Mohamed El Bachiri

© Ingrid Steiner-Gashi

Reportage
11/17/2019

Er will kein Terroropfer sein, sondern "Dschihadist der Liebe"

Vor drei Jahren verlor Mohamed El Bachiri bei den Anschlägen in Brüssel sein Frau. Die Rache des Belgiers – ein „Dschihad für die Liebe“.

von Ingrid Steiner-Gashi

Seit dem Tag, als seine Frau starb, hat Mohamed El Bachiri keine U-Bahn mehr betreten. Dabei saß der Belgier mit marokkanischen Wurzeln bis dahin zehn Jahre lang am Steuerpult von Brüsseler U-Bahnen, am Abend davor hatte er noch Spätschicht. Mohamed schlief noch, als seine Frau Loubna die drei gemeinsamen Söhne zur Schule brachte und dann in eine U-Bahn stieg, um zur Arbeit zu fahren.

Sie saß genau in jenem Waggon, in dem ein Selbstmordattentäter die Bombe zündete.

32 Menschen starben an jenem Tag im März vor drei Jahren bei den zwei Attentaten in der Brüsseler U-Bahn und am Flughafen. Zurück blieben rund 350 teils schwerst Verletzte und unzählige trauernde Familienmitglieder. Ihrer aller Leben ist heute ein gezeichnetes. Viele Opfer leiden noch immer unter physischen, psychischen und auch finanziellen Folgen der Anschläge. Mehr als die Hälfte von ihnen wartet weiter auf vollständige Entschädigung.

„Der Terrorist ist mir egal“

Warum traf es ausgerechnet seine große Liebe? Warum ist Loubna nicht mit der Metro drei Minuten früher gefahren? „Natürlich habe ich mich das gefragt“, erzählt der 38-jährige, gläubige Muslim. Und wie kann er nicht wütend sein, auf das, was passiert ist? Auf den Terroristen? „Der ist mir vollkommen egal“, erzählt er. „Das waren Verbrecher, wer will über Verbrecher nachdenken? Mein Zorn“, sagt der junge Witwer und rührt nachdenklich in einem Brüsseler Bistro in seinem Milchkaffee, „das ist die Botschaft der Liebe. Man weiß ja nicht, wie man reagiert, wenn so etwas Schreckliches passiert. Aber dem Hass der Terroristen die Botschaft der bedingungslosen und universellen Liebe der Menschen entgegenzusetzen, das muss die notwendige Antwort sein.“

Die große Anstrengung

Und so schrieb er, Nacht für Nacht, an seinem „Dschihad für die Liebe“. Eine Botschaft nicht nur an Muslime, die wissen, dass das arabische Wort Dschihad nicht für Glaubenskrieg steht. Sondern für die große Anstrengung, die jeder Muslim auf sich nehmen muss, um ein moralisches Leben zu führen.

Zigtausendfach hat sich sein Buch in Belgien verkauft. Der traurige Mann mit der sanften Botschaft und dem Plädoyer für Verständigung und Menschlichkeit wurde berühmt. Wichtig ist ihm das nicht. Mohamed El Bachiri sagt nur: „Es hat mir geholfen zu überleben, für meine Kinder.“

Und in der von den verheerenden Attentaten tief getroffenen Gesellschaft in Belgien wurde seine Botschaft dankbar aufgenommen. „Mein Buch hat auch viele Leute beruhigt, besonders Nicht-Muslime hier, die Angst vor Muslimen hatten.“ Als Sohn marokkanischer Zuwanderer wurde El Bachiri in Brüssel geboren. Er ging hier auf eine katholische Schule, wuchs im Stadtteil Molenbeek auf – ebenso wie seine Frau. Und ebenso wie die Attentäter.

Alleine gelassen

Vergangene Woche wurde er mit dem Konstanzer Konzilspreis 2019 ausgezeichnet. „Mohamed El Bachiri widerlegt mit seinen Worten und seinem Leben alle Stereotypen über Migration. Er verkörpert Würde, Toleranz und Vergebung“, sagt der ehemalige EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy über den überraschten Preisträger. Und doch ist dem dreifachen Vater, auch wenn er oft dazwischen freundlich lächelt, der anhaltende Schmerz über den Verlust anzusehen. Seine drei Buben, dreizehn, elf und sechs Jahre alt, sie waren oft wütend. Einer von ihnen flog sogar von der Schule, er konnte nicht verkraften, was seiner Mutter geschehen war. „Das war einer dieser Momente, wo ich mich so allein gelassen gefühlt habe“, erinnert sich El Bachiri. Der Staat, die Institutionen – viel zu wenig Hilfe, viel zu wenig Verständnis und viel zu wenig Wissen dafür, welche Wunden solch ein Terroranschlag auf Dauer bei den Überlebenden schlägt.

Welche Mühen die Überlebenden nach den Attentaten zu meistern haben, darüber hat El Bachiri nun erneut ein Buch geschrieben. Der Titel: „Mohameds Odyssee.“

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