EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides

© EPA/OLIVIER HOSLET

Interview
09/30/2021

"Cluster mit niedriger Impfquote sind Risiko für gesamte EU"

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides, am Freitag in Wien, warnt: Beim Impfen braucht es mehr, "um auf der sicheren Seite zu sein."

von Ingrid Steiner-Gashi

Noch ist die Pandemie nicht vorbei, warnt EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. Bei ihrem Treffen mit Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein in Wien wird es am Freitag auch um die Frage gehen:  Wie kann sich Europa auf die nächste Pandemie besser vorbereiten?

KURIER: Mittlerweile ist es klar: Der einzige nachhaltige Weg aus der Corona-Krise führt über das Impfen. Impfstoff gibt es in Europa jetzt genug – aber warum gibt es aus Ihrer Sicht noch immer so viele Impfgegner?

Stella Kyriakides: Über 70 Prozent der Erwachsenen in der EU sind geimpft. Aber wir müssen weitermachen und mehr erreichen, um auf der sicheren Seite zu sein. Dabei ist die Impfskepsis unsere größte Herausforderung. Impfen polarisiert.

Es gibt nicht die eine Erklärung um die Impfmythen in der gesamten EU zu entkräften. Meine Botschaft an die Bürgerinnen und Bürger lautet nach wie vor: Vertrauen Sie der Wissenschaft!

Wie erklären Sie sich diese gewaltigen Differenzen? Eine Impfquote von über 80 Prozent in Dänemark oder Frankreich – dagegen nicht einmal 30 Prozent in Bulgarien und Rumänien?

Die Impfquoten variieren innerhalb der EU tatsächlich sehr stark. Und leider zeigt sich, dass niedrige Impfquoten volle Intensivstationen und belegte Krankenhausbetten bedeuten. Die große Mehrheit der Intensivpatientinnen und -patienten ist nicht geimpft. Cluster mit niedriger Impfquote sind ein Risiko nicht nur für die betroffenen Länder, sondern für die gesamte EU.

EU-Kommissarin
Im Team von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen ist die zypriotische, christdemokratische  Politikerin Stella Kyriakides (65) seit fast zwei Jahren als Kommissarin für den Bereich Gesundheit zuständig.

Kampf gegen Krebs
Den Kampf gegen Krebs in  Europa hatte sie  ins Zentrum ihrer Arbeit in Brüssel stellen wollen – bis Corona kam. Was Leid bedeutet, weiß sie nur zu gut: Zwei Mal musste die Zypriotin gegen eine Krebserkrankung kämpfen.

Sie können zu Brutstätten für Virusvarianten mit größerer Ansteckungsgefahr und schwereren Verläufen werden. Wir müssen dringend etwas dagegen tun. Eine Universallösung für alle EU-Mitgliedstaaten gibt es nicht. Die Herausforderungen sind unterschiedlich.

In jedem Land spielen ganz spezifische Faktoren zusammen. Dabei geht es um mangelnde Kommunikation, oder auch um widersprüchliche Maßnahmen und Fehlinformationen, die kursieren und zu Impfskepsis führen. Wir müssen die Menschen erreichen und informieren, erklären und zuhören.

Wo sehen Sie Möglichkeiten für Österreich, die Menschen zu mehr Impfungen zu bewegen?

Österreich ist einer der Mitgliedstaaten, die die 70-Prozent-Marke bei der Vollimmunisierung der erwachsenen Bevölkerung erreicht haben, was sehr begrüßenswert ist. Die Gefahr von Virusvarianten zeigt aber, dass mehr Menschen vollständig geimpft werden müssen.

Auch darüber werde ich mit Gesundheitsminister Mückstein während meines Wien-Besuchs sprechen. Wir wollen Österreich in jeder Hinsicht unterstützen, darum komme ich am Freitag nach Wien. Alle wollen steigende Fallzahlen und das Aufkommen neuer Varianten um jeden Preis verhindern, und dagegen ist die Impfung unsere stärkste Waffe.

Ich werde das Institut der St. Anna Kinderkrebsforschung als auch das Krankenhaus besuchen. Das ist ein wichtiger Teil meines Aufenthalts, vor allem im Hinblick auf den europäischen Plan zur Krebsbekämpfung und die Notwendigkeit, sich auf Kinderkrebserkrankungen zu konzentrieren.

