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Politik Ausland
06/22/2021

Betroffene kritisieren das neue LGBT-Gesetz der ungarischen Regierung

"Sie wollen unsere Community verschwinden lassen". Angst vor psychischen Folgen der Diskriminierung.

Von Sven Beck

"Call me by your name" – wenn eine Lehrerin in einer Schulklasse in Budapest künftig diesen Film über eine Affäre zweier Männer zeigt, könnte sie dafür prompt ihren Job verlieren. Denn mit einem neuen Gesetz verbietet die ungarische Regierung positive Darstellungen von Homo- oder Transsexualität für Jugendliche. Die LGBTQ-Community und Experten für sexuelle Aufklärung sehen darin einen Angriff auf die Freiheit. Für die in Ungarn regierende Fidesz-Partei sind Gegenmodelle zur Heterosexualität dagegen gefährlich. Der offizielle Grund des neuen Verbots: Pädophilie-Prävention.

Die Auswirkungen könnten allerdings in eine andere Richtung gehen. Ungarn schränke damit die Freiheit junger Menschen nicht nur ein, sondern beeinflusse ihre psychische Gesundheit möglicherweise ein Leben lang, so die Kritik von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch.

Fanni Raffai, 22 Jahre alt, lebt selbst non-binär, also ohne spezifische Geschlechtszuordnung, in Ungarn und findet klare Worte: „Das Gesetz verletzt Kinder- und Menschenrechte“, so Fanni Raffai, die nach ihrer „Flucht von Zuhause“ Tattoo-Kunst in Budapest macht. „Es hat einen massiven Einfluss auf unsere Psyche. Es reißt Wunden aus unserer Coming-out-Phase auf, und wir müssen erneut durch das Trauma gehen, von unserer Familie nicht akzeptiert zu werden.“ Und weiter: „Ich glaube, die Konsequenzen werden mehr Selbstmorde, mehr Depression und ein generationenübergreifendes Trauma sein, das Jahrzehnte zum Heilen braucht. Sie wollen unsere ganze Community verschwinden lassen.“

„Schritt zurück“

Der Sexualpädagoge Wolfgang Kostenwein stimmt zu: „Die Dissonanz zwischen der erlebten Anziehung und den gesellschaftlichen Limitierungen kann Belastungsfaktoren erzeugen, die tatsächlich bis zum Suizid führen können.“ Wenn junge Menschen in ihrer Identität nicht akzeptiert würden, könne ein innerer Konflikt entstehen: „Dass ein europäisches Land einen Schritt zurück in diese Vergangenheit setzt, ist mehr als empörend“, so Kostenwein, „alle sexualpädagogischen Kenntnisse werden ignoriert.“

Auch der 24-jährige Budapester Künstler Barnabás Lakatos Gelléri ist von der Neuerung betroffen. Er berichtet dem KURIER über sein Aufwachsen auf dem ungarischen Land als schwuler Bursche: „Es war sehr belastend. Ich wurde geschlagen, weil ich bunte Socken getragen habe, sodass ich die Schule wechseln musste. Als ich mit siebzehn meine Nase gepierct habe, starrten mich im Bus alle Mitschüler an, und im Supermarkt machte die Verkäuferin beleidigende Kommentare.“ Nun lebt Gelléri in Budapest, wo die Bevölkerung toleranter sei. Sein Umfeld vergleicht er mit Berlin, nur mit der Polizei habe er immer wieder Probleme. Durch das neue Gesetz habe sich die Lage verschlimmert.

Viele Beobachter meinen, die Novelle sei nicht mit den EU-Grundwerten vereinbar. Derzeit prüft Brüssel das Gesetz. EU-Kommissarin Helena Dalli spekulierte gegenüber der Budapester Zeitung, dass die EU Fördergelder an Ungarn auch aufgrund dieses Gesetzes kürzen könnte. Die Botschaft solle sein, dass kein Geld fließe, wenn Grundwerte missachtet würden. Kommissionschefin Von der Leyen schrieb auf Twitter: „Ich glaube an ein Europa, das sich auf Diversität einlässt, nicht an eines, dass sie von unseren Kindern verbirgt.“

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