Politik | Ausland 18.01.2013

Befreite Geiseln: "Es war ein Albtraum"

Jener Niederösterreicher, der unter den Geiseln in Algerien war, ist auf dem Weg nach Hause.

Nach den bangen Stunden zwischen Verzweiflung und Hoffnung atmete die Familie von Christoph Z. am Freitag in Zwettl auf. Kurz nach Mittag kam der erlösende Anruf aus dem Wiener Außenministerium. „Christoph ist am Leben.“ Das Geiseldrama in der algerischen Wüste hat zumindest für den 36-jährigen Niederösterreicher, der sich unter den Gefangenen befunden hatte, ein gutes Ende genommen. „Wir haben soeben die erfreuliche Information erhalten, dass der Österreicher in Sicherheit ist“, ließ Außenminister Michael Spindelegger Freitagmittag, zwei Tage nach Beginn der Geiselnahme, verkünden. Genaue Informationen darüber, wie es Christoph Z. geschafft hat, sich unversehrt aus den Händen der Islamisten zu befreien, seien nicht möglich, da die Geiselsituation auf dem Gasfeld in Algerien auch weiterhin im Laufen ist. „Da müssen wir extrem vorsichtig sein, denn jede Preisgabe ist für andere Geiseln potenziell gefährlich“, sagte Außenamtssprecher Martin Weiss gegenüber dem KURIER. Der Niederösterreicher ist inzwischen auf der US-Militärbasis Ramstein im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz gelandet und wird in Kürze nach Zwettl zurückkehren.

„Das was wir sagen können, ist, dass der Österreicher schon mit seiner Familie und der Botschaft telefoniert hat, und selbst sagte, dass es ihm gut geht“, so Weiss. Dass aber eine solche Erfahrung eine große psychische Belastung sei, stehe außer Frage. Wie nun weiter verfahren wird, ist Gegenstand von taktischen Überlegungen. Der Pass des Mannes ist bei der Geiselnahme verloren gegangen. Zusammen mit dem Arbeitgeber des Energie-Experten werde nun über die Ausreise gesprochen.

Christoph Z., 36, spielte als Jugendlicher beim Fußballclub in Zwettl
Christoph Z, Zwettl, in Algerien vermisst © Bild: FREMD/SC Zwettl
Die Nachbarn in Zwettl, dem Heimatort von Christoph Z., sind auch erleichtert: Seit mehreren Jahren ist er als Ingenieur beim britischen Öl-Multi BP beschäftigt. Bevor er nach Algerien kam, sei er für Erdöl- und Erdgas-Bohrprojekte in Nordamerika und in der Nordsee zuständig gewesen, erzählen sie dem KURIER. Seine steile Berufskarriere startete der Zwettler gleich nach seinem Studium für „Petroleum Engineering“ auf der Montan-Universität in Leoben. Vielen Zwettlern ist Christoph Z. aber als ehemalige Nachwuchshoffnung des Fußballvereins Sportclub Zwettl bekannt.

Kurz nach seiner Befreiung sei der 36-Jährige zunächst in Sicherheit gebracht worden, in die Nähe der Gasförderanlage, sagt Außenamtssprecher Weiss. Noch am Freitag sollte er aber weiterfahren. Noch wisse man nicht, ob die ehemalige Geisel direkt nach Österreich zurückkehre oder über einen Umweg. Der politische Direktor des Außenministeriums, Jan Kickert, sei vor Ort und betreue den Zwettler. „Es gibt laufend Sitzungen im algerischen Außenministerium, wir sind auch telefonisch ständig verbunden“, so Weiss. In Algerien befinden sich weniger als einhundert Österreicher, vor allem aus beruflichen Gründen. Obwohl es steten Kontakt zwischen Außenministerium, AußenwirtschaftsCenter und den Botschaften gibt, ist die Gefahr im Gebiet allgegenwärtig. „Für die Ausländer gibt es jedenfalls in der gesamten Region ein absolutes Bedrohungsszenario. Deshalb gibt es ja auch eine Reisewarnung“, sagt David Bachmann, Wirtschaftsdelegierter in Libyen. „Vor allem dort, wo die Zentralregierung weit entfernt ist.“

