Stephansdom bei Nacht

Der Stephansdom könnte ein Vorbild werden für Energieeffizienz bei historischen Gebäuden

© Kurier / Franz Gruber

Politik Ausland
12/15/2021

Ein Monsterplan: 240 Millionen Gebäude sollen saniert werden

Damit der Sektor fit für die Klimaziele werden kann, müssen drei Viertel aller Gebäude in der EU thermisch verbessert werden - unerlässlich auf dem Weg zur Klimaneutralität

von Ingrid Steiner-Gashi, Bernhard Gaul

Ohne Mantel sollte man nicht zur Weihnachtsmette in den Wiener Stephansdom gehen. Denn wärmer als 12 Grad wird es im Gotteshaus trotz Beheizung nicht. Darf es auch gar nicht werden: Die wertvollen Kunstschätze darin vertragen keine höheren Temperaturen.

Dass der Dom konstant, aber vorsichtig gewärmt wird, verdankt er einem technisch ausgereiften, vor Kurzem modernisierten Heizsystem im Fußboden. Angeschlossen ist es an das Fernwärmenetz. Sein jährlicher Verbrauch entspricht nur 30 Wiener Haushalten.

Anders gesagt: Im Vergleich zu vielen anderen historischen Gebäuden gilt der Stephansdom als energieeffizient – und damit als geringerer Treibhausgassünder. So gesehen könnte das Wiener Wahrzeichen ein Vorbild werden für die Gesetzesvorschläge, die die EU-Kommission in Brüssel am Dienstag und Mittwoch auf den Tisch legte.

Fit für minus 55 Prozent

Bis zu 240 Millionen Gebäude in der EU hat die Behörde im Visier: Sie sind für 40 Prozent des Energieverbrauchs in der Union verantwortlich und verursachen mehr als ein Drittel aller Treibhausgasemissionen in der EU. Bei rund drei Viertel des Gebäudebestands in der EU kann von Energieeffizienz kaum die Rede sein – ein Großteil der Energie wird verschwendet.

Will die EU also ihr Ziel erreichen, bis 2030 die Treibhausage um 55 Prozent (ausgehend vom Niveau 1990) zu senken, muss sie den Meißel neben Wirtschaft und Verkehr auch bei den Gebäuden ansetzen. Es muss klimaschonend saniert, verbessert und repariert werden.

EU-Klimagesetze
Was wie ein Gymnastikprogramm klingt – Fit-For-55 – ist ein  Konvolut von EU-Gesetzen zum Klimaschutz.  Gestern wurden weitere Teile davon präsentiert. Darunter: Der Fern- und grenzüberschreitende Schienenpersonenverkehr wird massiv ausgebaut.  Bis 2030 sollen doppelt so viele Menschen per Bahn reisen wie heute

Methan-Strategie
Die extrem klimaschädlichen Methangasemissionen im Energiesektor sollen reduziert werden: Methan tritt u. a. bei Ventilen, Schiebern und Lecks bei Gasleitungen aus

Wasserstoff
Vorbereitungen laufen, Wasserstoff dem Gasnetz beizumischen. Mit Wasserstoff soll also geheizt werden können

 

Theoretisch wäre es durch die Renovierung bestehender Gebäude möglich, den Gesamtenergieverbrauch in der EU um bis zu sechs Prozent zu senken und die CO2-Emissionen um rund fünf Prozent zu verringern.

Meilenweit entfernt

Doch davon ist man noch meilenweit entfernt: Derzeit wird jährlich weniger als ein Prozent des nationalen Gebäudebestands renoviert. Die Kommission hingegen fordert nun: Drei Prozent des Baubestandes jedes Jahr müssen es werden.

Wobei es Österreich und andere Länder mit besonders vielen historischen Gebäuden zu bedenken gibt. „Wenn man alle Kathedralen und Kirchen miteinbezieht, werden wir die drei Prozent nicht schaffen. Diese Vorgabe ist zu ehrgeizig“, meint ein hoher EU-Diplomat.

Das Problem in Österreich ist bekannt: Der Tausch von 900.000 Gasheizungen und 600.000 Ölheizungen (wie viele es genau sind, lässt Klimaministerin Gewessler derzeit erheben) gegen klimaschonende Heizsysteme wie Wärmepumpen wird ohne Sanierung eines Großteils der Gebäude auch bei uns nicht möglich sein.

Unter dem selbst gesteckten Ziel

Derzeit liegt die Sanierungsrate in Österreich bei 1,5 Prozent, das ist die Hälfte der im türkis-grünen Regierungsprogramm angepeilten drei Prozent. Das Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW) hat in einer Studie kürzlich gezeigt, dass es möglich sei, die Sanierungsrate bis 2025 auf 2,5 Prozent zu heben.

Dafür brauche es neben den Förderungen passende bau- und wohnrechtliche Regelungen, noch mehr Fachkräfte für alle Sanierungsphasen „und viel Kommunikation“, so IIBW-Geschäftsführer Wolfgang Amann.

Emissionsfrei

Was neue Gebäude betrifft, schreibt die Kommission vor, dass diese ab 2030 emissionsfrei sein müssen. Emissionsfrei heißt in diesem Fall: Es muss bereits energieeffizient gebaut werden. Der verbleibende Energiebedarf soll aus Strom aus erneubaren Quellen gedeckt werden. Anders als erwartet aber legte die Behörde in Brüssel gestern keine konkreten Vorgaben zu Solaranlagen auf Dächern oder den Einsatz von Wärmepumpen vor.

Die Gesetzesvorschläge, die Millionen von Hausbesitzern zu energetischen Sanierungen zwingen werden, sind Teil eines weiteren Maßnahmenbündels der EU mit dem Ziel, die europäische Wirtschaft umfassend in Richtung Klimaschutz umzubauen. So wurden auch Richtlinien zur Methanreduktion, zum Einsatz von Wasserstoff im Gasnetz, zur CO2-Speicherung und zum Ausbau des Personenbahnverkehrs vorgelegt.

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