Thomas Waitz, EU-Abgeordneter bei den Grünen

© Grüne/Tom Mikulitsch

Interview
01/30/2020

Countdown zum Brexit: "Die Briten werden uns in der EU fehlen"

Den Brexit hält er für einen "schweren Fehler". Aber der Abgang der Briten bringt den Steirer Thomas Waitz wieder zurück ins EU-Parlament - als 19. österreichischen EU-Abgeordneten.

von Ingrid Steiner-Gashi

Zwei Jahre lang, bis zum vergangenen Juni, saß der steirische Landwirt Thomas Waitz für die Grünen im EU-Parlament. Ab nächster Woche ist er wieder mit dabei. 73 britische Abgeordnete verlassen mit dem Brexit das EU-Parlament, 27 andere Mandatare aus 14 EU-Staaten rücken nach. Mit Waitz erhöht sich die Zahl der österreichischen EU-Abgeordneten auf 19.

KURIER: Wann wird Ihr erste Arbeitstag sein?
Thomas Waitz: Ich werde nächste Woche in Brüssel sein und spätestens am 10. Februar in Straßburg, bei den erste Abstimmungen nach dem Brexit. Denn dann müssen die neuen  Abgeordneten anwesend sein,  zumal sie sonst bei den Abstimmungen fehlen würden.

Ist Ihr Nachtzugticket von Wien nach  Brüssel schon gebucht?
Natürlich, aber ich fahre ja schon lange mit dem Nachtzug, allerdings nicht mit jenem direkt nach Brüssel, sondern zunächst nach Düsseldorf und dann steige ich in Köln Richtung Brüssel um. Das geht schneller.

Sie waren immer ein Brexit-Gegner… und profitieren nun doch insofern, als Sie nun wieder ins EU-Parlament einrücken können. Ein wenig absurd, oder?
Ich halte den Brexit noch immer für einen schweren Fehler für das gemeinsame Europa. Und für die Bevölkerung Großbritanniens, die Auswirkungen werden sich noch verstärkt zeigen. Wie lange wird es dauern, bis sie wieder an die Türen der Union klopfen? Wie lange wird es dauern, bis Schottland ein Unabhängigkeitsreferendum durchführt?  Zur Frage, ob ich profitiere: Ich bin seit November Ko-Sprecher der Europäischen Grünen, mache das sehr gern und hätte jede Menge Arbeit.

Was wird Ihr Arbeitsbereich im Parlament sein?
Wieder der Agrarbereich, da bringe ich die meiste Expertise mit. Und dazu werde ich mich wieder für die Balkanländer einsetzen, mit dem Schwerpunkt, mich für die Integration dieser Region in die EU stark zu machen.

Warum ging das Mandat, das Österreich nun zusätzlich erhält, an die Grünen?
Das steht seit dem Wahlabend fest, weil wir durch unser überraschend gutes Ergebnis fast ein drittes Mandat geschafft hätten. Und bei den Grünen war ich der nächste auf der Liste.

Nach dem Brexit verschieben sich die Mandatsverhältnisse, die Grünen fallen hinter die Rechtspopulisten an die fünfte Stelle zurück. Ändert sich dadurch etwas an der parlamentarischen Arbeit?
Es macht einen kleinen Unterschied, wenn es um die Vergabe von Berichterstatter-Aufträgen geht, aber nicht in der politischen Arbeit der Grünen. Die Rechten verfügen nach wie vor nur über einen kleinen Anteil der Gesamtsitze im Parlament, und der Cordon sanitaire funktioniert weiterhin. Das heißt, die pro-europäischen und vernünftigen Kräfte halten trotz aller Auffassungsunterschiede zusammen, und sie stellen gemeinsam mehr als zwei Drittel der Kräfte. Sie sind entschlossen, den anti-europäischen Kräften möglichst wenig Raum zu geben. Ob die Rechtspopulisten nun viert- oder fünftstärkste Kraft im Parlament sind, das macht das Kraut nicht fett.

Werden Ihnen die Briten im Parlament fehlen?
Ganz sicher. Es gab hervorragende Abgeordnete, mit viel Erfahrung und der Fähigkeit, scharfsinnige Argumente mit einem konstruktiven Ton zu verbinden. Die britischen Abgeordnete waren handwerklich ausgezeichnet, kompetent, fleißig und es werden uns die Nativspeaker abgehen. Wir reden ja alle eine Art von Englisch, da werden uns jene fehlen, die die Sprache wirklich richtig können. Ich bekomme derzeit Mails, ob ich mich nicht dafür einsetzen möchte, englisch als Amtssprache abzuschaffen. Das könnte unsere Arbeit massiv verkomplizieren, denn Englisch ist unsere lingua franka, die Sprache, mit der wir uns alle ohne Übersetzer verständigen können.

Und die Brexit-Party, wird sie Ihnen auch abgehen?
Die werden auf der Spaßseite fehlen, weil sie teils so skurrile Auftritte geliefert haben, dass es kabarettistisches Potenzial hatte. Aber Herr Farage wird mir nicht abgehen. Man muss aber auch sagen: Die britischen Parlamentarier haben schon Lebens ins EU-Parlament gebracht. Die britische Parlamentstradition ist eine andere als bei uns, da wird sehr lautstark Zustimmung oder Ablehnung formuliert, oder man könnte auch sagen: Da wird herumgebrüllt. Und auch bei uns haben die britischen Abgeordneten oft lautstark mit „nooooo“ oder „yeah“ ihre Stimmung ausgedrückt. Sie werden uns in der EU fehlen.