Mit Glück entkommen

Ähnlich wie Z.s Familie fiel am Donnerstag um 15 Uhr auch Angela McFaul in Belfast ein Stein vom Herzen. Stephen, ihr Mann, hatte sie angerufen. Stundenlang hatte sie die Nachrichten verfolgt und nicht gewusst, ob der Vater ihrer Söhne noch am Leben ist oder nicht. Während der Geiselnahme versteckte sich der 36-jährige Elektriker im Wohnbereich der Anlage. Als die Angreifer das Gebäude durchsuchten, fanden sie ihn. Sie verklebten seinen Mund und legten Sprengstoff um seinen Hals.

McFaul kam erst frei, als die Geiselnehmer ihn und andere Ausländer mit fünf Jeeps an einen anderen Ort bringen wollten. Vier der Jeeps wurden von der Luft aus bombardiert. Der Ire hatte Glück, sein Wagen wurde nicht getroffen. Sein 13-jähriger Sohn war überglücklich über die guten Neuigkeiten: „Ich werde ihn umarmen. Nach Algerien lasse ich ihn nicht mehr.“

Der Franzose Alexandre Berceaux versteckte sich 40 Stunden unter seinem Bett. „Ich hatte Essen, ein bisschen was zu trinken, wusste nicht, wie lange es dauern würde.“ Er glaube, dass sich noch weitere Menschen versteckt halten, sagte er am Freitag. „Es war ein Albtraum“, berichtete ein Algerier, der sich ebenfalls in der Wohnanlage versteckte. Als Vermummte ihn und andere Algerier fanden, sagten sie „Algerische Brüder, habt keine Angst. Wir sind alle Brüder, wir sind alle Muslime.“

30 Ausländer werden vermisst

Während der Armeeeinsatz in der Gasförderanlage von In Amenas am Freitagnachmittag noch andauerte, konnte man in Algerien zumindest ein bisschen aufatmen. Die staatliche algerische Nachrichtenagentur APS berichtete über die Befreiung von insgesamt 639 Geiseln. Die Angreifer hatten offenbar wesentlich mehr Geiseln auf dem Areal gefangen gehalten als ursprünglich bekannt. Am Donnerstag war noch von 41 die Rede gewesen.

Unter den Befreiten befanden sich rund 100 Ausländer. Etwa 30 ausländische Arbeiter werden noch immer vermisst. Ob sie sich noch in der Gewalt der Geiselnehmer befanden, war zunächst nicht klar. Die Islamisten drohten indes mit weiteren Angriffe auf westliche Ziele in Algerien.

Lob und Kritik

Die Armee habe Hunderte Geiseln gerettet und ein Unglück auf dem Öl-Gelände verhindert, verkündete das Fernsehen. Doch auch wenn sich die Behörden bemühten, den Militäreinsatz als Erfolg zu verkaufen, hagelte es weltweit Kritik. Auch das österreichische Außenministerium klagte, über den Einsatz nicht informiert worden zu sein. „Wir wissen, dass in Algerien ein schwieriges Umfeld herrscht, trotzdem sollte die Botschaft immer sein, dass das Leben und die Gesundheit höchste Priorität hat“, sagte Außenamtssprecher Martin Weiss dem KURIER.

Auch aus Japan, Norwegen und Großbritannien kam Kritik – vor allem über die schlechte Informationspolitik der Algerier. Aber „wir müssen absolut klarstellen, wer schuld ist“, sagte Premier David Cameron. „Die Terroristen.“ Frankreich wies die Kritik an Algerien zurück. Die Situation sei „sehr komplex“, für die algerischen Behörden habe es keine andere Wahl gegeben.

