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Reportage
12/16/2019

Drei Stunden zu Fuß in die Arbeit: Wie der Öffi-Streik Paris lähmt

Überfüllte Waggons, ohnmächtige Passagiere, gefährliches Gedränge: Zwei Betroffene über das bereits elftägige Protest-Chaos.

von Danny Leder

Vor elf Tagen hat der Bahn- und Öffi-Streik gegen die Rentenreform der französischen Regierung begonnen. Nabila und Sophie, zwei Vertragsbedienstete einer Pariser Universitätsbibliothek, benützen für ihren täglichen Spießrutenlauf seither ein Wort: „La galère“.

Eigentlich ist damit ein mittelalterliches Kriegsschiff gemeint, das von rudernden Sträflingen unter Peitschenhieben vorangetrieben wurde. Aber im heutigen Frankreich steht das Wort für allgemeines Ungemach.

Schon in Normalzeiten müssen die Bibliothekarinnen mit schwierigsten Transportbedingungen zurechtkommen – wie die meisten Pendler im Pariser Großraum mit seinen 12 Millionen Einwohnern, von denen sich ein gutes Drittel quer durch die Metropole wälzen.

Tägliche Odyssee

Am Schlimmsten trifft es die nördlichen Vororte. Dort wohnen die meisten Niedrigverdiener und Menschen mit Migrationshintergrund, ohne deren tägliche Odyssee nach Paris die Hotels, Gaststätten, Bäckereien, Kaufhäuser oder Spitäler zusperren müssten.

Die meist benützte U-Bahn aus dem Norden nach Paris, die Linie 13, ist zu Stoßzeiten derartig überfüllt, dass Passagiere immer wieder in Ohnmacht fallen. Aber seit Beginn des Streiks ist die Linie 13 komplett geschlossen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will die 42 Pensionskassen des Landes vereinen. Für alle Beschäftigten sollen künftig die selben Entgeltpunkte als Berechnungsgrundlage gelten. Das Alter für eine Vollpension wird bis 2027 von 62 auf 64 Jahre  angehoben.

Alle Gewerkschaften kritisieren eine Verschlechterung für Geringverdiener und Schwerarbeiter. Für Dienstag ist ein Generalstreik mit Großdemos angesetzt. Radikale Gewerkschaften, die seit elf Tagen Bahn und Öffis lahmlegen, wollen während der Feiertage weiterstreiken.

Nabila, die im nördlichen Vorort Saint Ouen wohnt, und deren Bibliothek sich am südlichen Seine-Ufer befindet, versuchte auf Buslinien auszuweichen. Weil diese aber seit Streikbeginn ebenfalls nur mehr beschränkt unterwegs sind, muss Nabila, eine friedfertige Person, fürchten, beim Sturm auf die wenigen noch verfügbaren Busse von anderen Wartenden weggedrängt zu werden.

Ihre Kollegin Sophie, die noch weiter nördlich, im Speckgürtel, wohnt, hat es aufgegeben, um einen winzigen Stehplatz in ihrer S-Bahn zu kämpfen, weil auf dieser Strecke seit Streikbeginn nur mehr ein Viertel der Züge unterwegs sind. Stattdessen nimmt sie einen privaten Bus, den ihre Gemeinde gemietet hat, der aber dreimal so lang braucht, und für den sie vor vier Uhr früh aufstehen muss.

U-Bahnen ohne Fahrer

In Paris angekommen, beginnen neue Probleme. Die Bibliothek von Nabila und Sophie liegt zwar an einer der beiden Metro-Linien, die ohne Lenker fahren und deswegen nicht bestreikt werden. Aber genau deswegen sind sie überlaufen.

Metro-Bedienstete und Security-Kräfte privater Firmen versuchen zwar die heranstürmenden Massen zu bremsen, damit Menschen nicht auf die Gleise stürzen, aber in den endlosen unterirdischen Gängen zwischen den Stationen kreuzen sich auf engstem Raum gewaltige Mengen mit unterschiedlichen Zielrichtungen.

„Das letzte Mal bin ich fast aus einem Schuh gerutscht. Wenn ich den verloren hätte, weiß ich nicht, ob ich nicht niedergerannt worden wäre“, erinnert sich Nabila, die jetzt lieber einen dreistündigen Fußmarsch in Kauf nimmt.

Verletzt und erkältet

Kollegen kommen per Rad, manche auf einem Roller. „Aber wenn es regnet, sind sie durchnässt und bei uns gibt es keine Umkleideräume. Viele sind das Radfahren nicht gewohnt, schon gar nicht unter den immer aggressiveren, übrigen Radlern und Motorradfahrern. Sie stürzen, verletzten sich, viele sind erkältet.“

„An gewissen Stellen werden jetzt S-Bahn-Waggons für Frauen und Kinder freigehalten. Das mag eine provisorische Lösung sein, aber wir rücken damit in die Nähe des saudi-arabischen Modells“, bedauert Nabila, die den islamischen Fundamentalismus fürchtet, den sie in ihrer Heimat Tunesien anwachsen sah.

Sophie, die aus dem Elsass stammt und in Paris alleine lebt, ist verzweifelt, weil ihre Hoffnung verblasst, die Weihnachtsferien in Straßburg bei ihrer Familie zu verbringen. Alles deutet daraufhin, dass der Bahnstreik über Weihnachten anhält. Die Bahndirektion rechnet – bestenfalls – damit, die Hälfte der reservierten Zugfahrten zu gewährleisten.

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