© REUTERS/Fabrizio Bensch

Politik Ausland
04/14/2020

Neues Berechnungs-Modell orientiert sich an Todeszahlen

Nur sechs Prozent aller Infizierten werden tatsächlich erkannt, so der Göttinger Forscher Sebastian Vollmer. Seine neue Rechenmethode kommt auf hohe Dunkelziffern.

von Evelyn Peternel, Uwe Mauch

Dass mit Statistik Politik gemacht wird, ist nicht neu. In der Coronakrise hat der Blick auf Zahlen aber eine neue Dimension erreicht: Kurven, wohin man sieht; Fallzahlen, die täglich vorgetragen werden. Und die für bisher kaum Denkbares sorgen: In Ungarn etwa regiert Premier Orbán über das Parlament hinweg – und hat die Ausgangsbeschränkungen jetzt auf unbestimmte Zeit verlängern lassen.

Wie viel von dem statistischen Material stimmt, mit dem die Einschnitte argumentiert werden, ist eine andere Frage. Sichtbar ist das an den Todesraten: In Italien starben 12,7 Prozent der Erkrankten, in Ungarn 7,5 Prozent und in Tschechien, wo man sich einer besonders harten Gangart rühmt, nur zwei Prozent, wie in Österreich.

Kaum eine Krankheit hat so eine hohe Schwankungsbreite, und auch die verschieden gut ausgestatteten Gesundheitssysteme liefern dafür keine plausible Erklärung. Wie kann das also sein?

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Viel mehr Infizierte

Der Grund: Die Zahl der tatsächlich Infizierten wird nicht erfasst – man hat nur die Zahl der positiv getesteten Personen. Das ist ziemlich irreführend, weil diese Zahl wiederum davon abhängt, wie massiv und genau getestet wird. 

Die echte Infiziertenzahl dürfte deshalb, so der Göttinger Forscher Sebastian Vollmer, viel höher sein: „In keinem Land der Welt werden alle Fälle getestet und erfasst. Nach unserer Berechnung wurden weltweit im Schnitt nur sechs Prozent der Fälle tatsächlich entdeckt. Das heißt, die Zahl der Infektionen weltweit könnte bereits mehrere zehn Millionen erreicht haben.“

Die Toten von heute sind die Infizierten von vor 18 Tagen

Hochgerechnet hat Vollmer das mit einem komplett neuen Modell – er hat die verlässlichste Größe herangezogen, nämlich die Zahl der Opfer. Seine Annahme: Die Toten von heute sind die Infizierten von vor knapp drei Wochen. „Wir haben uns angesehen, wie viele Tote es heute gibt und zurückgerechnet, wie viele Infizierte es vor 14 Tagen in den Statistiken hätte geben müssen." 18 Tage vergehen bei Corona im Schnitt von den ersten Symptomen bis zum Tod, hat eine Studie aus Wuhan ergeben. 

"Wir berücksichtigen dabei, dass ein paar Tage vergehen bis sich Menschen nach dem Auftreten erster Symptome testen lassen und in den offiziellen Zahlen auftauchen. Daraus lässt sich eine Dunkelziffer ableiten."

Nur 1,6 Prozent der Fälle in den USA entdeckt 

Diese Rate ist für gewisse Länder laut seiner Rechnung exorbitant hoch – eben in jenen Staaten mit hohen Sterberaten. In Italien, wo sie ja besonders hoch ist, etwa dürften sich Ende März bereits knapp drei Millionen Menschen angesteckt haben. Das ist viel mehr als die offiziellen Zahlen abbilden, diese liegen derzeit bei 152.000 Fällen.

In Spanien, Europas anderem Corona-Hotspot, könnten es sogar 5,7 Millionen sein - und damit mehr als zwölf Prozent der Bevölkerung. Dort ist die Rate an Fällen, die tatsächlich entdeckt wurden, sehr niedrig: Nicht einmal zwei Prozent der Fälle sind laut Vollmers Rechnung erfasst. Ähnlich die Situation in den USA oder in Großbritannien, wo derzeit die Zahl der Todesfälle rasant noch oben gehen: Auch dort liegt die Entdeckungsrate nur bei 1,6 Prozent (USA) und 1,2 Prozent (Vereinigtes Königreich).

85.000 Fälle in Österreich

In Österreich hat man wohl deutlich mehr Fälle erfassen können. Laut dem Mathematiker mit Spezialisierung auf globale Gesundheit dürften knapp 12 Prozent der Fälle hierzulande auch per Test ermittelt worden sein - dies lässt auf eine Dunkelziffer von 85.000 Fällen Ende März schließen. Damit wäre knapp ein Prozent der Bevölkerung bereits infiziert gewesen, so Vollmer.

Das ist freilich deutlich mehr als die Stichprobe der aktuell Infizierten, die kürzlich vom Institut SORA präsentiert wurde: Sie gibt eine maximale Dunkelziffer von 67.400 Infizierten an. Getestet wurden bei dieser Erhebung allerdings auch nur "aktive Fälle" wie es heißt - all jene, die die Krankheit bereits hatten und keine Viren mehr aufweisen, wurden nicht erfasst.

"Man muss enorm viel testen"

Vollmer plädiert darum dafür, keine schnellen Maßnahmen auf Basis der Infiziertenzahlen zu erlassen – denn die stimmten einfach nicht. "Das heißt aber natürlich nicht, dass die getroffenen Maßnahmen übertrieben sind. Die Krankheit ist sehr infektiös und hat eine hohe Mortalität“, sagt er. Und er warnt: „Man braucht einen Plan für danach, und man muss enorm viel testen – sonst droht schnell ein zweiter Ausbruch.“

Vorbild dafür sei Südkorea, das durch rigides Tracken und viele Tests knapp die Hälfte aller Fälle identifiziert hat; Südkorea ist derzeit auch das einzige Land, das noch mit keiner beginnenden zweiten Welle zu kämpfen hat.

Man müsse darum auf die Zahl der Testungen schauen, sagt Vollmer. In der Slowakei etwa dürfte die geringe Zahl der Fälle wohl auf die wenigen Tests zurückzuführen sein; und auch die Frage, ob das Coronavirus als Todesursache anerkannt wird , spielt in der Statistik eine Rolle. 

Wenn sich die Politik also rühmt, in der Krise gut unterwegs zu sein, hat das nicht immer mit Maßnahmen zu tun. „Das war nur in den seltensten Fällen ein Erfolg von Maßnahmen, sondern einfach eine Folge der geringeren Kontakte mit China und Italien“, sagt auch Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner der MedUni Wien.

Fragwürdige Zahlen

Umgekehrt heißt das aber nicht, dass Länder mit vielen Tests immer „gut unterwegs“ sind. In Russland etwa hat Präsident Putin stets gesagt, es werde enorm viel getestet (derzeit liegt man bei mehr als 1,2 Millionen Tests), die Fallzahlen stiegen dennoch sehr langsam. Nur: Die Krankenhäuser in Moskau und St. Petersburg sind bereits am Limit. 

Das hat einen anderen Grund: Die Qualität der Tests ist nämlich höchst fragwürdig.

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