Milliarden-Schäden durch Hitze, aber auch Unwetter: EU-Experten planen neuen Schutz

Die Welt müsse sich auf eine Erhitzung von drei Grad bis 2100 einstellen, heißt es in einem neuen Bericht. In Europa dürfte es doppelt so heiß werden. Die EU müsse sich jetzt dafür wappnen.
FILE PHOTO: To match Interview POLAND-BELCHATOW/

Zusammenfassung

  • Der Europäische Wissenschaftliche Beirat zum Klimawandel fordert eine stärkere und besser koordinierte Vorbereitung der EU auf Klimarisiken wie Hitzewellen, Waldbrände und Überschwemmungen.
  • Europa ist besonders stark vom Klimawandel betroffen, mit steigenden Schäden und Todesfällen durch Extremereignisse sowie wirtschaftlichen Verlusten von rund 45 Milliarden Euro jährlich.
  • Der Beirat empfiehlt verbindliche, einheitliche Klimarisikobewertungen, eine gemeinsame Vision für eine klimaresistente EU bis 2050 und die Integration von Klimaanpassung in alle Politikbereiche.

Es waren die schwersten Unwetter, die Portugal seit 1963 heimsuchten. Bei tagelangen Stürmen und apokalyptisch anmutenden Regenfällen starben 16 Menschen, weite Landesteile sind (wie auch im benachbarten Spanien oder Frankreich) verwüstet, Landwirtschaftsflächen ebenso zerstört wie die Autobahnverbindung zwischen Lissabon und Porto, auch der Zugverkehr zwischen den beiden größten Städten des südwestlichen EU-Staates musste eingestellt werden.

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In Portugal tobten die schwersten Unwetter seit 1963

EU-Agrarkommissar Christophe Hansen, der das Katastrophengebiet zu Wochenbeginn  besuchte, sagte den Bauern rasche finanzielle Hilfe zu. Die portugiesische Regierung ihrerseits stellte bereits 2,5 Milliarden Euro für den  Wiederaufbau  bereit.

Überschwemmungen wie diese, aber auch Hitzewellen, Dürren, verheerende Waldbrände, ein alarmierender Anstieg der Meeresspiegel und Küstenerosionen in vielen Teilen der Welt – all diese Folgen des  Klimawandels setzen unserem Planeten stark zu, sie vernichten Lebensgrundlagen und Menschenleben  und gehen auch massiv ins Geld. Aus diesem Grund werden in dem neuesten Bericht des „Europäischen Wissenschaftlichen Beirats für Klimawandel“ neben Schritten zur Eindämmung der Erderwärmung auch Akutmaßnahmen zur Anpassung an die steigenden Temperaturen eingemahnt.

Klimawandel, Temperaturanstieg

„Zehntausende Todesfälle“

Wobei die Studienautoren mit einer Horrorzahl aufwarten: Die Weltbevölkerung  sollte  sich auf eine Aufheizung der Erde auf 2,8 bis 3,3  Grad bis 2100 einstellen – und entsprechende Vorkehrungen treffen. Eine solche Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter wäre rund das Doppelte der im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 vereinbarten Obergrenze von 1,5 Grad. Wobei erschwerend hinzukommt, dass die Temperaturen in Europa doppelt so schnell steigen wie im globalen Schnitt.

45 Milliarden Euro Schaden pro Jahr

„Die Stärkung der Klimaanpassung ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit, um Menschenleben, Existenzgrundlagen und Europas wirtschaftliche Grundlagen zu schützen“, erläutert Ottmar Edenhofer, Vorsitzender des Beirates. Und weiter: „Allein extreme Hitze hat  in den letzten Jahren (in Europa; Anm.) zu Zehntausenden vorzeitigen Todesfällen geführt, darunter geschätzte 24.000 im Sommer 2025. Die wirtschaftlichen Schäden an Infrastruktur und Sachanlagen  belaufen sich inzwischen auf durchschnittlich 45 Milliarden Euro pro Jahr.“

Summer weather in Berlin

Abkühlung im Sommer ist in Städten schwer zu finden: Es gibt viele Hitzetote

Der Anstoß der Wissenschaftler, dass man sich auf einen globalen Temperaturanstieg von rund drei Grad einstellen solle, ist eine von fünf Empfehlungen des Gremiums zur „Orientierung für die laufenden politischen Prozesse der EU“. Die Autoren fordern die Union  zudem auf, „verbindliche und harmonisierte Klimarisiko-Bewertungen“ in allen Mitgliedsstaaten und Politikbereichen vorzunehmen. Ferner soll eine „klare  Vision für eine klimaresiliente EU bis 2050“ entwickelt werden, die sich auf „messbare Klimaanpassungsziele stützt“. Diese Klimaresilienz solle gerecht und fair sein und durch „öffentliche und private Investitionen“ erreicht werden. Außerdem sollen die  Kosten von Klimafolgen im EU-Budget berücksichtigt werden.

"Herausfordernd, aber machbar"

Dies alles habe den Zweck, „kritische Infrastrukturen  sowie Finanz- und Ökosysteme“, aber auch soziale Grundlagen und die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu schützen. Das  sei zwar  „herausfordernd, aber machbar“, heißt es.

Dennoch könne „Klimaanpassung nicht alle Auswirkungen des Klimawandels verhindern“, betont Jette Bredahl Jacobsen, Vize-Vorsitzende des Beirats. Entsiegelungen, Denaturierungen oder Begrünungen von städtischen Gebieten etwa seien zwar sinnvoll, „aber Klimaschutzmaßnahmen (allen voran die Reduktion von Kohlendioxid; Anm.) sind weiterhin unerlässlich, um Klimagefahren auf ein beherrschbares Niveau zu begrenzen“.

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