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Politik Ausland
11/20/2020

Die letzten Reserven: Wo überall die Intensivbetten ausgehen

Europas Intensivstationen sind teils übervoll mit Covid-Patienten. Der Vergleich zeigt: Ein gut ausgestattetes Gesundheitssystem wie in Österreich hilft – aber nur mit Abstrichen.

von Evelyn Peternel

753 Tote binnen 24 Stunden. Knapp 3.500 Covid-Kranke auf den Intensivstationen. Und vier von 100 Patienten, die das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen.

Corona hat Italien fest im Griff, schon wieder. Wie konnte das passieren?

Eine Antwort darauf gibt ein Blick auf das Gesundheitssystem. Dass unser südlicher Nachbar erneut so heftig von der Pandemie getroffen wird, dass die Intensivstationen zu zwei Dritteln nur mit Covid-Patienten belegt sind, hat nämlich viel mit Ausstattung und Personal zu tun: Italien hat pro Kopf etwas mehr als ein Drittel der Intensiv-Kapazitäten Österreichs, Deutschland hat sogar vier Mal so viele Intensivbetten.

Dazu kommt, dass die Italiener – trotz massenhafter Rekrutierungsversuche über den Sommer – noch immer zu wenig Ärzte und Pfleger haben. "Die Personalausstattung ist praktisch dieselbe wie im Sommer", sagt Giovanni Leoni, Vizepräsident der italienischen Ärztevereinigung.

Europaweites Problem

Die Probleme, mit denen Italien zu kämpfen hat, sind freilich nicht nur dort zu finden. In ganz Europa gehen die Intensivbetten wie auch die Personalkapazitäten langsam zur Neige. Wie schnell die letzten Reserven aufgebraucht sind, hängt auf den ersten Blick natürlich mit der Bettenzahl zusammen – nur: Viele Betten alleine reichen nicht, um eine Gesellschaft durch eine zehrende Pandemie wie die jetzige zu tragen.

Gut beobachten kann man das am Beispiel Belgiens. Der 11,5-Millionen-Einwohner-Staat zählt laut OECD zu den drei bestausgestatteten Ländern Europas; auf 100.000 Einwohner kommen dort 17,4 Intensivbetten. Das ist zwar nicht so viel wie in Österreich – hier sind es 22,5 – aber im Vergleich zu anderen Staaten enorm viel: Irland etwa hat fünf Intensivbetten pro 100.000 Einwohner.

Dennoch sind Belgiens Intensivstationen voller als alle anderen Europas: Knapp drei Viertel der Intensivbetten dort sind mit Covid-19-Patienten belegt. Zu tun hat das zum einen mit der Altersstruktur der Patienten; in Belgien gab es unzählige Fälle in Alten- und Pflegeheimen – und ältere Patienten landen eher auf Intensivstationen als jüngere. Zum anderen kämpft Belgien schon länger mit höheren Fallzahlen als andere Länder – und auch dieser Zeitfaktor wirkt sich aus: Bis sich die Lage auf Intensivstationen wieder normalisiert, dauert es laut Experten mindestens acht Wochen – je nachdem, wann die Lockdown-Maßnahmen zu wirken beginnen.

Kritischer Punkt

Die Auslastung, wie Belgien sie derzeit noch immer hat – der Höhepunkt der zweiten Welle scheint dort ja überschritten –, wäre in Österreich so nicht tragbar. Hierzulande sei "der kritische Bereich bei 40 Prozent", wie Herwig Ostermann, Chef der Gesundheit Österreich und Mitglied des Krisenstabs im Gesundheitsressort, kürzlich sagte. Noch sind wir dort nicht angelangt, zumal man die Zahl um einige hundert Betten aufstocken kann.

Die Möglichkeit, die Kapazitäten zu vergrößern, hat freilich jedes Land – das ist ein Faktor, der den Intensivbetten-Vergleich ein wenig verzerrt.

Auch die Debatte innerhalb eines Landes kann dadurch in die Schieflage geraraten – das hat man in der Schweiz beobachten können: Dort schlug kürzlich die Gesellschaft für Intensivmedizin Alarm, dass alle 876 zertifizierten Intensivbetten belegt seien – wie kann das sein, in einem der reichsten Länder der Welt? Die simple Erklärung: Man hat vergessen zu sagen, dass es Aufstockungsoptionen mit Notbetten gibt – ganze 1.600 zusätzlich nämlich, was dann fast einer Verdreifachung gleichkäme.

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