Der Theologe und frühere Franziskaner Leonardo Boff

© AP/Victor R. Caivano

Leonardo Boff
09/26/2016

"Belastbarkeit des Planeten erreicht"

Der bekannte Befreiungstheologe Leonardo Boff über die Schöpfung und die Zukunft der katholischen Kirche.

von Walter Friedl

Er ist eine der Ikonen der sogenannten Befreiungstheologie. Jener Art des christlichen Diskurses und Handelns, mit der sich katholische Priester, Bischöfe und auch Kardinäle vor allem in Lateinamerika seit den 1960er-Jahren radikal auf die Seite der Armen und Ausgegrenzten gestellt haben. Einer der großen Denker dieser libertären Theologie ist der Brasilianer Leonardo Boff, 77. Mit seinen fundierten Texten goss er die gelebte Praxis der Basisgemeinden in ein theologisches Gedankengebäude.

Dafür wurde er vom damaligen Papst Johannes Paul II. und dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation in Rom, Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., 1985 zu einem einjährigen "Bußschweigen" verdammt und später zum Austritt aus dem Franziskanerorden gedrängt. Doch mundtot ließ sich der Theologe nicht machen. Das bewies der kritische Geist auch im Gespräch mit dem KURIER, der ihn im brasilianischen Petropolis, eine gute Autostunde von Rio de Janeiro entfernt, in seinem Haus besuchte.

KURIER: Die Theologie der Befreiung hat schon einmal bessere Tage erlebt. Was lief schief?Leonardo Boff:Sie ist vielleicht nicht mehr so sichtbar wie früher, aber es gibt sie immer noch. Wir haben an die 100.000 Basisgemeinden, die die Träger dieser Art der Theologie sind. Am lebendigsten sind sie in meinem Heimatland im Nordosten und in Amazonien. Die brauchen keine Priester, aber Rom akzeptiert das nicht.

Ist dieser Konflikt der Befreiungstheologen mit dem Vatikan nicht der Hauptgrund dafür, dass die Befreiungstheologie so schwächelt, weil sie von oben "abgedreht" wurde?

Die katholische Kirche hat sich stets als institutionell gesehen – das hat zu einer totalen Niederlage geführt. Was wir sehen, ist eine Gegenüberstellung zwischen einer Kirche der Tradition und einer Kirche des Evangeliums. Ich habe aber die Hoffnung, dass der jetzige Papst (Franziskus) die Basiskirche anerkennt. Für mich ist sie das Zentrum, das, was Kirche eigentlich ausmacht.

Wie würden Sie Befreiungstheologie definieren?

Die Menschen, die sie leben, versuchen die Gegensätze in der Gesellschaft wahrzunehmen, sie dann mit scharfem Blick auf die Bibel zu analysieren und schließlich im Handeln der Armen und mit den Armen umzusetzen.

Wie sehen Sie die Zukunft der katholischen Kirche unter der Führung Roms?

Sie hat nicht die Kraft, sich selbst zu reformieren. Was die Kirche retten kann, sind die Basisgemeinden. Denn die Lebendigkeit des Christentums ist heute an der Peripherie zu finden, wo man ein anderes Bild der Kirche ausgeprägt hat. In Europa gibt es nur noch 24 Prozent aller Katholiken weltweit. Der Papst (der aus Argentinien stammt) sagt von sich selbst ja immer wieder: "Ich komme vom Ende der Welt."

Von dort kommen derzeit auch Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa – aus Afghanistan, Somalia und natürlich aus Syrien. Wie sehen Sie diese Entwicklung aus der Ferne?

Diese Menschen kommen deswegen nach Europa, weil die Europäer zuerst dort waren und die Bodenschätze geplündert haben.

Sie haben die klassische Befreiungstheologie mit der Option für die Armen erweitert um die Option für die Erde. Was meinen Sie damit genau?

Wir haben die physischen Grenzen der Belastbarkeit des Planeten Erde erreicht. Wir verbrauchen weit mehr Ressourcen, als uns die Erde zur Verfügung stellen kann. So können wir nicht mehr weitermachen.