WikiLeaks-Gründer Julian Assange

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Wikileaks
10/24/2016

Clinton-Mails: Was Julian Assange antreibt

Zehn Jahre nach seiner Gründung greift die Enthüllungsplattform Wikileaks mit geleakten Emails in den US-Wahlkampf ein. Ein Ex-Mitarbeiter erklärt jetzt Assanges Beweggründe.

von Peter Temel

* Dieser Bericht wurde im September 2016 veröffentlicht *

Ist Julian Assange ein Fan von Donald Trump und Wladimir Putin? So weit würde James Ball nicht gehen. Der ehemalige Mitarbeiter der Enthüllungsplattform Wikileaks spricht auf Buzzfeed aber von der "seltsamen, paranoiden Welt" von Assange.

Vor zehn Jahren wurde die Webseite Wikileaks registriert und rasch für seine Aufsehen erregenden Enthüllungen gehypt. Seitdem Wikileaks dieses Jahr im US-Vorwahlkampf Tausende E-Mails der US-Demokraten ins Netz gestellt hat, muss sich die Plattform den Vorwurf gefallen lassen, sie habe sich vor den Karren russischer Geheimdiensthacker spannen lassen, um damit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump zu helfen.

Am Sonntagabend hat Wikileaks die 16. Tranche der geleakten E-Mails von John Podesta veröffentlicht. Podesta ist Leiter von Clintons Präsidentschaftskampagne. Vom russischen Staat finanzierte Medien wie Russia Today berichten beinahe in Echtzeit über die jeweiligen Wikileaks-Veröffentlichungen. Auch das ließ Stimmen laut werden, Assange unterhalte gute Verbindungen zum Kreml. Wikileaks verteidigt sich damit, dass die Enthüllungen zuerst oft leise veröffentlicht werden und manche Medien die Webseite eben öfter auf Aktualisierungen checken als andere.

Abneigung gegen Hillary Clinton

Hillary Clinton hat zuletzt bei der dritten TV-Debatte gegen Trump erneut darauf hingewiesen, dass Russland den Wahlkampf beeinflussen wolle. Aber selbst wenn keine Verbindung zu russischen Hackern besteht, stellt sich immer noch die Frage: Woher kommt Assanges Antipathie gegen Hillary Clinton?

Es war der 29. November 2010, als Clinton, noch als Außenministerin, vor Journalisten die Veröffentlichung vertraulicher Dokumente durch Wikileaks und andere Medien ("Cablegate") verurteilte. Die Enthüllung diplomatischer Kommunikation "bringt Menschenleben in Gefahr", bedrohe die nationale Sicherheit der USA und hintertreibe Bemühungen mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten. Clinton kündigte damals "agressive Schritte" an, um die "Informationsdiebe" zur Verantwortung zu ziehen. Als James Ball damals Teil von Wikileaks war, habe er die Angst der Gruppe vor dem langen Arm des Staates spüren können.

Tatsächlich haben die USA politischen und juristischen Druck auf Wikileaks ausgeübt. Die Veröffentlichung von vertraulichen Informationen zu verurteilen, sei aber für Hillary Clinton als Außenministerin wohl ohne Alternative gewesen, schreibt Ball. Wenn Assange aber die Möglichkeit erhalte, Clinton und der US-Regierung zu schaden, dann greife er zu, meint Ball. Daher stelle Assange auch nicht viel Fragen, wenn er von anonymer Quelle Dokumente angeboten bekomme, die diesen Zweck erfüllen. Der Wikileaks-Gründer selbst sagte gegenüber demSpiegelzu Vorwürfen, Russland zuzuarbeiten: "Wenn eine Quelle uns Material überlässt, das von politischer, diplomatischer, historischer oder ethischer Bedeutung ist und noch nicht veröffentlicht wurde, dann machen wir es publik." Die Kriterien für die Veröffentlichungen seien öffentlich und unverändert: Wikileaks werde weiterhin keine Quellen nennen und kenne sie meist auch nicht.

Assange sieht korruptes politisches System

"Assange würde sich nie wissentlich in den Dienst des russischen Staates stellen", schreibt Ball, der auch für den Guardian arbeitet. Assange hege aber auch keinerlei persönliche Aversionen gegen Russlands Präsident Wladimir Putin oder andere autoritär agierende Staatenlenker. Seiner Ansicht nach wäre es aber zu einfach, Assange schlicht Anti-Amerikanismus vorzuwerfen. "Assange würde wohl sagen, dass er das amerikanische Volk unterstützt. Er ist aber überzeugt, dass das ganze politische System der USA vollkommen korrupt ist", schreibt Ball. "Assange misstraut der US-Regierung, und er hat eine Abneigung gegen Hillary Clinton." Bis zu einem gewissen Ausmaß sei das für ihn "eine persönliche Angelegenheit".

Dass Wikileaks mit den geleakten Emails indirekt Trump unterstützt, wies Assange in einem Spiegel-Interview zurück. Man verstehe sich als unabhängige Organisation und könne keine Rücksicht darauf nehmen, dass in einem Land gerade Wahlen anstehen, sagte Assange. Er habe keinerlei Affinität zu dem republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten.

Darling rechter Verschwörungstheoretiker?

Dennoch ist Wikileaks bei vielen ehemaligen Unterstützern in Ungnade gefallen. Auch Ball findet, die Plattform sei von den Lieblingen der Linksliberalen zu den Darlings rechter Verschwörungstheoretiker im Internet geworden. Die Veröffentlichungen von Wikileaks legen nahe, dass die US-Wahlen manipuliert würden und schrecken auch vor antisemitischen Codes ("von Rothschild kontrolliert") nicht zurück (siehe Tweet unten).

Und selbst der Säulenheilige der Whistleblower, Edward Snowden, übte Kritik an Wikileaks. "Informationen zu demokratisieren war niemals wichtiger und Wikileaks hat definitiv geholfen", schrieb Snowden Ende Juli in einem Tweet. "Aber ihre Ablehnung jeder, auch zurückhaltender Kuratierung und Einordnung ist ein Fehler."

"Die Welt rund um Wikileaks hat sich verändert"

Was ist in den sechs Jahren seit dem "Cablegate" mit der einst so gelobten Enthüllungsplattform passiert? "Weder Assange noch Wikileaks haben sich verändert", schreibt der frühere Mitarbeiter Ball. "Es ist die Welt, in der sie operieren, die sich verändert hat." Wikileaks sei immer noch die rücksichtslose und paranoide Schöpfung, die es von Beginn an gewesen sei.

Aber eines habe sich rund um Assange tatsächlich gewandelt, schreibt Ball: "Assange wird entweder von seinen Fans heroisiert oder von seinen Gegnern dämonisiert, sodass sein wirklicher Charakter komplett verloren ging."

Zehn Jahre Wikileaks

Am 4. Oktober feierte Wikileaks sein zehntes Jubiläum. Assange, der seit Jahren in der Botschaft Ecuadors in London festsitzt, wurde zu der Festveranstaltung in der Berliner Volksbühne per Video zugeschaltet. Ursprünglich wollte Assange vom Balkon der Asyl gewährenden Botschaft sprechen, der Auftritt wurde jedoch unter Hinweis auf Sicherheitsüberlegungen abgesagt. Assange machte auf Anfrage keine Angaben dazu, was genau die Sorgen waren.

Die Website von Wikileaks wurde am 4. Oktober 2006 wurde registriert. Die ersten Veröffentlichungen der Enthüllungsplattform folgten zum Jahresende. Seither sorgten die Aktivisten um Assange mit zahlreichen Veröffentlichungen, unter anderem aus den Kriegen im Irak und Afghanistan oder dem US-Gefangenenlager Guantanamo für Aufsehen. In Deutschland deckten geleakte Dokumente auf der Website etwa auf, dass Bundeskanzlerin Angela Merkels Handy abgehört wurde.

"Wenn wir unter Druck gesetzt werden, wehren wir uns"

Zwischenzeitlich hatte die Aktivität nach einem Zerwürfnis in der Führung von Wikileaks und den juristischen Problemen von Assange nachgelassen. Er lebt seit Sommer 2012 im Asyl in der Botschaft Ecuadors, um einer Auslieferung nach Schweden zu entgehen, wo gegen ihn wegen Vorwürfen sexueller Nötigung ermittelt wird. Assange erklärt, er müsse befürchten, von Schweden in die USA ausgeliefert zu werden.

Dennoch zog Assange zum zehnten Jahrestag gegenüber dem Spiegel eine positive Bilanz. Seine Plattform könne weiterhin gut arbeiten: "Die Angriffe machen uns nur härter", sagt Assange: "Wir glauben an das, was wir tun. Wenn wir unter Druck gesetzt werden, wehren wir uns."

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