Bestens organisiert

Die Angreifer kannten die Gasförderanlage in- und auswendig. Mindestens zwei Monate vor dem Beginn der Geiselnahme am Mittwoch wären sie zum Angriff bereit gewesen. Sie warteten nur noch auf einen Anlass. Die Islamisten der Gruppe „Unterzeichner mit Blut“, einer Splittergruppe der El Kaida im islamischen Maghreb ( AQIM), suchten Rache für die algerische Unterstützung der Franzosen im Mali-Krieg.

Der Ablauf der Geiselnahme ergibt sich aus Aussagen der Befreiten. Arbeiter hätten mit einem Bus zum Flughafen gebracht werden sollen – die Islamisten, die mit Geländefahrzeugen gekommen waren, beschossen den Bus. Alarm wurde ausgelöst, die im Werk arbeitenden Menschen verschanzten sich wie geübt. Doch die bewaffneten Islamisten aus der Region ( Mali, Ägypten, Algerien, Niger, Mauretanien, Tunesien) und ein Mann aus Kanada brachten die Anlage schnell unter ihre Kontrolle. Sie schalteten die Förderung ab und durchsuchten das Areal – vor allem nach Ausländern. Geiseln berichteten, dass Muslime verschont werden sollten (siehe links). Algerische wurden von ausländischen Geiseln getrennt. Viele konnten fliehen, als am Donnerstag Armeehubschrauber das Gelände beschossen.

Weniger Glück hatten jene Geiseln, die während des Beschusses gerade mit Geiselnehmern in Autos auf dem Gelände unterwegs waren. 35 Geiseln und 15 Kidnapper starben dabei.

Der Ort der Geiselnahme

Die Geiselnahme von In Amenas war keine spontane Aktion nach dem Eingreifen der Franzosen in Mali, sondern von langer Hand professionell geplant. Hinter der Aktion steht das Kommando "Die mit dem Blut unterschreiben" des algerischen Jihad-Führers Mokhtar Belmochtar (siehe Porträt weiter unten), der in der Organisation Al Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) zum "Emir" aufgestiegen war. Aus Aussagen von Islamisten und befreiten Geiseln ergibt sich folgender Ablauf.

Die Geiselnahme war einem Islamistensprecher zufolge monatelang für den Fall vorbereitet worden, dass Algerien dem Drängen Frankreichs nach Unterstützung im Mali-Krieg nachgibt. Das Kommando war fast zwei Monate vor dem Angriff am Mittwoch einsatzbereit. Es hatte eine genau Kenntnis der Anlage und ihres Funktionierens und verfügte über Armeeuniformen, um ihre Opfer zu täuschen.

Erster Angriff

Zum Kommando gehörten Männer aus Mali, Ägypten, Algerien, Niger, Mauretanien und Kanada. Ex-Geiseln identifizierten zusätzlich Tunesier und Personen weiterer nordafrikanischer Länder. Die Täter kamen mit Geländewagen.

Der Angriff begann am Mittwoch mit dem Beschuss eines von Sicherheitskräften begleiteten Busses, der Reisende zum Flughafen von In Amenas bringen sollte. Dabei gab es Opfer. Die Schüsse alarmierten die Beschäftigten. Sie hatten die Anweisung, sich bei einem Angriff dort zu verstecken, wo sie sich befanden.

Rasche Übernahme

Die Islamisten brachten das Werk schnell unter Kontrolle. Sie schalteten die Förderung ab und durchsuchten systematisch alle Zimmer der Wohneinheit nach Ausländern. Eine kleine Gendarmerieeinheit vor Ort konnte nicht effektiv eingreifen.

Die algerischen Beschäftigten wurden im Freizeitgebäude der Anlage zusammengetrieben. Beim Angriff der Armeehubschrauber am Donnerstag gerieten sie in Panik und brachen aus. Die Terroristen wurden überrascht und Hunderte - ein Franzose sprach in "Le Monde" von 400 bis 600 - Geiseln konnten entkommen.

