauern, bis sie greifen.

Sie haben einmal gesagt, dass 80 Prozent der Bevölkerung voll geimpft sein müssten, das wäre der beste Weg sich zu schützen. Aber in der EU sind es im Schnitt 75 Prozent, in Österreich noch weniger.

Diese Schwelle müsste mindestens 80 Prozent betragen, und ich bin mir nicht sicher, ob das für die Delta-Variante genügt. Denn wir sehen auch einen Anstieg an Erkrankungen in Ländern, wo bereits 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Und wenn wir die Risikogruppen anschauen, etwa ältere Personen über 65, Gesundheitspersonal, Menschen mit Grunderkrankungen u.a – diese Gruppen sollten nahezu zu hundert Prozent geimpft werden. 

Was ist die Folge, wenn wir diese erforderlich hohen Impfraten nicht erreichen?

Die Impfkampagnen in den EU-Ländern haben zwei Drittel der Bevölkerung erreicht. Aber das bedeutet nicht, dass diejenigen, die sich nicht haben impfen lassen, komplett gegen die Impfung eintreten. Es gibt viele Gründe, warum Menschen nicht geimpft sind.

Diese Gründe muss man jetzt analysieren und versuchen die Leute zu motivieren. Denn die Gruppe der Menschen, die ganz extrem und kategorisch gegen Impfungen sind, ist nicht so groß. Ich sehe immer noch Raum für Bemühungen, um mehr Menschen zu impfen.

Die Skeptiker - sind das Menschen, die sich vor Langzeitfolgen von Impfungen fürchten?

Da gibt es unterschiedliche Gründe. Sie haben etwa Mangel an Vertrauen zu Impfstoffen, zu den Nebenwirkungen. Oder sie vertrauen der Regierung nicht und sehen alles, was von dort kommt mit Skepsis. Dann müssen vielleicht andere Leute, die Einfluss auf die Bevölkerung haben, die Botschaften weitergeben.

Aber das ist eine Analyse, die für jedes Land und für jede Gruppe spezifisch gemacht werden muss. Jetzt wird es nicht mehr sehr schnell gehen mit der Erhöhung der Durchimpfungsrate. Jetzt ist es wirklich Kleinarbeit.

Würden Sie eine Impfpflicht empfehlen?

Dazu gibt es unterschiedliche Erfahrungen: Sie kann dazu beitragen, die Durchimpfungsrate zu erhöhen. Sie kann aber auch dazu beitragen, dass Menschen, die jetzt nur Fragen haben, sich auf den Standpunkt stellen: Nein, ich lass mich nicht dazu zwingen.

Jedes Land muss für sich entscheiden, wie es vorgehen will. Es gibt Länder mit durchaus hohen Durchimpfungsraten, die sagen: Wenn wir jetzt eine Impfpflicht durchsetzen würden, würde sich die Bevölkerung gegen uns wenden.

Kann oder darf ECDC überhaupt eine allgemeine Impfpflicht empfehlen?

Wir können generell keine Empfehlungen geben, sondern nur mögliche Optionen nennen. Eine Impfpflicht ist generell Teil des Instrumentariums, das man hat.

Sollen Kinder geimpft werden?

Auf jeden Fall sollen Kinder geimpft werden, die das Risiko haben, einen schweren Verlauf zu erleiden. Und ansonsten muss das in Zusammenhang mit den jeweiligen Impfkampagnen der Länder gesehen werden.

In  der momentanen Situation – was ist die beste Art, sich zu schützen?

Sich impfen zu lassen. Nach sechs Monaten sich eine Auffrischungs-Impfung zu holen. Und drittens die ungeliebten Maßnahmen beibehalten wie  Maske tragen, Kontakte reduzieren, Zugangslimitierungen:

In Österreich ist gerade Lockdown. Wie stehen Sie zur Notbremse Lockdown?

