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Politik Ausland
05/10/2019

BER: Flughafen im Dauerschlaf

Vor sieben Jahren platzte die Eröffnung des Berliner Flughafens, was bleibt ist die Frage: Wann geht der BER ans Netz?

von Sandra Lumetsberger

Der Steinboden ist so glatt, als wäre er frisch poliert, hinter dem holzvertäfelten Check-in-Schalter wischen Putzkräfte über die Bildschirme. Auf der Anzeigetafel leuchtet ein Flugzeugsymbol auf – allerdings ohne Ziel. Obwohl man hier am Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) das Gefühl hat, es kann jeden Moment losgehen, wird es noch dauern, bis die ersten Passagiere ihre Koffer aufgeben. Vor sieben Jahren waren immerhin schon Statisten hier, die den Betrieb übten – und dann am Handy erfahren mussten, dass die Eröffnung des Hauptstadtflughafens kurzfristig abgesagt wird. Insgesamt fünf Mal änderten sich die Termine, seit 13 Jahren wird am BER gebaut.

11.000 Mängel

Ein Bericht des TÜV von Anfang März lässt weiter wenig Gutes erahnen: Mehr als 11.000 Mängel wurden zuletzt festgestellt. Der Tagesspiegel berichtete, dass Aufsichtsrat und Gesellschafterkreise am bisher ausgegebenen Eröffnungstermin Oktober 2020 zweifeln würden.

Jener Mann, den das alles nervös machen sollte, eilt schnellen Schrittes durch die Halle von Terminal 1 – hinter ihm ein Tross Auslandsjournalisten. Engelbert Lütke Daldrup, der Mann im blauen Anzug und der roten Warnweste, ist der vierte Flughafenchef und hält trotz der Berichte weiter am Starttermin fest. Auf die zig Mängel angesprochen, winkt er ab. Die Hälfte sei schon behoben – und überhaupt: „Wir hatten mal 200.000 Mängel – sind also fast fertig“, erklärt er. Den Humor hat der Mann also nicht verloren. Seit mehr als zwei Jahren hat der frühere SPD-Politiker die Aufgabe, den Flughafen ans Netz zu bringen und macht kein Hehl aus der „Baukatastrophe“. Er versteht den Unmut der Öffentlichkeit und wolle der „Peinlichkeit ein Ende bereiten“.

Damit sind vor allem aber die 300 Arbeiter beschäftigt, die herausragende Kabel unter der Decke verschwinden lassen, Mauern wieder neu einziehen mussten. Ihr Hämmern und Bohren ist das Einzige, was den Geisterflughafen lebendig wirken lässt. Abgesehen von den Journalisten und Touristengruppen, die hier regelmäßig kommen, um über Deutschlands berühmtesten Flughafen zu staunen. Ja, da wäre der führerlose Zug, der unter dem Terminal durchfährt, um den unterirdischen Bahnhof zu belüften. Oder Kunstwerke wie der riesige fliegende Teppich aus roten Aluminiumstreifen, der über dem Eingangsbereich schwebt; sowie die im Boden eingelassenen Münzen.

Mehr als sechs Milliarden Euro wurden bisher am Flughafen versenkt, ursprünglich sollte er zirka zwei Milliarden kosten. Nach dem geplatzten Eröffnungstermin 2012 musste viel nachinvestiert werden, weil einige Räume nicht abnahmefähig waren, erklärt der BER-Chef. Man habe den Aufwand damals unterschätzt, ebenso das strenge Baurecht. Der gelernte Stadtplaner moniert, dass es in Deutschland zu viele Bauvorschriften und Normen gibt, die immer mehr werden. Sobald etwas abweicht, müssen sie Einzelfall-Zulassungen beantragen. Zuletzt bei Tausenden Plastikdübeln, mit denen die Sicherheitskabel befestigt wurden. Laut einem TÜV-Vertreter kann man dies nicht durchgehen lassen, schreibt der Tagesspiegel.

Gesamtprüfung im Sommer

Ob der BER-Chef recht behält und der Flughafenbetrieb 2020 startet, entscheidet sich diesen Sommer. Wenn alle finalen Anlagen freigegeben sind, kommt die Gesamtprüfung. Derzeit werde die Sprinkleranlage vorbereitet, sie ist zu 99,8 Prozent fertig, erklärt Engelbert Lütke Daldrup dem KURIER.

Neben Politikern, Investoren und Airline-Betreibern, werden sich auch die künftigen Geschäftsleute am BER den Termin rot anstreichen. Ihre Vorgänger hatten 2012 schon die Läden eingerichtet und mussten danach räumen. Was davon blieb: Viel Ärger, Klagen – und die Schilder, die den Weg zu den Shops und Cafés weisen. Geht die Prüfung im Sommer erfolgreich über die Bühne, sollen sie nächsten Winter bezogen werden. Danach wolle man den Betrieb mit mehr als 10.000 Komparsen üben. Bis es so weit ist, wird man den Boden weiter polieren, den unterirdischen Bahnhof durchlüften. Und draußen am Vorplatz des künftigen Flughafens sprießt unübersehbar das Gras aus dem Betonboden.