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Politik Ausland
11/18/2019

EU-Botschafter sagt aus: Woche der Wahrheit für Trump

Wenn am Mittwoch Washingtons EU-Botschafter aussagt, könnte es für den US-Präsidenten eng werden.

von Dirk Hautkapp

Wenn Gordon Sondland am Mittwoch im Vorverfahren zur möglichen Amtsenthebung Donald Trumps vor Fernseh-Kameras live im Kongress aussagt, geht es unter die Gürtellinie. „Er liebt Ihren Arsch“, lautet der Schlüsselsatz. Zugleich steht politisch der Kopf des amerikanischen Präsidenten auf dem Spiel.

Schlüsselfigur

Der 62-Jährige, der es vom Hotelier aus Oregon und Millionen-Spender für Trump als Washingtons EU-Botschafter unfreiwillig zur Schlüsselfigur in der Ukraine-Affäre gebracht hat, besitzt nach bisherigen Zeugen-Aussagen die mit Abstand intimste Kenntnis darüber, was der Präsident standhaft leugnet: Dass Trump gegenüber der Ukraine auf kompromittierende Ermittlungen gegen den für ihn 2020 mutmaßlich ernsthaftesten demokratischen Präsidentschaftsbewerber Joe Biden und dessen Sohn Hunter drängte. Und damit nach Überzeugung der Demokraten und vieler Staatsrechtler eklatant gegen die US-Verfassung verstoßen hat.

Mehr noch: Trump knüpfte die Auszahlung von 400 Millionen Dollar US-Militärhilfe an das von Russland angegriffene Land, die der Kongress längst bewilligt hatte, an die Bereitschaft Kiews, gegen Vater und Sohn Biden vorzugehen.

Die frischeste Fährte zu Sondland legte am Freitagabend ein junger Diplomat. David Holmes, Berater in der US-Botschaft in Kiew, berichtete unter Eid, dass er gemeinsam mit zwei anderen Zeugen mit am Tisch in einem Restaurant in Kiew saß, als Sondland am 26. Juli über ein ungeschütztes Mobil-Telefon mit Trump telefonierte.

Der Zeitpunkt ist relevant. Am Vortag hatte Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskij kommuniziert. Schon da kam die Causa Biden zur Sprache. Im Kontakt mit Sondland 24 Stunden später habe Trump explizit nachgesetzt: „Wird er (Selenskij) die Ermittlungen starten?“ Sondlands Antwort: „Er liebt Ihren Arsch. Er macht das. Er würde alles tun, worum Sie ihn bitten.“ Als Holmes irritiert nachfragte, ob sich Trump für das von russischer Belagerung geplagte Land, in dem über 10.000 Menschen gestorben sind, überhaupt interessiere, winkte Sondland ab.

Der Präsident sei nur an “big stuff“, großen Dingen, interessiert. Konkret: die Ermittlungen gegen die Bidens. Zuvor hatten andere Zeugen ausgesagt, dass Sondland gemeinsam mit Trumps Privat-Anwalt Rudy Giuliani federführend bei der Anbahnung des anrüchigen Geschäfts auf Gegenseitigkeit (quid pro quo) gewesen seien. Das nur deshalb nicht zustande kam, weil der Kongress durch einen anonymen Informanten davon Wind bekam und Trump kalte Füße.

Die Militärhilfe wurde Mitte September ausgezahlt; ohne Bedingungen. Für Sondland steht übermorgen viel auf dem Spiel. „Spielt er Foul, könnte ihn ein Meineid ins Gefängnis bringen“, sagte ein juristischer Kongress-Berater dem KURIER, „packt er vollständig aus und erklärt, im Auftrag des Präsidenten gehandelt zu haben, steht Trump vor der Nation als Lügner im Scheinwerferlicht.“

Gebranntes Kind

Sondland ist ein gebranntes Kind. Von allen Zeugen vollzog er die bisher spektakulärste Rolle rückwärts. Mitte Oktober behauptete er, er wisse nichts von einem Deal nach der Strickart: US-Militärhilfe und eine Visite Selenskijs im Weißen Haus gegen Anti-Biden-Korruptionsermittlungen.

Nachdem der kommissarische US-Botschafter Bill Taylor haarklein das Gegenteil beschrieb und sich dabei auf den Zeugen Holmes berief, drehte Sondland bei und gestand nach einer „Gedächtnisauffrischung“: Er habe dem wichtigsten Berater Selenskijs, Andrej Jermak, Anfang September signalisiert, dass die 400 Millionen Dollar nur fließen, wenn Kiew wie von Trump gefordert Wahlkampf-Munition gegen Joe Biden beschafft.