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Politik Ausland
03/02/2021

Der Mann, den sie zu Gorbi machten

Michail Gorbatschow träumte den letzten Traum des Sozialismus. Der heute 90 Jahre alt gewordene Politiker veränderte viel und scheiterte dennoch. Im Westen als Held gefeiert, gilt er in Russland als Verräter.

von Evelyn Peternel, Konrad Kramar

Manchmal braucht die Geschichte nur einen Augenblick, um aus einem Helden einen tragischen Helden zu machen. Für Michail Gorbatschow kam dieser Augenblick im Frühsommer 1991. Als Staatspräsident war er formal immer noch der mächtigste Mann der Sowjetunion. Doch die zerfiel ihm gerade unter den Händen. In den höheren Rängen der kommunistischen Partei war längst ein Machtkampf ausgebrochen: Man wollte ihn loswerden, notfalls mit Gewalt. Genau das erfuhr Gorbatschow von einem Mann, dem er gerade einen historischen politischen Sieg zugestanden hatte: US-Präsident George Bush.

Bush ließ Gorbatschow persönlich warnen: Ein Putsch gegen ihn stehe unmittelbar bevor. Er solle in Moskau bleiben, die Zügel wieder in die Hand nehmen. Doch Gorbatschow entschied sich anders: Er fuhr auf Urlaub auf die Krim.

Verlorenes Riesenreich

Ein paar Wochen danach war Gorbatschow Geschichte – und wenig später die Sowjetunion. Der damals gerade 60-Jährige hatte die Welt verändert und war doch an seinem eigentlichen Ziel gescheitert. Er hatte ein bankrottes, wankendes Riesenreich übernommen, wollte es durch Reformen retten. "Glasnost" ("Offenheit") und Perestroika ("Umgestaltung") waren die bald weltbekannten Schlagworte für seine Reformpläne, für den eigentlich letzten Traum des Sozialismus, dass der mit einer offenen demokratischen Gesellschaft vereinbar sei.

Dass daraus nichts wurde, dass ein Boris Jelzin ihm nachfolgte, der Russland zugrunde richtete und den Oligarchen zum Fraß vorwarf, all das kann sich Gorbatschow bis heute, mit 90, schwer eingestehen.

Kritik gegenüber taub

Ja, das mit dem Urlaub im Sommer 1991, das sei wohl ein Fehler gewesen, gab er später zu. Doch im Großen und Ganzen habe er sein Ziel erreicht, erzählte er dem Autor und Journalisten Ignaz Lozo, der gerade eine Biografie Gorbatschows veröffentlicht hat ("Gorbatschow, der Weltveränderer"): Er habe Hunderten Millionen von Menschen im ehemaligen Ostblock die Freiheit gebracht. Kritik, etwa dass er tatenlos zusah, wie die Sowjetunion zerfiel und Russland in die Agonie der Jelzin-Jahre stürzte, will er auch heute nicht wirklich hören: "Ach, ich weiß für mich, was ich alles Gutes vollbracht habe."

Die Welt feierte ihn als Befreier. Deutschland, dessen Wiedervereinigung er möglich gemacht hatte, stilisierte ihn zum politischen Idol: "Gorbi", der Vater der deutschen Einheit. Und Gorbatschow ließ sich feiern, rund um die Welt. Auf allen Jubiläen und Feierlichkeiten zum Ende des Eisernen Vorhangs, die von da an regelmäßig auf dem Programm standen, war er der Stargast. Und weil sich der Ruhm auch lange sehr gut vermarkten ließ, wurde er Werbeträger für Luxusmarken, Aushängeschild für Veranstaltungen von fragwürdigem politischem Wert – auch in Österreich.

Gorbatschow legte sich selbst die passende Botschaft dafür zurecht, wurde zum Mahner für Frieden und Abrüstung – und ist es bis heute. Zu seinem 90er hat sich der Friedensnobelpreisträger wieder zu Wort gemeldet – mit seinen Sorgen um den Zustand der Welt. "Nur keinen Krieg zulassen", sagt der einstige Staatschef in einem aktuellen Interview. "Frieden erhalten und eine Verbesserung des Lebens der Menschen erstreben!"

Der Sündenbock

Zuhause in Russland sieht seine Welt anders aus. Dort wäre Gorbatschow auch gern der Welterklärer, der er im Westen ist. Das haben seine politischen Erben ihm aber verunmöglicht. Schon Boris Jelzin, mit dem ihn eine öffentlich ausgetragene, höchst persönliche Feindschaft verbindet, stempelte ihn als Sündenbock ab. Ihm wurde alles umgehängt, was in den "wilden 90ern" schief lief, nur um mit dieser Abgrenzung die eigene politische Agenda zu legitimieren. Wladimir Putin tat es ihm in den 2000ern gleich – er beschwört bis heute immer wieder den Mythos, dass die UdSSR nie hätte zerfallen müssen, wäre nicht Gorbatschow gewesen. "Die größte Tragödie des 20. Jahrhunderts" sei das Ende der Sowjetunion, sagt der russische Präsident gerne.

Da wundert es kaum, dass in sozialen und etablierten Medien immer wieder das Gerücht auftaucht, Gorbatschow sei verstorben – oft versehen mit dem Zusatz: "endlich". Laut Umfragen bewertet ihn knapp die Hälfte aller Russen negativ, ein Viertel hält ihn gar für einen Verbrecher, der dem Land schaden wollte.

Aus dem Kreml wird er darum heuer wohl wieder keine prominent verbreiteten Geburtstagsgrüße erhalten, auch den staatsnahen Medien ist der 90er des letzten Präsidenten der UdSSR nur eine Meldung am Rande wert. Dabei ist es nicht so, als wäre Gorbatschow leise: Regelmäßig meldet er sich zur aktuellen Politik zu Wort, manchmal im Sinne des Herrschenden, manchmal weniger. Er selbst erzählt, dass Putin wegen seiner stetigen Einmischungen mal gesagt habe, man müsse "Gorbatschow das Maul stopfen". Auch das fügt sich freilich gut in die eigene Heldenerzählung ein.

Jugendjahre
Im Alter von 21 Jahren trat Michail Sergejewitsch Gorbatschow der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) bei. Es  folgte eine steile Karriere: 1971 wurde er Mitglied des Zentralkomitees, 1974 Repräsentant des Obersten Sowjets, 1980 Mitglied des Politbüros

Höhepunkt
Nach dem Tod des Langzeitherrschers Leonid Breschnew (1964 – 1982), den kurzen Episoden unter Juri Andropow (1982 –1983) und Konstantin Tschernenko (1983 –1985) kam schließlich der Reformer Gorbatschow als KPdSU-Generalsekretär zum Zug und war somit mächtigster Mann in der  UdSSR. Im März 1990 wurde er Staatspräsident – als letzter der Sowjetunion 

Allein in der Datscha

Ein persönliches Ziel hat Gorbatschow trotz allem erreicht. 90 wollte er mindestens werden. Er ist es geworden, trotz schwerer Krankheit und wachsender Gebrechlichkeit.

In seiner Datscha bei Moskau, die ihm Russlands Führung nach seinem Sturz 1991 zugestanden hat und in der er sich wegen Corona völlig isoliert aufhält, trotzt er vorerst noch dem Alter und auch dem Regen, der angeblich immer häufiger durchs Dach kommt. Seine Rolle als Mann, der den Kalten Krieg friedlich beendete, kann man ihm ohnehin nicht mehr nehmen.

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