Martialisches Auftreten und bestialische Grausamkeiten, die möglichst die ganze Welt sehen soll: Die radikal-sunnitischen Kämpfer des IS inszenieren sich als mittelalterliche Rächer ohne Gnade.

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Strategie
08/20/2014

Ein mit Öl und Geld gut geschmierter Glaubenskrieg

Der "IS" kombiniert mittelalterlichen Glaubenskrieg mit nüchterner Planung von Finanzen, Nachschub und weltweiter Rekrutierung.

von Konrad Kramar

Wie ein "Schwarm" seien sie über das Dorf hereingebrochen: Ein "Kavallerieangriff", dem Selbstmordattentäter mit sprengstoffbeladenen Wagen vorausgeeilt seien: Wer Berichte von Augenzeugen aus dem Nordirak über die Angriffe der Organisation "Islamischer Staat" (IS) liest, fühlt sich an die Attacken mittelalterlicher Reiterhorden erinnert. Dahinter aber steckt überlegte moderne Taktik.

Seit der Prediger Abu Bakr al-Baghdadi 2010 die Führung der damals unbedeutenden islamistischen Miliz übernahm, begann er, die Truppe militärisch zu reorganisieren. "Eine professionelle, militärische Haltung", schreibt der renommierte US-Experte Charles Lister dem IS gegenüber dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel zu. Dafür wurden Profis engagiert. Saddam Husseins wichtigster General Issat Ibrahim al-Duri soll seit 2010 für den Aufbau der Truppe verantwortlich sein, mit ihm Dutzende andere Offiziere aus der Armee des Ex-Diktators.

Bevor also die scheinbar mittelalterlichen Horden über die Dörfer herfallen, sorgt ein Netzwerk von Informanten und großzügig bestochenen Überläufern für die Vorbereitung. Dazu gehört etwa die konsequente Verbreitung von angstmachender Propaganda unter der Bevölkerung. Wie gut die funktioniert, zeigen die Berichte über Dörfer und ganze Städte, die dem IS kampflos überlassen wurden. Die Panik vor den Gräueltaten der islamistischen Fanatiker hatte die Menschen in Panik flüchten lassen. Selbst die als kampferprobt geltenden kurdischen Milizen leisteten vielerorts keine Gegenwehr.

Zugleich wird in den zu erobernden Gebieten genau ausgeforscht, was dort an Infrastruktur und Ressourcen vorhanden ist. Ob es sich nun um Getreide- oder Ölfelder, aber auch einen Staudamm handelt: Was der IS für sein sogenanntes Kalifat brauchen kann, wird nicht zerstört.

Und nicht nur das, es wird umgehend wieder gewinnbringend eingesetzt. Von den von den Kurden übernommen Ölquellen läuft der Schmuggel in Richtung Türkei quasi lückenlos weiter.

Milliardenbudget

"Eine wesentliche Quelle der Finanzierung" nennt der deutsche Nahost-Experte Günter Meyer gegenüber der Deutschen Welle diesen Ölhandel. Es ist bei Weitem nicht die einzige Geldquelle.

Den derzeit größten Brocken ihres Vermögens hat der IS mit der Einnahme von Mossul und der Plünderung der dortigen Filiale der irakischen Zentralbank an sich gerafft. Mehr als 300 Millionen Euro sollen ihm dabei in die Hände gefallen sein. Insgesamt aber, so schätzen irakische Regierungsvertreter, soll Al-Baghdadis Organisation mehr als zwei Milliarden Euro Budget haben. Ein Gutteil davon soll aus den Staaten der Arabischen Halbinsel, allen voran Katar, Kuwait und Saudi-Arabien, fließen. Was die Scheichs in diesem Fall besonders großzügig stimmte, war der Kampf des IS gegen das Assad-Regime in Syrien. Ähnlich wie bei El-Kaida gibt es im weiteren Umfeld der Herrscherhäuser genügend reiche Finanziers für die Dschihadisten, auch wenn sich die saudische Führung inzwischen offiziell von ihnen distanziert.

Bedroht fühlt sich das Königreich vor allem durch die Tausenden saudischen Kämpfer, die für den IS an der Front in Syrien und im Irak stehen. Auch in der Rekrutierung ausländischer Kämpfer ist Al-Baghdadis Organisation effizienter als jede islamistische Terrorgruppe vor ihr.

Bis zu 3000 der mehr als 10.000 Dschihad-Söldner kommen aus Europa – auch aus Österreich. Anwerbung und Transport an die Front sind gut organisiert. Erfahrene Kämpfer werden nach Europa geschickt, um den Nachwuchs – samt Spenden aus deren Umfeld – zu dirigieren. Ein Netzwerk, so solide organisiert, dass es auch militärische Rückschläge aushält. "Der IS ist mittlerweile so stark geworden", so US-Experte Lister, "dass jede Gegenstrategie Jahre brauchen wird".

