© APA/dpa/Peter Kneffel

Politik Ausland
12/09/2020

Der deutsche Weg: Warum Deutschland so viel vorsichtiger ist als Österreich

Während Österreich aufsperrt, kündigt Deutschland einen harten Lockdown an - und das, obwohl die Neuinfektionen viel geringer sind. Warum agiert Österreich so anders?

von Evelyn Peternel

So emotional war sie schon lange nicht. „Wenn es das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben“, sagte die deutsche Kanzlerin im Bundestag, und das mit energischer Stimme. „Es tut mir von Herzen leid. Nehmen wir das ernst!“

Merkels Regierungserklärung war nicht nur ein Appell an ihre Bürger, es war ein flehentlicher Aufruf an alle Deutschen von den Ministerpräsidenten abwärts – nach Weihnachten soll dem weichen ein harter Lockdown folgen. Denn die Zahlen wollen und wollen nicht sinken: Seit Mitte November sind die Neuinfektionen auf demselben hohen Niveau; in manchen Bundesländern wie Sachsen steigen sie exponentiell. Und auch die Todeszahlen erreichen täglich traurige Höchstwerte: 590 Verstorbene wurden am Mittwoch gemeldet.

Große Unterschiede

Nur: Was heißt hohes Niveau? Während Deutschland heftige Verschärfungen ins Auge fasst, wurde hierzulande ja am Montag nach drei Wochen harten Lockdowns wieder gelockert – und das bei gänzlich anderem Infektionsgeschehen.

Zur Veranschaulichung: Die Sieben-Tages-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen, lag zur Wiederöffnung in Österreich bei 261. In Deutschland liegt sie bei gerade mal 160.

Wie kann das sein?

„Zu spät reagiert“

Die Differenz ist jedenfalls kein Zufall, so viel kann man sagen. Während Österreich im Frühling deutlich schneller im Setzen von Maßnahmen war, war es im Herbst umgekehrt. Da verhängte Österreich seinen „Soft-Lockdown“ einen Tag nach Deutschland, und das bei einem doppelt so hohen Infektionsgeschehen: Die deutsche Inzidenz lag Anfang November bei 128, in Österreich hielt man bei 368. Den harten Lockdown verordnete die Regierung dann bei einem Wert von 559 – also bei dreimal mehr Krankheitsverbreitung als derzeit in Deutschland.

„Es ist zu spät etwas getan worden“, kommentierte Statistiker Erich Neuwirth diese Situation – er vergleicht das Infektionsgeschehen beider Länder seit Langem akribisch. Absehbar sei das im Sommer gewesen. In Österreich habe die exponentielle Phase Mitte Juni begonnen, in Deutschland erst im Juli. „Wenn wir die Maßnahmen 14 Tage oder drei Wochen früher gesetzt hätten, wäre das wesentlich günstiger gewesen.“

Sichtbar wird das heute vor allem an der Zahl der Todesfälle, der untrüglichsten Messlatte für das Ergreifen von Maßnahmen. Während in Deutschland im Sieben-Tages-Schnitt 37 Menschen pro Million Einwohnern mit oder an Corona sterben, sind es in Österreich knapp doppelt so viele – nämlich 69.

Bleibt die Frage, ob der österreichische Weg bewusst zurückhaltender ist – und wenn ja, warum?

Zu wenig Akzeptanz

Gesundheitsminister Rudolf Anschober erklärt das auf KURIER-Anfrage damit, dass der Lockdown in Österreich die „Ultima Ratio“ sei und nur zur Anwendung komme, wenn eine Überlastung des Gesundheitssystems droht. „Andere Länder sehen in einem Lockdown (auch) ein präventiv einzusetzendes Werkzeug, wir aufgrund der weitläufigen sozialen und gesellschaftlichen Folgen eine Notlösung.“

Doch auch eine zweite Begründung für den späten Zeitpunkt gibt es – nämlich die „Akzeptanz der Notwendigkeit des Lockdowns“, wie Anschober sagt. „Ich habe große Zweifel, dass dies zu einem deutlich früheren Zeitpunkt der Fall gewesen wäre.“

In Deutschland hingegen ist Merkels Appell wohl jetzt schon angekommen. Mehrere Länder folgten ihrer Bitte nach einem harten Lockdown über Weihnachten – selbst jene, die wenig Infektionen zu verzeichnen haben. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther sagte am Mittwoch: „Wir dürfen nicht warten.“ Sein Bundesland weist eine Sieben-Tages-Inzidenz von 58,1 auf – da lag Österreich zuletzt Anfang Oktober.

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