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Politik Ausland
03/25/2020

Coronavirus: Brasiliens Präsident hält Virus für "Fantasie"

Der brasilianische Präsident Bolsonaro spielt das Coronavirus erneut herunter, in der Bevölkerung wächst der Frust gegen ihn.

Er nennt es 'gripezinha' (kleine Grippe) oder 'resfriadinho' (kleine Erkältung) - der brasilianische Präsident Jair Bolsonari, Vorsteher eines 209-Millionen-Einwohner-Landes, hält die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus für "Hysterie". Darin hielt er auch an seiner Fernsehansprache an die Nation fest, die am Dienstag ausgestrahlt wurde. Mit diesen Aussagen provoziert er seit Wochen und löst nun Proteste aus: Seit acht Tagen demonstrieren die "panelaços" in vielen Städten. Sie rufen aus ihren Fenstern "Lügner" und Bolsonaro raus", schlagen auf Kochtöpfe, zünden Feuerwerkskörper. 

Die Zahl der Todesfälle im Land ist am Dienstag nach Regierungsangaben von 34 auf 46 gestiegen, die Zahl der bestätigten Fälle von 1.891 auf 2.201. Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta erwartet, dass die Ausbreitung des Virus in Brasilien zwischen April und Juni ihren Höhepunkt erreichen wird. Bolsonaro wieglt hingegen ab: Er sagte, die schreckliche Situation in Italien werde sich in Brasilien wegen der jungen Bevölkerung des lateinamerikanischen Landes und des wärmeren tropischen Klimas nicht wiederholen. Das Virus werde schon "in Kürze" wieder aus dem Land verschwinden, führte Bolsonaro ins Feld. Ihm selbst als ehemaligem Sportler würde Corona nichts ausmachen.

Worte, die er zuvor mit Gesten demonstrierte: Gegen den Rat seiner Berater und seines Arztes hatte Bolsonaro öffentlich viele Hände geschüttelt. Auch in seinem Umfeld gibt es bereits einen bekanntgewordenen Fall. Sein Kommunikationssekretär Fabio Wajngarten war positiv getestet worden. Bolsonaro, der sich zwei Mal testen ließ, sei negativ, heißt es.

Bolsonaro und Trump: Brüder im Geiste

In seiner Ansprache an die Nation forderte er die Bürgermeister der abgeriegelten Städte Rio de Janeiro und Sao Paulo auf, "zur Normalität zurückzukehren". Arbeitsplätze müssten erhalten und der Lebensunterhalt von Familie gesichert werden. Ein ähnliches Narrativ verwendet auch sein Bruder im Geiste: Donald Trump. Die wirtschaftlichen Folgen der weitgehenden Stilllegung des öffentlichen Lebens könnten "ein Land zerstören", warnte Trump im Interview  mit seinem Haus-Sender Fox News. "Diese Behandlung ist schlimmer als das Problem", so der Präsident. Seiner Meinung nach werden mehr Menschen sterben, wenn die Wirtschaft nicht wieder anspringt. Zehntausende Menschen würden jedes Jahr infolge der Grippe und durch Autounfälle sterben, aber niemand wolle deswegen das ganze Land stilllegen.

Ähnlich wie Trump schon vor Wochen, fand Bolsonaro am Dienstag schnell Schuldige für die Ausbreitug des Virus: Medien würden Panik verbreiten. Und sie wären auch für die Proteste verantwortlich, die sich gegen ihn formiert. Die Kochtopf-Demonstranten sind aus seiner Sicht Teil einer "schamlosen Kampagne, einer kolossalen, absurden gegen das Staatsoberhaupt", echauffierte er sich.

Zur "Normalität zurückkehren"

Überhaupt will er schnell wieder "zur Normalität zurückkehren", erklärte er am Dienstag und rief auf, von den restriktiven Maßnahmen abzurücken. In der vergangenen Woche hatte das größte und bevölkerungsreichste lateinamerikanische Land schon seine Landgrenzen zu insgesamt acht Nachbarländern geschlossen. Die Grenze zu dem Krisenstaat Venezuela war wegen erhöhter Ansteckungsgefahr und dem darniederliegenden venezolanischen Gesundheitssystem bereits früher geschlossen worden. Auch die Einreise auf dem Luftweg wurde eingeschränkt. Demnach dürfen Ausländer, die per Flugzeug etwa aus China, der Europäischen Union, Australien oder Japan kommen, von Montag an nicht mehr nach Brasilien einreisen.

Der Gouverneur des Bundesstaates Sao Paulo (mehr als 40 Millionen Einwohner) hat dann am Samstag als erster weitgehende Ausgangsbeschränkungen verhängt. Rio de Janeiro hat sich innerhalb einer Woche weitgehend isoliert, Schulen und Geschäfte geschlossen, Verkehr zu Land und zu Luft unterbrochen, die Bewohner dazu aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Wie oft in Lateinamerika, wenn die Institutionen nicht funktionieren, ist die Solidarität unter den Menschen jedoch groß. Vielen schränken sich freiwillig ein.