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Politik Ausland
09/26/2021

"Die Taliban zwingen mich, in die Moschee zu gehen"

Masoods Familie wurde von den Taliban mit einem Todesbann belegt. Österreich verwehrte ihm Asyl, jetzt fürchtet er in Kabul um sein Leben.

von Caroline Ferstl

Masood Z. entschuldigt sich für sein gebrochenes Deutsch. Dabei ist das gar nicht nötig, er spricht deutlich, versteht jede Frage.

"Heute geht es mir gut. Weil ich mit Ihnen reden kann." Mit diesen Worten beginnt er das Telefonat mit dem KURIER.

Der 47-jährige Afghane sitzt in Kabul, versteckt sich dort vor den Taliban. Am Telefon erzählt er über seinen Alltag: dass er gezwungen werde, einen Bart zu tragen und in die Moschee zu gehen. Dass er sein Haus nur mehr mit einem falschen Handy verlasse, damit bei Kontrollen nicht herauskäme, dass er Kontakt nach Europa hat. Dass Musik und Feiern verboten seien, und seine Töchter und Frau das Haus nicht mehr verlassen. Dass er nicht mehr arbeiten könne und Angst hat.

Angst um sein Leben.

Auf der Liste der Taliban

Das Telefonat nach Afghanistan findet in der Wohnung von Veronika P. in Wien statt. Die 75-Jährige lernte Masood 2017 kennen, ein Jahr, nachdem dieser nach Österreich gekommen war,  und auf einem Flohmarkt nach Kleidung suchte. "Auf sein Äußeres hat er immer geachtet", erzählt seine "österreichische" Mutter. "Aber an seinen Augen merkt man, dass es ihm nicht gut geht."

Sie erzählt dem KURIER Masoods Geschichte. Diese handelt von unglücklichen Gerichtsverfahren, einem Leben in Angst und einem Todesbann.

Masoods Vater war ein hochrangiger General in der roten Armee, dem Heer des kommunistischen sowjetischen Regimes, das bis 1989 Afghanistan beherrschte. Für die Taliban galt die Familie als Verräter, über ihr liege bis heute ein "Todesbann". Das erzählt Masoods Bruder, den der KURIER ebenfalls kontaktiert. Für die Familie war es in Afghanistan nicht länger sicher, 1992 wurde ihr Haus bei einem Raketenanschlag der Taliban zerstört. Masoods Schwester starb dabei.

2002 gelang die Flucht über Pakistan nach Österreich – für alle außer Masood. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits volljährig, hatte Familie und Kinder. Die Geflüchteten erhielten aufgrund der Vorgeschichte des Vaters Asyl in Österreich.

Die UdSSR marschierte 1979 ein, als Afghanistan sich in Richtung USA zu orientieren drohte – sie blieb 10 Jahre. Den (islamistischen) Widerstand unterstützten wiederum die USA. Nach Abzug und Zusammenbruch der UdSSR zerbrach die Regierung. Ein Bürgerkrieg folgte.

1994 formierten sich aus den Islamisten die Taliban, die schließlich 1996 bis 2001 regierten, bis sie mithilfe der NATO gestürzt wurden. Im August 2021 zog die NATO ab.

Für Masood reichte dieser Grund ein Jahrzehnt später nicht mehr: Als er 2016 mit seinem damals 19-jährigen Sohn nach Österreich kam, wurde ihm der Asylstatus verweht. Missverständnisse mit dem Dolmetscher und sein psychischer Zustand – Masood leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung – erschwerten das Verfahren. Veronika P. unterstützte den Afghanen, ihre Zeugenaussage wurde jedoch, genauso wie jene von Masoods Vater, abgelehnt. Dass seine Familie in Österreich bereits Asyl erhalten hat, wurde laut Veronika P. von den Gerichten nicht berücksichtigt.

Man ging durch die erste, zweite Instanz, doch die Gerichte waren sich einig: Als Kommunistenspross in Afghanistan zu leben, sei nicht lebensbedrohlich.

Nach einer außerordentlichen Revision waren Masood und sein Sohn zur Abschiebung freigegeben. Man entschied sich, freiwillig zu gehen. Veronika P. zufolge stand jedoch plötzlich die Polizei vor der Haustür, brachte die Männer in Schubhaft und zwang sie zu einer vorzeitigen Rückkehr – Monate vor dem mit den Behörden abgemachten Ausreisetermin. Die 75-Jährige nutzte alle erdenklichen Kontakte, doch erfolglos: Am 18. Februar kehrte Masood zurück nach Afghanistan. Der Sohn war kurz davor abgetaucht, keiner wusste, wohin.

Bis nach Frankreich

Seitdem sind Veronika P. und Masood beinahe täglich in Kontakt – kommuniziert wird, wenn Masood Geld für Internet hat, über Signal. WhatsApp werde von den Taliban kontrolliert, sagt er. Veronika P. unterstützt ihn finanziell und tut alles Erdenkliche, um Notasyl für Masood zu bekommen. Ihre Schreiben an diverse Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International  sowie das Präsidialamt blieben bis dato aber erfolglos. Sogar zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte würde sie für ihren "Sohn", wie sie Masood nennt, gehen: "Ich schäme mich für unser Land, unsere Regierung, und dieses menschenverachtende Verhalten."

Auch Masoods Bruder, der 2002 nach Österreich kam und Asyl erhielt, mittlerweile 27 Jahre alt ist und in einem Geschäft für Friseurbedarf arbeitet, steht regelmäßig in Kontakt mit ihm: "Natürlich machen wir uns Sorgen. Ich könnte mir jetzt nicht vorstellen, dort zu leben. Es ist schwer zu wissen, dass ein Teil meiner Familie in Lebensgefahr ist."

Unlängst kontrollierten die Taliban die Straße, in der Masood wohnt. Er hatte Glück: Wenn sie herausfänden, wer er ist, ist es vorbei, fürchtet er.

Sein Sohn ist übrigens in Frankreich aufgetaucht. Sein Asylverfahren läuft. Österreich wollte ihn zur Abschiebung zurückhaben.

Frankreich hat das verwehrt.

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