Einige Islamisten waren mit Geiseln in Fahrzeugen auf dem Gelände unterwegs, als die Armeehubschrauber angriffen. Eine unbekannte Anzahl Fahrzeuginsassen wurden getötet. Die algerischen Truppen befreiten die Wohngebäude und umstellten die Industrieanlagen der Oase. Bei den Kämpfen gab es eine unbekannte Anzahl Opfer.

Der Flughafen wurde militärisch gesichert. Am Freitag wurden befreite Beschäftigte aus In Amenas ausgeflogen. Das Schicksal einer unbekannten Anzahl Ausländer blieb zunächst unklar.

Der „Einäugige“ ist der Terrorchef

Sein Spitzname lautet „Mr. Marlboro“ – nicht weil er etwa Kettenraucher wäre, sondern weil Mochtar Belmochtar, eine Zentralfigur der islamistischen Terroristen in der Sahelzone, das Geld für seinen Dschihad („Heiligen Krieg“) mit Zigaretten-, aber auch mit Drogen- und Waffenschmuggel ergaunerte. Und mit Lösegeld-Einnahmen nach Entführungen von Ausländern aus dem Westen.

Mit 19 im Terrorcamp

1972 im Osten Algeriens geboren, entwickelte Belmochtar schon als Schulkind Sympathien für radikales Gedankengut. Mit 19 ging er nach Afghanistan, wurde in Terrorcamps ausgebildet und kämpfte als „Gotteskrieger“ am Hindukusch. Dabei verlor er ein Auge, die Presse in seiner Heimat nennt ihn bloß den „Einäugigen“.

Als der Fanatiker 1993 in seine Heimat zurückkehrte, versank Algerien gerade im Kampf zwischen Militär und den Islamisten. Er schloss sich der radikalen „Bewaffneten Islamischen Armee“ (GIA) an, wechselte aber bald zu einer noch weit extremistischeren Gruppe, die später in der „Al Kaida des Islamischen Maghreb“ (AKIM) aufging. Dort befehligte Belmochtar die gefürchtete „Brigade der Vermummten“.

Das Verhältnis zwischen dem „Einäugigen“ und der AKIM war aber stets spannungsgeladen, im Dezember des Vorjahres kam es zum Bruch – nicht zuletzt wegen Streitigkeiten um die Einnahmen aus dem Schmuggel: Belmochtar, der auch enge Bande zu Tuareg-Stämmen geknüpft hatte, sagte sich von AKIM los und formierte eine neue Truppe. Der Name: „Das Bataillon, das mit Blut unterschreibt“. Die bärtigen Männer dieser Terrorgruppe hatten am Mittwoch Dutzende Geiseln auf einer Gasförderanlage an der algerisch-libyschen Grenze genommen.

Aufenthalt in Mali

Berichten zufolge hatte sich „Mr. Marlboro“, der mit vier Frauen verheiratet sein soll, zuletzt auch in Mali aufgehalten. Nachdem Islamisten den Norden des Landes im Vorjahr überrannt hatten, die jetzt von Frankreichs Armee bekämpft werden, soll er in der Stadt Gao am Aufbau einer brutalen Scharia-Verwaltung mitgewirkt haben. Im Vormonat hatte seine Einheit, die aus mehreren Hundert Kämpfern bestehen soll, vor jedem Versuch gewarnt, die Islamisten aus Nordmali vertreiben zu wollen.

Die Waffen der Dschihadisten stammen aus libyschen Arsenalen, an denen sie sich nach dem Sturz von Machthaber Gaddafi bedienten. Sie sollen über Panzerabwehrgeschoße und Boden-Luft-Raketen verfügen. (von Walter Friedl)

( Kurier ) Erstellt am 18.01.2013