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Meinung
04/01/2020

Phönix aus der Asche, oder: Der falsche Heldenmythos

Die Bewunderung, mit der ins Corona-Ausbruchsland China geschaut wird, ist so verfehlt wie die übergroße Sehnsucht nach starker Führung

So schnell kann es gehen. Vor kaum einem Vierteljahr war China, das Reich der Mitte, in der Sicht von außen der Dämon schlechthin: Ein Virus nicht nur ausgebrütet, sondern lange vertuscht, und jetzt hatten sie in Wuhan das Malheur – Tausende dahingerafft, und mit welchen Methoden Chinas Obrigkeit dem Virus und seinen Trägern dann zu Leibe rückte, typisch!

Drei Monate später werden die Sperren in Wuhan langsam aufgehoben. Dafür schickt China abertausende Tonnen Schutzanzüge, Masken und medizinisches Material nach Europa, Afrika und Amerika, wo das Virus inzwischen ein Vielfaches an Opfern fordert, als China zu beklagen hatte. Chinesische Expertenteams fliegen zur Beratung in die Welt, und die rechnet: Wenn China übers Ärgste hinweg ist, tolle Chinesen!, lassen sich die drei Monate auf unsere Prognosen umlegen?

Die tollen Chinesen – mehr Phönix respektive Drache aus der Asche – hat es kaum je gegeben. Xi Jinpings Erziehungsdiktatur steht als der mögliche Gewinner der Weltkrise da, seine Wirtschaft gibt schon Gas, während die restliche Welt alt aussieht. So ist das, wenn die Großmannsucht eines Donald Trump und die Großmachtsucht eines Wladimir Putin auf reale Größe trifft. Kein Wunder, dass da Verschwörungstheorien blühen, die Chinesen hätten das Virus erfunden, um endlich Nummer eins der Welt zu werden.

Darum noch einmal zur Einordnung: Fakt ist, dass Chinas Führung das Virus verbrecherisch verschwiegen und seine Verbreitung in Kauf genommen hat. Dass sie dann den Schaden mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln – knallharte, lückenlos überwachte, buchstäbliche Zunagelung des öffentlichen Lebens – einzufangen begann. Und dass das für die restliche Welt zu spät war.

Nein, China ist nicht der Held der Krise. Das muss man auch in die Debatte werfen, die jetzt immer häufiger in aufgeklärten Systemen geführt wird: Wie weit darf/muss Demokratie hintanstehen, wenn das Gesamtwohl auf dem Spiel steht?

Das ist eine gefährliche Frage in einer Gesellschaft, die ohnehin schon den Hang zum starken Mann hat, sich Bevormundung allzu gerne gefallen lässt und in Notzeiten nachgerade eine Ordnung gebende Führung herbei giert – auch bei uns.

Straffe Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus: ja, vorübergehende Außerkraftsetzung einzelner Grundrechte: ja – aber alles unter den Regeln der Demokratie. Auch wenn Typen wie Herr Orbán das anders sehen: Wir haben keinen Krieg und brauchen keine Notverordnung. In Ungarn nicht, anderswo nicht. Das Beispiel China lehrt nämlich auch: Regierende ohne demokratische Kontrolle erliegen zu leicht der Versuchung, etwas, das nicht in ihr Schöne-Welt-Konzept passt, zu vertuschen (so lange es halt geht). Daran leidet jetzt gerade die ganze Welt.

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