TV-Duell in Deutschland: Raute versus Doppeldaumen

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Foto: APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ/FREDERICK FLORIN Das Duell zwischen Schulz und Merkel

Heute treffen Angela Merkel und Martin Schulz erstmals live aufeinander. Anders als in Österreich ist es die einzige TV-Konfrontation – und darum umso wichtiger: Die Hälfte der deutschen Wähler ist noch unentschieden.


Was ist Merkels Taktik? Und wie lautet Schulz' Plan?


Der KURIER berichtet ab 20 Uhr live über das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz

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Hase und Igel: Angela Merkel

Anfang der Woche gab Angela Merkel einen Vorgeschmack darauf, was die Zuseher am heutigen Sonntag erwartet. Zwei Stunden saß sie da in der Bundespressekonferenz, jenem Forum, dem sie sich netterweise einmal im Jahr stellt. Ihre Performance: beständig, selbstironisch, selbstsicher. Aber wackelig? Oder gar schwach? Ach, sie doch nicht.

Angela Merkel weiß, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Dass es nicht der große Auftritt ist, das kennt man aus ihrer Zeit als Oppositionsführerin; sie überzeugt, aber emotional ist das nie. Dass ihr das bei direkten Duellen zu schaffen macht, weiß man seit der ersten Konfrontation mit Gerhard Schröder: Sitzt Merkel allein vor einer Journalistenmeute, kann sie brillieren, denn es fehlt der Vergleich; sitzt jemand neben ihr, der mehr Verve hat, nun ja, dann sieht es schlecht aus: Schröder holte nach dem Duell damals massiv auf.

Irgendwie logisch, dass Martin Schulz’ Team nun auf eine ähnlichen Effekt hofft. Der Rheinländer ist ein guter Redner, und im Kanzleramt nimmt man ihn trotz Umfrageflaute ebenso ernst wie in Zeiten des Hypes.

Das Kanzleramts-Korsett

Die Taktik lautet darum: vorsorgen. Schon bei den Vorverhandlungen zum Duell zwang Merkels Truppe die Sender dazu, ja nicht zu viel Spielraum zu lassen, in dem Schulz sie attackieren könnte – es gibt kein Publikum, und direkte Gespräche zwischen den beiden sind nicht vorgesehen. Dazu hat Merkel verhindert, dass es mehr als ein direktes Duell zwischen den Spitzenkandidaten gibt. ARD, ZDF, RTL und SAT 1 müssen parallel übertragen – in Österreich, wo jeder mehrmals gegen die anderen antritt, undenkbar.

Beobachter unterstellten Merkel deshalb Ängstlichkeit, manche warfen ihr gar Erpressung vor. Objektiv betrachtet passt das aber zu ihrem Stil: Sie will die Kontrolle behalten, jeden Angriff vorweg nehmen. Hase und Igel also: Wo auch immer Schulz hinläuft, Merkel war schon da. Seinen Gerechtigkeits-Wahlkampf pariert sie mit dem Hinweis, dass man Arbeit schaffen müsse, bevor man verteilen könne; seine Ideen zu Rente, Steuern, Bildung kontert sie, indem sie sagt, haben wir alles schon gemacht, nur ein bisschen anders.

An dieser Methode hat sich die SPD schon 2009 und 2013 die Zähne ausgebissen. Am offensichtlichsten gelitten hat Peer Steinbrück, der 2013 die Nerven verlor– und sich kurz vor der Wahl mit Stinkefinger porträtieren ließ. "Die Kanzlerin hat die einmalige Gabe, alles an sich abperlen zulassen, Politikwenden zu vollziehen und dennoch als Ausbund der Ruhe und Kontinuität zu erscheinen", sagt der Berliner Politologe Wolfgang Merkel, weder verwandt noch verschwägert mit ihr. Die Raute ist dafür das Symbol: Steepling nennt man das in der Forschung; eine Geste mit den Händen, die höchste Zuversicht ausdrücken soll.

Immer verloren, immer gewonnen

Was bei der Kanzlerin noch dazukommt, ist ihre nicht gespielte Bescheidenheit. "Sie tritt bescheiden auf und ist als Person integer", sagt Politologe Merkel. Seit Beginn ihrer Kanzlerschaft gab es keine Affären, in die sie persönlich verwickelt war; die SPD hatte indes immer mit dem Bonzen-Nimbus zu tun – siehe Gerhard Schröder und Rosneft.

