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Analyse
01/17/2020

Damit Proteste verstummen: Iran lenkt Fokus auf den Erzfeind

Im Iran brodelt es. Um die nationale Einheit zu festigen, schießt sich das Regime auf den Westen ein.

von Michael Hammerl

Der „Oberste Führer“ hat gesprochen: „Das iranische Volk lebt und will den Widerstand gegen die Weltmächte und keine Kapitulation, auch 41 Jahre nach der Revolution.“ Ayatollah Ali Khamenei leitete heute das Freitagsgebet in Teheran.

Das macht er nur in Ausnahmesituationen, zuletzt vor acht Jahren. Damals nahm Khamenei das 33. Jubiläum der iranischen Revolution zum Anlass für eine freitägliche Predigt. Muslimische Männer sind laut Koran zum Freitagsgebet verpflichtet. Und sie kamen in Scharen, um dem 80 Jahre alten Mann zu lauschen.

Die Lage ist ernst, sehr ernst: Dieses Signal sendet Khamenei mit seinem Auftritt ins In- und Ausland.

Nachdem die USA zu Jahresbeginn den iranischen General Qassem Soleimani in der irakischen Hauptstadt Bagdad getötet hatten, lagen die Nerven blank. Soleimani war Kopf und Stratege der pro-iranischen Milizen im schiitischen Halbmond – dem iranischen Einflussgebiet im Libanon, Irak, in Syrien und im Jemen.

Khamenei weinte bereits beim Begräbnis um den getöteten General. Beim Freitagsgebet betonte er noch einmal dessen „großartiges Märtyrertum“. „Keine Kompromisse, keine Kapitulation, nur Kampf gegen die USA“, skandierten die Gläubigen.

Aber auch wenn die Reaktion auf den Soleimani-Tod – der Raketenbeschuss zweier US-Militärbasen im Irak – zuerst nach einer Kriegserklärung aussah: Die US-Soldaten waren vorgewarnt, nur wenige wurden verletzt. Und am selben Tag schoss das iranische Militär unabsichtlich ein ukrainisches Passagierflugzeug ab. Dieses traurige Detail nahm dem symbolischen Gegenschlag jede Kraft.

Klare Botschaft

Der Gottesstaat steckt nun in einer massiven Vertrauenskrise. Wütende Iraner demonstrieren seit dem Flugzeugabschuss gegen das Regime. „Nieder mit den Klerikern“, rufen sie, richten sich offensiv gegen die schiitische Führung.

Khamenei bedauerte die „Flugzeug-Tragödie“, zeigte für die Proteste aber wenig Verständnis und beschwor den Hass auf den „wahren“ Feind: „Die Amerikaner haben General Soleimani nicht von Angesicht zu Angesicht konfrontiert, sondern ihn eher feige erstochen.“

Die Botschaft an das Volk ist klar: Egal, wie man mit den Amerikanern umgeht, sie fallen einem am Ende doch in den Rücken. Immerhin war es der „Clown“ Trump – Zitat Khamenei –, der den Atomdeal kündigte. Ein neuer Deal liegt in sehr weiter Ferne, auch Europa sei nicht vertrauenswürdig.

Irans Führung will die nationale Einheit beschwören. Präsident Hassan Rohani betonte: „Das Volk ist unser Meister, und wir sind sein Diener.“ Bleibt abzuwarten, wie frei sich die Parlamentswahlen im Februar gestalten werden. Die Lage ist angespannt, Reformer wollen das Momentum nutzen, der interne Machtkampf hat begonnen.

Podcast zum Konflikt zwischen USA und Iran: