Politik | Ausland
07.06.2017

"EU-Ausstieg ohne Deal – nicht das Ende der Welt"

Im historischen Städtchen Canterbury prallen im Wahlkampf die Haltungen zum Brexit frontal aufeinander.

Ein strahlender Frühlingstag im pittoresken Canterbury. In einem Park an der Stadtmauer versammelt sich um den Bandstand, wo sonst Sonntags Blaskapellen aufspielen, der Ordnerdienst einer Demonstration für das von empfindlichen Kürzungen bedrohte örtliche Spital. Ein groß gewachsener Mann im Strohhut und dunkelblauem Blazer mit Messingknöpfen mischt sich unter die Menge. Jeder hier kennt Sir Julian Brazier, seit drei Jahrzehnten Parlamentsabgeordneter dieses seit einer Rekorddauer von 160 Jahren konservativen Wahlkreises.

Als er zum ersten Mal kandidierte, war noch Margaret Thatcher an der Macht, aber einen "eigenartigen" Wahlkampf wie diesen hat Sir Julian noch nie erlebt: "Wir fingen mit einem großen Vorsprung an, da gab es vielleicht übermäßiges Selbstvertrauen. Nicht so sehr unter unserem Oberkommando, aber unter den Medien, die dachten, wir würden durchmarschieren." Der Ex-Reserveoffizier neigt zu militärischen Metaphern. Er verteidigt Theresa Mays Entscheidung, Neuwahlen abzuhalten: "Wir brauchten Zeit zum Manövrieren. Sonst hätten wir eine Wahl im Jahr nach Vollendung des Brexit gehabt. Da wird es sicher Turbulenzen geben, und wir brauchen ruhiges Wasser." Brazier gehört zu den standhaften Optimisten, die immer noch glauben, der Austritt aus der EU lasse sich in zwei Jahren abwickeln.

Grenze, kein Problem

Selbst ein Ausstieg ohne Deal wäre für ihn "kaum das Ende der Welt." Dabei ist der Hafen von Dover nur eine kurze Autofahrt entfernt, im Falle einer harten Zollgrenze würde sich die örtliche Autobahn in einen Lastwagenparkplatz verwandeln. "Wenn Sie sich die amerikanisch-kanadische Grenze ansehen, da passieren phänomenale Zahlen von Lastwagen jeden Tag problemlos die Grenze", gibt Sir Julian sich unbekümmert. Er ist ein derartig eifriger Brexit-Befürworter, dass die europafeindliche UKIP seinetwegen auf eine Kandidatur verzichtet hat. So oder so scheint die Schützenhilfe der Rechtspopulisten Brazier wenig zu nützen. Bisher hatte sich die Opposition zu seinen Gunsten auf Liberaldemokraten und Labour verteilt, diesmal liegt er laut Umfragen Kopf an Kopf mit Labour. Er gibt zu, es sei ein "erhebliches Problem", den Sparkurs der Regierung verteidigen zu müssen. Pflichtgemäß rezitiert Brazier das konservative Mantra: "Es gibt keinen Zauberbaum, auf dem das Geld wächst." Bei der Demo gegen die Kürzungen für ein Spital macht er sich damit wenig Freunde.

Ganz im Gegensatz zu jener blonden, jungen Frau in einem knallroten Blazer, die am anderen Ende der Rasenfläche von Aktivisten umringt wird. Labours Rosie Duffield ist die Kandidatin, deren Name auf den Pappschildern in Canterburys Vorgärten bei weitem am Häufigsten zu lesen ist.

"Absolutes Desaster"

"Brexit", sagt sie, wäre "ein absolutes Desaster für Canterbury und Whitstable. Die Touristen vom Kontinent besuchen unsere Kathedrale und geben ihr Geld in Geschäften und Restaurants aus. Ganze Schulklassen kommen hier her. Unsere drei Universitäten sind unsere größten Arbeitgeber, und das Erasmus-Programm ist vom Brexit bedroht. Ich kann nicht glauben, dass unser Abgeordneter für etwas gestimmt hat, das so dramatische schädliche Auswirkungen auf diesen Ort hat."

Duffield sagt, sie akzeptiere "die Realität, dass das Land kein zweites Referendum sehen will. Alles, was wir tun können, ist Theresa Mays Plan zu bekämpfen." Auf die Frage, ob sich der Brexit auch ohne zweite Abstimmung abwenden lässt, lacht sie verschwörerisch: "Watch this space!" Man wird sehen.

Die Labour-Kandidatin spürt den Wind im Rücken. Als es zu Anfang des Wahlkampfs so aussah, als hätte der liberale Kandidat die besten Chancen gegen Brazier, lehnte sie ab, mit den Liberaldemokraten eine progressive Allianz zu bilden. Ihr Grund dafür: "Ich bin die einzige Frau, die hier kandidiert", sagt sie, "und ich war nicht bereit, das Feld vier weißen Männern zu überlassen."