Lesen Sie in der Chronik über die Verhaftung islamistischer Kämpfer in Österreich.

Wie das virale Netzwerk der Terroristen funktioniert

Zeigen oder nicht zeigen? Das IS-Video, das die Enthauptung des US-Journalisten Foley zeigt, hat die Debatte über den Umgang mit derart bestialischen Bildern neu aufflammen lassen: Im Feuilleton und im Netz wurde unter dem Hashtag #ISISmediaBlackout gefordert, die Verbreitung des Materials zu unterlassen.

Das Argument: Man bediene schließlich die Propaganda-Maschinerie der Terrorgruppe – denn die Dschihadisten ebnen sich ihren Weg nicht nur im Kampf, sondern auch mit viralen Strategien. So produziert man etwa Kriegsfilme, die in ihrer Hochglanz-Optik jedem US-Blockbuster Konkurrenz machen: Zuletzt wurde "Das Klirren der Schwerter IV" hunderttausendfach angeklickt, bevor Youtube es gelöscht hat – in dem Film mischen sich reale Szenen der IS-Dschihadisten mit gestellten Aufnahmen, die frappant an US-Filme wie „Zero Dark Thirty“ oder „The Hurt Locker“ erinnern; Slow-Motion und professionelle Nachbearbeitung inklusive.

Die perfekte Waffe

Auf Youtube ist das Video zwar nicht mehr zu finden, dafür aber auf diversen anderen, unbekannteren Seiten. Um Sperren auf den großen Portalen zu umgehen - die dafür zwar ohnehin einige Zeit brauchen, aber für den medialen Feldzug der Kämpfer unabdingbar sind -, hat die Gruppe eine App namens "Dawn of the Glad Tidings" (deutsch: Dämmerung der guten Neuigkeiten) entwickelt: Mithilfe dieser App, verfügbar für iPhone wie Android, können die Kämpfer ihre Propaganda über die Twitter-Accounts ihrer Sympathisanten verbreiten – hat man die Applikation einmal heruntergeladen, haben die Dschihadisten Zugriff auf das soziale Netz des Nutzers. Die perfekte Waffe nahezu - damit umgeht IS nämlich auch das ewige Spiel des Account-Löschens, Account-Neu-Eröffnens auf Twitter.

Dschihad-Katzen

Doch auch auf Facebook und Instagram zeigt die Terrormiliz Präsenz – dort oft über die Accounts der Kämpfer selbst, die sich dort mit Kampf-Fotos oder Aufnahmen aus dem privaten Umfeld zeigen. Höchst beliebt sind seit geraumer Zeit Fotos mit Katzen: „Cats of Jijhad“ nennt sich der Trend, man posiert mit Waffen, in Montur und seinen felinen Freunden; eine Reverenz an Mohammed, der selbst ein großer Katzenfreund gewesen sein soll.

Dies soll vor allem – Stichwort Vorbildwirkung – der Rekrutierung neuer Kämpfer dienen, der Coolness-Faktor der Bilder fördert dies natürlich. Aber auch abschrecken will man damit: Ankündigungen, welches Ziel als nächstes angegriffen werde, haben schon oft zur Flucht der Bevölkerung und auch der gegnerischen Einheiten geführt. Zu jenem Zeitpunkt, als IS auf dem bisherigen Höhepunkt ihres Vormarsches ankündigte, Bagdad erobern zu wollen, fand man auf Twitter unter dem Hashtag #Baghdad ausschließlich Material der IS-Propagandisten.

Schmaler Grat

Viral ist derzeit auch ein anderes Video – und zwar die mehrteilige Reportage von Vice, die die IS-Terroristen in Syrien zeigt: Reporter des Portals, das für seine eigenwilligen Zugänge zu Geschichten bekannt ist, haben die Kämpfer bei all ihren, teils unmenschlichen Aktivitäten begleitet. Dass dies in all seiner Schrecklichkeit gezeigt wird, hat Vice nicht nur Lob eingebracht; auf der anderen Seite machten sich viele stark für die Reportage, da es bisher kein anderes Medium gewagt hatte, sich so nah an die Terroristen heranzuwagen.

Die Debatte, wie sehr man sich selbst zum Mitläufer macht, wenn man Material der IS zeigt, wird also mit Sicherheit noch weitergehen. Twitter hat übrigens auf den "Blackout"-Aufschrei reagiert: Alle Accounts, die das Enthauptungs-Material verbreiten, werden nun kurzerhand gesperrt.

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