© APA/AFP/GETTY IMAGES/Samuel Corum

Politik Ausland
04/13/2020

Wer steckt eigentlich hinter den Corona-Zahlen?

Sie sind schneller als die WHO: Wie die Forscher der US-Universität Johns Hopkins mit ihren Zahlen die ganze Welt versorgen – und dabei selbst zum Politikum werden.

von Evelyn Peternel

Die Länder der Welt, darüber rote Kreise, die angeben, wo wie viele Menschen infiziert sind. Links oben die Gesamtzahl der Erkrankten, die bei knapp 1,8 Millionen derzeit hält.

Beinahe jeder kennt diese Grafik, kurz Dashboard genannt, aus dem Fernsehen, von Online-Nachrichtenseiten: Die Corona-Landkarte der Johns Hopkins Universität in Baltimore, Maryland, ist im Zuge der Corona-Krise zu dem Informationsportal schlechthin geworden, auch der KURIER verlässt sich auf die Daten. 1,2 Milliarden Interaktionen zählt die Seite pro Tag. Das ist theoretisch jeder Sechste weltweit, der einmal pro Tag darauf klickt. In Deutschland wird sogar darüber gestritten, ob die Zahlen nicht verlässlicher seien als die offiziellen. Warum eigentlich?

Für Kollegen gedacht

Verantwortlich dafür, dass es die Karte gibt, ist ein junger Mann namens Ensheng Dong. Er studiert bei Lauren Gardner an der John Hopkins University; sie wiederum hat sich international einen Namen mit dem Tracking der Ausbreitung von Infektionskrankheiten gemacht.

Als ihm erste Meldungen aus Wuhan unterkamen, wandte er sich an seine Dissertationsbetreuerin. Dong, der sich Sorgen machte, wie es wohl Verwandten und Freunden in China gehen mochte, sammelte damals bereits Daten aus China. „Es war ein spontaner Entschluss“, sagte Gardner später in einem Interview mit Nature. „Wir programmierten die Karte über Nacht.“

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Gedacht war sie hauptsächlich für Kollegen. Am 22. Jänner, als in Europa noch hauptsächlich vom Lockdown in Wuhan die Rede war, ging das Dashboard der Uni online.

Weltweite Macht

Mittlerweile informieren sich allerdings nicht mehr nur Fachleute auf der Homepage, sondern alle Interessierten. „Wohl, weil wir die ersten waren“, sagt Gardner in einem Interview mit dem Science Magazine auf die Frage, wieso gerade ihre Arbeit so einen Erfolg hat.

Auch die Politik interessiert sich für die Arbeit der Johns-Hopkins-Leute: Gardner war Anfang März etwa zu einer Anhörung vor dem Kongress geladen, als eine von sechs Expertinnen, die wegen der Coronapandemie am Kapitol sprachen.

Zahlenstreit in Deutschland

In Europa sorgt die JHU, die in den USA zu den führenden Universitäten im Medizinsektor zählt und 18 Nobelpreisträger hervorgebracht hat, ebenso für Debatten. In Deutschland etwa wird darüber gestritten, ob nicht die Zahlen aus den USA verlässlicher seien als jene des Robert-Koch-Instituts, das offiziell für die Statistiken zuständig ist. Die US-Uni sei nämlich meist schneller in der Veröffentlichung, so die Kritik; die Zahlen seien oft höher als die der deutschen Behörden. Dasselbe gilt für die WHO – deren Zahlen sind ebenso oft niedriger.

Wie das sein kann? Die Johns Hopkins University sammelt die Daten keineswegs selbst, sondern publiziert Material anderer Quellen. Allerdings nur seriöser, betont Gardner. Dass die WHO langsamer sei, sagt sie, liegt an den Aktualisierungen alle 24 Stunden. "Wir verwenden das als Ausgangsbasis. Dann ergänzen wir es um das, was die nationalen Behörden verschiedener Länder sowie die Medien im Laufe des Tages melden."

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Schneller als die offiziellen Stellen

So greift man etwa die Daten anderer Dienste wie etwa Worldometer ab, das sich wiederum beim österreichischen Gesundheitsministerium die Zahlen holt. Mittlerweile sei all dies automatisiert, werde aber geprüft; anfangs hat man die Daten noch händisch eingegeben.

In Deutschland greift die US-Uni allerdings nicht auf die offiziellen Zahlen vom Robert-Koch-Institut zu, wie die Tagesschau eruiert hat, sondern auf jene von der Berliner Morgenpost, Zeit Online und dem Tagesspiegel. Die drei Medien holen sich ihre Zahlen von den jeweiligen Gesundheitsämtern, Ministerien und Staatskanzleien – und sind damit einfach nur schneller als das Robert Koch-Institut.

Viel Schlaf bekommen Gardner und ihr mittlerweile 22-köpfiges Team nicht, sagt sie im Science Magazine-Interview. „Es ist anstrengend. Und es wird vermutlich noch eine ganze Weile so bleiben, Ich denke, wir werden den Ausbruch noch für mindestens ein Jahr verfolgen.“

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