Bei der nächsten Pandemie will die EU besser gerüstet sein – und bildet eine Behörde zur Krisenvorsorge und –Reaktion (namens HERA). Welche Probleme soll uns diese Behörde beim nächsten Mal ersparen?

COVID-19 wird sehr wahrscheinlich nicht der letzte weltweite Gesundheitsnotstand sein. Unsere europäische Reaktion auf die Pandemie hat gezeigt, wie viel wir in kurzer Zeit erreichen können, wenn wir uns koordinieren und solidarisch zusammenarbeiten.

Unsere Antwort hat Wirkung gezeigt, aber sie kam spontan. Wir brauchen dauerhafte und strukturelle Lösungen. Wir müssen uns auf die nächste Krise vorbereiten.

Das wird Aufgabe von HERA sein, als Teil unserer Arbeit an einer starken Europäischen Gesundheitsunion. Sollte sich die nächste Krise abzeichnen, werden wir dafür sorgen, dass die notwendigen Impfstoffe, Medikamente und medizinischen Geräte bereitstehen, ebenso wie klare Pläne für ihre Herstellung und Verteilung.

HERA wird Bedrohungen erkennen und einordnen. Sie wird auch abschätzen, wie viel Zeit uns bis zu einem möglichen globalen Ausbruch bleibt.

Kann diese Behörde dann EU-weite Quarantäneregeln verhängen oder Reisevorschriften geben?

HERA soll vor allem die Kooperation zwischen der europäischen und der nationalen Ebene sicherstellen. HERA wird mit den Mitgliedstaaten, dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten und der Europäischen Arzneimittelagentur zusammenarbeiten und die verschiedenen Puzzleteile zusammenfügen, damit alle Länder im Ernstfall schnell und energisch reagieren können.  

Wenn eine neue Krise ausbricht, wird HERA befugt sein, schnelle Entscheidungen über medizinische Gegenmaßnahmen zu treffen und Soforthilfen zu aktivieren.

Das ist jedoch kein Ersatz für Entscheidungen der nationalen Behörden, die am besten über die nationale und regionale Ebene Bescheid wissen.

Die USA haben angekündigt, 500 Mio. Impfdosen an ärmere Länder zu verschenken. Und die EU?

Unser Motto war nie „EU first“, sondern Impfsolidarität. Bis Mitte 2022 werden wir als Team Europe gemeinsam mit den Mitgliedstaaten insgesamt 500 Millionen Dosen zur weiteren Verteilung an einkommensschwache Länder bereitstellen. Deshalb haben wir die Hälfte unserer Produktion – 800 Millionen Dosen – in Drittländer exportiert.

Außerdem haben wir gerade eine globale Impfpartnerschaft mit den USA angekündigt, um die Impfkampagnen weltweit zu unterstützen. Mit dieser Partnerschaft bündeln wir unsere Kräfte, um die Herstellung von Impfstoffen weltweit voranzutreiben – so wie wir es jetzt schon in Afrika tun.

Unser Ziel ist klar: Gemeinsam streben wir eine globale Impfquote von 70 Prozent bis Ende 2022 an. Das ist ehrgeizig, doch, wenn wir zusammenarbeiten, ist es aus meiner Sicht machbar. Und es muss machbar sein, wenn wir der Pandemie tatsächlich ein Ende setzen wollen.

Vielleicht wissen Sie mehr als wir: Wann könnte man in der EU sagen, wir haben die Pandemie hinter uns?

Mit den steigenden Impfquoten hat sich die Lage in der gesamten EU deutlich verbessert. Wir können vorsichtig optimistisch sein. Aber wir haben die Pandemie noch nicht überwunden – das Virus breitet sich immer noch aus und nicht alle sind geimpft.

Solange die Impfquoten nicht höher und die Neuinfektionen nicht niedriger sind, müssen wir weiter dazu motivieren, im Innenraum Masken zu tragen und Abstand zu halten wo immer möglich. Wir alle müssen vorsichtig und besonnen bleiben.

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