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31.08.2017

Guttenberg: Comeback auf Politbühne mit markigen Sprüchen

Applaus und Bierzelt-Atmosphäre: Karl-Theodor zu Guttenberg ist wieder da und macht Wahlkampf für die CSU.

Das Gel ist aus den Haaren, der Hemdkragen offen: Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurück. Zwar (noch) nicht in einem politischen Amt, aber als Wahlkampfhelfer der CSU. Im lässigen Sakko und selbstbewusst lächelnd betrat er am Mittwoch die Bühne der Stadthalle in Kulmbach, seinem Heimatort in Oberfranken. Mehr als 1.100 Menschen sind gekommen, um den ehemaligen Polit-Star zu sehen. Und der 45-Jährige weiß, was sie hören wollen: "Meine Heimat war, ist und wird immer dieses Oberfranken sein." Und für die vielen Kameras gibt es am Ende eine Umarmung mit Ehefrau Stephanie. Es ist fast so wie früher, als die beiden als Glamour-Paar der deutschen Politik galten. Das ist mehr als sechs Jahre her - und war vor der Plagiatsaffäre, die ihn zum Rücktritt zwang.

Plagiats-Affäre

Guttenberg galt als eines der größten politischen Talente mit Adelstitel, Schloss und geschliffenem Wortschatz. Und galt als große Hoffnung der CSU, in der er schnell Karriere machte. Noch keine 37 Jahre alt, avancierte der Spross eines ins zwölfte Jahrhundert zurückreichenden fränkischen Adelsgeschlechts binnen acht Monaten vom CSU-Generalsekretär zum Bundeswirtschaftsminister. Bereits ein Jahr später wurde "der junge Baron", wie Guttenberg halb anerkennend und halb spöttelnd in der CSU genannt wird, zum Verteidigungsminister ernannt - der jüngste, den die Bundesrepublik je hatte. Und es hätte noch weitergehen können, doch dann stürzte er im Februar 2011 über seine in Teilen abgeschriebene Doktorarbeit.

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte einen Bericht, in dem der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano Teile von Guttenbergs Doktorarbeit ein "dreistes Plagiat" nannte. Guttenberg soll zahlreiche Zitate aus anderen Arbeiten verwendet, aber nicht kenntlich gemacht haben. Der Minister bestreitete damals, bewusst abgeschrieben zu haben. Er bezeichnete den Vorwurf als "abstrus". Wenige Wochen später entzog ihm die Universität Bayreuth den Doktortitel. Guttenberg räumte zwar Fehler ein, wollte aber im Amt bleiben. Der öffentliche Druck nahm zu. Im März gab er schließlich seinen Rücktritt bekannt. Wenige Tage später leitete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren ein. Im Abschlussbericht der Bayreuther Uni heißt es letztlich, Guttenberg habe vorsätzlich getäuscht. Die Familie zieht in die USA.

Geläutert

Heute, sechs Jahre später, gibt er sich geläutert: "Ich habe alle Konsequenzen ertragen", sagt Guttenberg am Mittwoch in Kulmbach. "Aber ich darf auch nach so langer Zeit für mich sagen, jetzt ist auch mal irgendwann gut." Applaus brandet auf. Und Guttenberg legt nach: Er spricht von einem "absolut selbst verursachten" Fehler und von "Spott und Häme", die er abbekommen habe. Doch dann war Schluss mit der Buße. Guttenberg kokettiert mit dem Thema: Er stehe bewusst vor und nicht hinter dem Rednerpult, sagt Guttenberg lässig. Er wolle nicht Gefahr laufen, eine "abgeschriebene Rede" vorzutragen. Wieder Jubel. Hier, in Kulmbach, scheint ein aberkannter Doktortitel kein Problem mehr zu sein.

Markige Sprüche

Eine Stunde und 20 Minuten redet Guttenberg überwiegend über Außen- und Sicherheitspolitik - sein Steckenpferd. Und er wirbt um weiterhin gute Beziehungen zu den USA: "Nicht ganz Amerika besteht aus blonden Wüterichen." Deutschland dürfe nicht mit "Klugscheißerei und Besserwisserei" über den Atlantik blicken. Türkei, Nordkorea, Flüchtlingskrise, Europa - Guttenberg spricht mal ernsthaft, mal witzelt er. Das geschäftliche Engagement von SPD-Altkanzler Gerhard Schröder in Russland kritisiert er, Schröder ist für ihn "Gazprom-Gerd". Kanzlerin Angela Merkel (CDU) lobt er - und ist ganz der Wahlkämpfer für die Union: "Das Land ist bei ihr in den besten Händen." SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist für Guttenberg lediglich "der Mann aus Würselen".

Aber wie steht es jetzt um die Comeback-Chancen für den einstigen Polit-Star? CSU-Chef Horst Seehofer macht keinen Hehl daraus, dass er sich eineRückkehr von Guttenberg wünscht - und zwar nicht nur als Wahlkämpfer, wie nun in den kommenden Wochen auf einer Reihe von Terminen im Freistaat. Doch an welcher Stelle er "KT" sieht, darüber schweigt sich Seehofer aus. Nicht wenige in der Partei sehen in Guttenberg eine wichtige strategische Figur, mit der Seehofer die Machtambitionen von Finanzminister Markus Söder im Land wie in der Partei ausbremsen könnte.

Er sei als "engagierter Bürger" hier, lässt Guttenberg lediglich wissen. Am Wahltermin am 24. September werde er schon wieder in den USA sein. Dort habe er sich ein neues Leben aufgebaut. Zum Abschied ruft er noch: "Gottes Segen und auf Wiedersehen."

Plagiats-Affäre: Guttenbergs Weg zum Rücktritt

- 16. Februar 2011: Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht einen Bericht, in dem der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano Teile von Guttenbergs Doktorarbeit ein "dreistes Plagiat" nennt. Guttenberg schließt Fehler beim Zitieren nicht aus, erklärt aber: "Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus."

- 18. Februar 2011: Guttenberg will bis zur Klärung der Vorwürfe durch die Uni auf seinen Doktortitel verzichten.

- 23. Februar 2011: Die Universität Bayreuth entzieht Guttenberg den Titel. Der CSU-Politiker räumt im Bundestag ein, er habe eine "offensichtlich sehr fehlerhafte Doktorarbeit geschrieben", wolle aber Minister bleiben.

- 1. März 2011: Guttenberg erklärt angesichts wachsenden öffentlichen Drucks seinen Rücktritt. Wenige Tage später leitet die Staatsanwaltschaft Hof ein Ermittlungsverfahren ein.

- 11. Mai 2011: Die Uni Bayreuth veröffentlicht ihren Abschlussbericht. Guttenberg habe in seiner Arbeit vorsätzlich getäuscht, heißt es darin.

- 16. August 2011: Ehefrau Stephanie kündigt in der „Bild“-Zeitung an, die Familie werde für unbestimmte Zeit in die USA gehen.

- 23. November 2011: Die Staatsanwaltschaft Hof stellt das Verfahren ein. Zwar seien strafrechtlich relevante Urheberrechtsverstöße gefunden worden. Der wirtschaftliche Schaden für die Urheber sei aber gering. Guttenberg muss 20 000 Euro an die Deutsche Kinderkrebshilfe überweisen.