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Politik Ausland
03/22/2021

Baby statt Schule: Wie Corona Mädchen um ihre Chancen bringt

Die weltweite Krise führt zu einem steilem Anstieg von Teenagerschwangerschaften und Kinderehen.

von Irene Thierjung

Auch wenn eine Infektion mit dem Coronavirus für sie meist glimpflich verläuft, leiden Kinder und Jugendliche weltweit unter der Pandemie. Fehlender Kontakt zu Gleichaltrigen, Bildungslücken, psychische Probleme und Gewalt in der Familie sind nur einige der Auswirkungen, die Lockdowns und Schulschließungen haben.

Besonders in ärmeren Ländern hat die Mischung aus geschlossenen Schulen, fehlenden Perspektiven und finanzieller Not weitere, schwere Folgen: Die Zahl schwangerer Teenager steigt rapide, ebenso die von Kinderhochzeiten.

Millionen neue Fälle

Bis 2030 könnte es weltweit zehn Millionen zusätzliche Kinderehen geben, schätzt Unicef. Der Kampf gegen diese in vielen Ländern nach wie vor verbreitete Form der Zwangsehe werde durch Corona um Jahre zurückgeworfen, so das UN-Kinderhilfswerk.

Ähnlich ist die Lage bei ungewollten Schwangerschaften bei Minderjährigen. Die Kinderschutzorganisation Save the Children geht davon aus, dass es 2020 eine Million zusätzlicher Teenagerschwangerschaften gegeben hat.

Eine Betroffene ist Bruna Horana. Die 16-jährige Brasilianerin ist im achten Monat schwanger, als der deutsche Spiegel Anfang März mit ihr spricht. Ihre Schule habe seit vergangenem Jahr wegen der Pandemie geschlossen, erzählt das Mädchen. Am Online-Unterricht teilzunehmen sei unmöglich gewesen, da ihre Mutter und ihre Tanten ihre Jobs verloren hätten und Bruna mithelfen musste, die Familie zu ernähren.

Man hielt sich mit Lebensmittelspenden und Almosen über Wasser, Bruna lebte am Ende in den Straßen Sao Paulos. Der 24-jährige Vater ihres ungeborenen Kindes, den sie dort kennenlernte, hat sie mittlerweile verlassen, er sitzt im Gefängnis.

Schulen als Schutzräume

Wie Bruna erging es auch Gifty Nuako aus Ghana. Die 18-Jährige weiß seit Dezember, dass sie schwanger ist. Die Familie ihres Freundes lehnte eine Abtreibung ab, sagte Gifty Eyewitness News. "Ich kann nicht arbeiten, ich kann nicht zur Schule, ich weiß nicht, was ich tun soll."

Bereits vor der Corona-Krise wurde eine von sieben Frauen in Ghana vor ihrem 19. Geburtstag schwanger. Nun verschärft sich das Problem, da Schulen als Schutzräume für Mädchen wegfallen – und das nicht nur in Brasilien oder Ghana. Laut Unicef hatten 168 Millionen Kinder weltweit seit einem Jahr keinen Unterricht mehr.

Sex gegen Essen

Viele davon müssen arbeiten, um coronabedingte Einkommensverluste der Eltern auszugleichen. In ihrer Not gehen manche Mädchen Beziehungen zu Männern ein, die sie ausbeuten, tauschen Sex gegen ein bisschen Geld, Essen oder ein Dach über dem Kopf ein.

Führen mangelnde Aufklärung und fehlender Zugang zur Verhütungsmitteln dann zu ungewollten Schwangerschaften, stecken die Mädchen in einem Teufelskreis aus Armut, fehlender Bildung und Abhängigkeit fest. Abtreibung ist meist keine Option, sie ist gesellschaftlich geächtet und in vielen Ländern bis auf wenige Ausnahmen auch verboten.

Heirat unter Zwang

Schwangere Mädchen müssen den Kindsvater oft heiraten; andere Minderjährige werden zu Ehen gezwungen oder gehen diese vermeintlich aus freien Stücken ein, damit ihre Familie eine Esserin weniger zu versorgen hat.

Weltweit gibt es Unicef zufolge 650 Millionen Mädchen und Frauen, die als Kinder verheiratet wurden, die Hälfte davon stammt aus Bangladesch, Brasilien, Indien, Äthiopien und Nigeria.

Dramatisch ist die Lage aber auch in Mosambik, wo jedes zweite Mädchen vor dem 18. Geburtstag verheiratet wird, oder in Simbabwe. Rund 30 Prozent der Mädchen müssen hier heiraten, bevor sie 18 werden; zuletzt stiegen die Zahlen deutlich. Allein diesen Jänner wurden in Simbabwe mit seinen 15 Millionen Einwohnern laut der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua mehr als 4.900 Teenagerschwangerschaften registriert, dazu knapp 1.180 Kinderhochzeiten (obwohl die offiziell verboten sind).

"Kinderehen und -Schwangerschaften müssen bekämpft werden", warnt eine jugendliche Aktivistin, "sonst werden sie zu einer neuen Pandemie."

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