Ob ihr das im direkten Vergleich vor gut 20 Millionen Zusehern nützen wird? Die Wähler glauben ja: 33 Prozent tippen auf sie, nur 10 auf Schulz. Wobei selbst das ihr egal sein könnte: Merkel hat nämlich bisher kein einziges der TV-Duelle gewonnen – die Wahlen danach aber alle.


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Die Kanzlerin stellen: Martin Schulz

Martin Schulz schreibt Tagebuch. Jeden Abend. Es ist ein Ritual, das er während seiner Entziehungskur begann und das er beibehalten hat. Den Kampf gegen die Alkoholsucht hat er gewonnen, diese Geschichte erzählte er in den vergangenen Monaten oft. Der SPD-Kandidat ist ein Kämpfer, einer der sich wieder aufrappelt, das hat er in diesem Wahlkampf bewiesen.

Denn trotz des verpufften Hypes, drei Schlappen bei den Landtagswahlen, den konstant schlechten Umfragewerten zieht der Rheinländer selbstbewusst durch die Lande. Er schüttelt Hände, winkt und reckt lachend beide Daumen.  Mit aufgekrempelten Hemdsärmeln steht er auf der Bühne und verspricht im rheinischen Sing-Sang, sich für mehr Gerechtigkeit bei Löhnen, Bildung und Rente einzusetzen. Das kommt im Publikum an. „Er ist kämpferisch, er weiß, was er will“, sagte Manuela, eine Erzieherin, die nach Magdeburg gekommen war, um ihn zu sehen. Was ihr missfällt: „Es wird viel versprochen, aber kaum über Details und Finanzierung gesprochen.“

Zu unkonkret – das ist nur ein Manko von Martin Schulz. Er hat noch ein ganz anderes Problem: Deutschland geht es momentan einfach zu gut.  Das sei eine Phase, in der es für jeden Kandidaten schwierig wäre, die Wahl zu gewinnen, meint der Münchner Politikwissenschaftler Stefan Wurster: „Da lässt sich nicht einfach eine Wechselstimmung  erzeugen.“  Auch weil die SPD mit in der Regierung und für viele Reformen verantwortlich gewesen sei.

Akribische Vorbereitung

Dennoch hofft man in der SPD auf eine Wende, das TV-Duell sei die letzte Chance. Kanzlerkandidat Schulz bereitet sich seit Wochen  penibel vor, spielt mit seinem Team Fragen und Antworten durch und engagierte einen Coach, der weiß, was im Fernsehen funktioniert – den österreichischen Journalisten Markus Peichl , der 2009 auch Frank-Walter Steinmeier vor dem Duell mit Angela Merkel beriet.

Wie Schulz die Kanzlerin thematisch stellen könnte, weiß Politologe Wurster: „Etwa, wie wir in Zukunft arbeiten:  In puncto Digitalisierung der Industrie ist Deutschland schlecht aufgestellt. Auch  bei Bildung und Infrastruktur gibt es Defizite. Da ist nicht zu erkennen, dass die Union zukunftsweisende Konzepte präsentiert.“

Unklar sei auch, wie sie sich die Zukunft der Flüchtlingspolitik vorstellt. Hier mögliche Integrationsmaßnahmen anzusprechen, könnte linke Wähler interessieren, ist Wurster überzeugt. Allerdings müsse Schulz aufpassen, denn die sozialdemokratische Wählerschaft sei uneins. Auch Merkel eine Kehrtwende in der „Willkommenskultur“ vorzuwerfen, sei heikel. Denn die SPD habe in der Großen Koalition alle Verschärfungen in der Asyl- und Migrationspolitik mitgetragen.

Kein Pistolenfinger

Angriffe auf die Kanzlerin, die Schulz zuletzt als „abgehoben“ bezeichnete, wird er vermeiden: „Ich respektiere Frau Merkel sehr. Wir kennen uns gut und haben häufig erfolgreich auf europäischer Ebene zusammengearbeitet.“ Apropos. Schulz’ Faust, die er bei Reden gerne auf den Tisch drückt, ist ein Überbleibsel aus seiner Zeit im Europaparlament.  Ebenso sein „Pistolenfinger“, den hat man ihm aber schon längst abtrainiert.

Ob Schulz’ Plan heute aufgeht und er das Ruder wirklich noch rumreißen kann?  Selbst für diesen Fall  hat er eine Idee, was er dann am Wahltag, den 24. September, in sein Tagebuch schreiben würde: „Es ist vollbracht.“

(kurier) Erstellt am
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