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China
04/01/2020

Wie China das Virus als Propagandawaffe nützt

Peking stilisiert sich zum Retter – das lenkt vom eigenen Versagen ab. An den offiziellen Zahlen gibt es Zweifel

von Evelyn Peternel

China hat das Coronavirus besiegt, die Zahlen der Neuerkrankten stehen bei null. Und jetzt, da der Westen gegen den Erreger kämpft, hilft das kommunistische Riesenreich den taumelnden Staaten – mit Masken, Tests und vor allem Wissen.

Diese Erzählung hören derzeit alle Chinesen. Auf der anderen Seite des Erdballs ist die Geschichte eine andere: „Chinese Virus“ nennt US-Präsident Donald Trump da den Erreger; und Briten-Premier Boris Johnson lässt verbreiten, dass die Statistiken aus China massiv gefälscht seien: Bis zu 40 Mal höher sei die Zahl der Infizierten dort.

Viele Halbwahrheiten

Was davon stimmt, wird wohl erst die Geschichte weisen. Fakt ist jedenfalls: Das Coronavirus ist zur Propagandawaffe geworden, vor allem in China. Da kursieren Videos von Italienern, die vor lauter Dankbarkeit über Hilfsmaterialien die chinesische Hymne singen; ein Fake. Ebenso wie die Meldung, dass US-Soldaten das Virus nach Wuhan gebracht hätten – das verbreitet sogar Pekings Außenamtssprecher.

Ziel dabei ist wohl, vom eigenen Versagen in der Bewältigung der Krise abzulenken. „Natürlich nutzt die chinesische Regierung die Möglichkeit, ihr Image aufzupolieren. Sie hat allen Grund dazu: Die Führung und die lokalen Behörden haben sehr lange mit Maßnahmen gewartet und haben die Sache zu lange nicht öffentlich gemacht“, sagt Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Sinologin an der Universität Wien.

 

Wie man jetzt weiß, hat die Führung die Bedrohung auch gegenüber der WHO heruntergespielt. Taiwan hat die Weltgesundheitsorganisation schon Ende Dezember alarmiert, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen werde. Allein, reagiert hat die WHO nicht; Taiwan ist wegen des Disputs mit China kein offizielles Mitglied. Noch zwei Wochen nach der Warnung ließ man verlautbaren, dass es für eine Mensch-zu-Mensch-Infektion laut China keine Belege gebe. Eine Woche später war die Region Hubei unter Quarantäne.

Dass bis dahin etwa sieben Millionen Menschen Wuhan verlassen oder passiert haben, wie die New York Times nun anhand von Handydaten ausgewertet hat, scheint im Nachhinein fatal.

Zweifel an Todeszahlen

Auch jetzt gibt es Zweifel an den positiven Statistiken aus China, etwa an der relativ niedrigen Zahl an Todesfällen in Wuhan. Wie das Portal Caixin berichtet, das im Laufe der Krise mehrfach Ungereimtheiten aufgedeckt hat, könnte die echte Zahl der Opfer dort bei bis zu 42.000 liegen – berechnet hat man das anhand der Urnen, die jetzt an die Familien ausgegeben wurden. Sie übersteigt die Zahl der offiziellen Toten bei weitem: Die liegt bei nur 2.500 Opfern.

Sinologin Weigelin-Schwiedrzik glaubt zwar, dass die „Zahlen aus Wuhan stimmen“, denn auch in Hongkong – wo die Haltung und Berichterstattung gegenüber China sehr kritisch sind – arbeite man mit den offiziellen Statistiken. Aber sie hat Zweifel, ob die Gesamtstatistik stimmt: Es gebe viele kleine Dörfer, die gänzlich abgeriegelt wurden, von wo vermutlich keine Zahlen kommuniziert worden seien. „Ob wirklich ganz China abgebildet ist, ist mir nicht klar.“

„Viele glauben das nicht“

Freilich, dass Statistiken geschönt werden, ist in China nichts Neues. So ist etwa das Wachstum des Riesenreichs um zehn Prozent geringer als offiziell dargestellt, wie die Unis Hongkong und Chicago herausgefunden haben.

Allein: Wird das auch geglaubt? „Nein“, sagt Li, ein Chinese aus Guangdong, der seine Einschätzungen regelmäßig mit dem KURIER teilt. „Viele hier wissen, dass die Führung lügt.“ Auch Sinologin Weigelin-Schwiedrzik sieht das so. „Es gibt viele, die die Propaganda nicht glauben.“ Im Gegenteil, in Teilen der Bevölkerung mache sich sogar Unmut breit. Als in Wuhan die Beschränkungen gelockert wurden, kam es etwa zu heftigen Ausschreitungen unter Wanderarbeitern, die die Region verlassen wollten und daran gehindert wurden. „Sogar die Polizeieinheiten verschiedener Regionen gerieten aneinander“, sagt die Sinologin.

Im großen Kontext könnte sich die Imagepolitur aber durchaus bezahlt machen. „Das Coronavirus könnte die globale Ordnung umgestalten“, schrieb etwa das US-Magazin Foreign Affairs zuletzt. Das glaubt auch Weigelin-Schwiedrzik: Sie vergleicht die Lage heute mit jener von 1929 – nach dem Schwarzen Freitag lenkten jene Staaten, die sich am schnellsten erholt haben, die Geschicke der Welt.

Europa brauchte damals bekanntermaßen sehr lange, um sich zu erholen. „Das Ganze wird jedenfalls weitreichende politische Folgen haben“, sagt die Sinologin.