In den zwei Jahren der Pandemie haben wir gesehen, dass Lockdowns sehr wirksam sind, wenn man einen sehr hohen und schnellen Anstieg der Infektionszahlen hat, weil es damit gelingt, die Zahlen wieder runter zu bringen.

Aber sie sind eine Notbremse. Es sind keine Dauerlösungen. Die Dauerlösung sind die Impfung, der Booster und die begleitenden Maßnahmen.

Erwarten Sie wieder einen Anstieg der Infektionszahlen nach Weihnachten?

Abhängig vom Durchimpfungsgrad in der Bevölkerung und dem Ausmaß an Kontakten, was Familientreffen und große Feiern betrifft,  kann schon noch einmal Anstieg der Fälle erfolgen. Das Allerbeste wäre, den Menschen nahezulegen, über die Feiertage vernünftig zu sein.

Der Winter wird sicher noch schwierig. Aber alles in allem müssen wir schon sehen, wird sind im Prinzip  besser dran als vergangenes Jahr. Durch die Impfung. Und durch das bessere Verständnis des Virus.

Wie lange werden wir mit Corona leben müssen?

Mit diesem Virus? Es wird sicher bei uns bleiben. Es wird nicht still und leise einfach verschwinden. Aber es wird schon eine Zeit dauern, bis wir einen Modus Vivendi mit diesem Virus gefunden haben. Wir hatten alle gehofft, dass es diesen Winter schon passiert. Aber jetzt müssen wir diesen Winter auch noch einmal durchstehen.

Wie wichtig ist es, dass man den genauen Ursprung des Covid-19-Virus entdeckt? Also im Labor oder am Wildtiermarkt?

Es ist relevant, um künftig für solche Pandemien vorbereitet zu sein. In den vergangen 40 bis 50 Jahren waren rund 70 Prozent der neuen Erreger zoonotische Erreger. Also Erreger, die von Tieren auf Menschen übergehen. Daher ist es wichtig zu wissen, wie es am Anfang passiert ist. Es wäre wichtig, alles nachzutragen, um zu wissen: Wo muss man künftig Überwachungsmechanismen aufbauen.

Sind wir künftig besser vorbereitet?

Wir haben auch in der Vergangenheit aus jeder Krise etwas gelernt und waren dann für die nächste auf einem besseren Startpunkt. Aber was wir dieses Mal wirklich machen müssen ist festzuhalten: Was hat funktioniert und was nicht? Dann müssen die fehlenden Aspekte gestärkt werden. Mit so einer systematischen Analyse könnten wir wirklich gestärkt in die nächste Krise gehen.

ECD kümmert sich ja nicht nur um Covid. Sind wegen der Pandemie nun alle anderen Entwicklungen in den Hintergrund geraten?

Unsere Ressourcen sind notwendigerweise auf Covid gerichtet. Aber wir müssen alle Infektionskrankheiten im Blick haben. In unserem neuesten Bericht zu den HIV-Infektionen haben wir einen Rückgang festgestellt. Wobei wir vermuten, dass es damit zu tun hat, dass es weniger Testmöglichkeiten gibt. Wir können noch gar nicht erfassen, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf anderen Infektionskrankheiten hat. Das trifft in manchen Ländern auch für Kinderimpfungen, auch für Tuberkuloseerkrankungen zu.

Andererseits haben wir auch positive Auswirkungen gesehen: Durch die Distanzmaßnahmen sind eine Reihe von anderen Erkrankungen zumindest in letzten Winter wie Influenza oder Novo-Viren in den Hintergrund getreten. Sie wurden tatsächlich reduziert.

Was die Influenza betrifft: Bis jetzt ist es noch ruhig, aber die Zahlen steigen. Da könnte es kompliziert werden, wenn es zu einem hohen Bedarf an Krankenhausbetten für COVID- und Influenzapatienten kommt. Und daher empfehlen wir Risikogruppen, sich auch gegen Influenza impfen zulassen.

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