Politik | Ausland
02.05.2017

Die Perle Flanderns glänzt wieder

Wie der "Beste Bürgermeister der Welt" seine darniederliegende Stadt mit Integration und Null-Toleranz-Politik umkrempelte.

Das Glockenspiel vom mächtigen, mittelalterlichen St. Rombouts-Turm legt sich wie eine weiche Wolke über die historische Altstadt. Frisch renoviert, entstaubt und blitzsauber präsentiert sich die belgische Stadt Mechelen mit ihren fast dreihundert Renaissance-Gebäuden – eine Perle Flanderns. "Wir sind nicht das Paradies", sagt Bart Somers, "aber was wir geschafft haben, ist die völlige Trendumkehr." Eine radikale Kursänderung, die Somers, dem Stadtchef Mechelens, im Vorjahr die Auszeichnung des "besten Bürgermeisters der Welt" einbrachte.

Vor wenigen Jahren war alles noch anders: Der niedergehenden Stadt, kaum eine halbe Autostunde von Brüssel entfernt, liefen die mittelständischen Bewohner davon. Häuser und Geschäfte verfielen, Schmutz überall, Migranten-Gettos bildeten sich, die Kriminalitätsrate explodierte. " Mechelen galt, als ich im Jahr 2000 zum ersten Mal gewählt wurde, als die schmutzigste Stadt Flanderns. Pro Monat wurden damals an die 60 Diebstähle gemeldet. Heute ist es einer." Gesiegt hatte der damals junge Liberale mit nichts Geringerem als dem Versprechen: Seine Heimatstadt mit den rund 86.000 Einwohnern werde wieder blühen.

138 Nationalitäten

Wie er es tatsächlich geschafft habe, wollen seitdem zahllose Politiker aus ganz Europa von ihm wissen. Wie konnte Bart Somers verhindern, dass aus der großen Zahl muslimischer Bewohner Mechelens kein einziger junger Mann zum Kämpfen nach Syrien zog? Aus der benachbarten, etwa gleich großen Stadt Vilvoorde dagegen haben sich 27 Bewohner der Terrormiliz "Islamischen Staat" angeschlossen.

Beim Erzählen hebt es den energiegeladenen Bart Somers fast aus dem Sitz. Es ist nicht einfach ein politisches Konzept, das der Bürgermeister mit größter Leidenschaft schildert, sondern die Vision eines bestmöglichen städtischen Zusammenlebens: "Als ich hier aufgewachsen bin, gab es keinen einzigen Zuwanderer. Heute haben wir 138 verschiedene Nationalitäten in unserer Stadt – aber für mich sind sie nicht Migranten oder Muslime, sie sind 86.000 Individuen." Diese Verschiedenheit sei nun Mechelens Lebensrealität, "und wir wollen das Beste daraus machen", sagt Somers dem KURIER. Jeder Bewohner sei Teil dieser Stadt, jeder müsse aber auch seinen Teil dazu beitragen.

Hart und herzlich

"Meine Politik steht auf zwei Beinen", sagt Somers und klopft sich wie zum Beweis auf die Schenkel. Zum einen auf strengen Law-and-Order-Prinzipien, zum anderen auf umfassender Integration. "Ganz am Anfang mussten wir hart durchgreifen. Wir haben die Polizei massiv verstärkt, überall Kameras aufgehängt und strikte Ordnung durchgesetzt."

Bei Belgiens linken Politikern geriet Bart Somers sogleich in Verruf. Er verfolge eine "Null-Toleranz-Politik", wurde ihm vorgeworfen, was der zweifache Familienvater gar nicht bestreitet. Sofort aber ergänzt er: "Wenn es keine klaren Regeln in der Gesellschaft gibt, wie kann ich dann Teil dieser Gesellschaft sein?"

Gleichzeitig aber setzte Somers alle Hebel in Bewegung, alle Stadtbewohner zu integrieren. Beamte, Sozialarbeiter, Lehrer, Firmenchefs, Vereine, Nachbarn – mit allen suchte er das Gespräch, versuchte Konzepte zu entwickeln, wie alle Bewohner Mechelens "hereingeholt" werden könnten und niemand "draußen" bleibe. "Wir haben mit den mittelständischen Eltern geredet und sie versucht zu überzeugen: Bringt eure Kinder in gemeinsame Schulen, wo nicht hier die Migranten-Kinder und dort die anderen sind – und wir von der Stadt sorgen dafür, dass dies gute Schulen sein werden." In vier von sechs Schulen Mechelens ließ sich dies durchsetzen.

Unerlässlich für den Integrationserfolg der Stadt sei aber immer gewesen, so Somers: "Wir von der Stadtführung wollten nichts für die Leute erreichen, sondern mit ihnen." Nicht gegenseitige Kontrolle sei das Ziel, sondern Verantwortung füreinander zu übernehmen. "Wenn jemand sieht, dass ein Jugendlicher abzugleiten droht, kann er immer ins Rathaus kommen. Denn man weiß, dass wir hier den Jungen nicht als potenziellen Kriminellen sehen, sondern als einen, dem man helfen muss." Väter-Programme seien entwickelt worden, um ihnen klarzumachen, wenn deren Kinder nächtens durch Straßen zogen: "Hey, es sind eure Kinder, ihr seid für sie verantwortlich."

Zuwanderer im Hotel

Zuweilen griff der Stadtchef zu ungewöhnlichen Methoden – besonders, um die Gettobildung von Zuwanderervierteln zu verhindern. "Wir haben die Häuser gesucht, wo Zuwanderer zu horrenden Mietpreisen in schlechte Unterkünften gepfercht waren. Dann haben wir diese Menschen in Hotels untergebracht, bis wir adäquaten Wohnraum gefunden haben – und die Hotelrechnung dem Hausbesitzer geschickt."

Nicht alle Bewohner Mechelens konnte Bart Somers mit seinem multikulturellem Führungsstil überzeugen. Noch immer wählen zehn Prozent extrem rechts – nach allerdings 32 Prozent am Anfang der 2000er-Jahre. Und manchmal, gibt Somers zu, brauche es auch einfach Zeit. Zehn Jahre lang etwa habe er gegen heftigen Widerstand vieler Bewohner andiskutiert, damit Mechelens Muslime nach deren Wunsch mit dem Gesicht Richtung Mekka begraben werden dürfen. Der Bürgermeister hat es erreicht.