Politik | Ausland
25.06.2018

Warum so viele Austro-Türken Erdogan wählten

In Österreich und Deutschland fuhr Erdogan besonders hohe Ergebnisse ein. Woran das liegt? Eine Spurensuche.

Sie sind das Zünglein an der Waage – und in Wahlkämpfen entsprechend heftig umworben: Jene rund 3 Millionen im Ausland lebende Türken, die zur Wahl berechtigt waren. Deutschland, Österreich, die Schweiz, Großbritannien sind da jene Länder, in denen besonders viele Türken leben. Der Ausgang der Wahlen aber fiel in diesen Staaten ganz und gar unterschiedlich aus. Während etwa die Türken in der Schweiz mehrheitlich gegen Erdogan stimmten, fuhr der Wiedergewählte in Deutschland und vor allem Österreich Rekordergebnisse ein.

72 Prozent stimmten laut vorläufigen Ergebnissen in Österreich für Erdogan, in Deutschland waren es 65 Prozent. Ebenso weit über dem nationalen türkischen Ergebnis liegende Werte fuhr auch die türkische Regierungspartei AKP in den beiden Ländern ein. In der Schweiz dagegen zeichnete sich ab, dass nur 38 Prozent der türkischen Wähler für Erdogan stimmten – gefolgt vom Kandidaten der Oppositionspartei CHP, Muharrem Ince (32 Prozent), und dem Kandidaten der sozialdemokratischen, pro-kurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtas (27 Prozent). Ince kam in der Türkei auf 31 Prozent, Demirtas auf lediglich 8 Prozent.

Der Soziologe Kenan Güngör führt das auf die sehr unterschiedliche demographische Zusammensetzung der türkischen Gemeinden in den jeweiligen Staaten zurück. Vor allem in der Schweiz leben sehr viele Kurden und auch türkische Alawiten. In Österreich und Deutschland hingegen lebten sehr viele Türken mit Wurzeln im konservativen Anatolien, einer Hochburg der AKP. Ein anderer Faktor sei zudem die Verbreitung staatlicher türkischer Medien sowie die Mobilisierung.

Vereine entscheidend

Und was Letzteres angeht ist vor allem in Österreich eine beträchtliche Maschinerie am Laufen. Während Medien die Linie vorgäben, so Güngör, sind es vor allem Vereine und Kulturinstitutionen, die dann die Wähler dazu motivieren, an die Urnen zu gehen. Denn, so merkt der Soziologe an, eine Stimmabgabe im Ausland sei eine durchaus aufwändige Sache.

In 51 Staaten gab es gerade einmal 90 Wahlstellen. Umgekehrt sei es der Opposition nicht gelungen, den Wahlkampf in ihre Anhängerschaft zu tragen. Und ebenso wenig, sie dazu zu bewegen, an die Urnen zu gehen. Zudem gebe es durchaus auch Fälle, da Wähler aus Angst nicht wählen gegangen seien. Oder einfach auch aus dem Grund, sich einer unangenehmen Situation mit türkischen Behörden nicht aussetzen zu wollen.

Zwar ist das jetzige gesamttürkische Wahlergebnis einigermaßen klar, das war bei vorangegangenen Wahlen in der Türkei aber keinesfalls so. Bei den knappen Ergebnissen der vergangenen Jahre hätten die Stimmen der im Ausland lebenden Türken viel Gewicht gehabt, so Güngör. Demensprechend, so sagt er, setze die türkische Führung auf Auslandstürken als Stimmenbringer.

"Jetzt erst Recht"- Haltung?

Ob österreichisch-türkische Querelen ein Mobilisator gewesen seien oder die Wahlentscheidung vieler Türken zusätzlich beeinflusst hätten, könne man dabei nicht genau sagen. Eine dominierendere Rolle im Wahlkampf hätten sicher der Krieg in Syrien und die türkischen Militäraktionen im Nordirak gespielt.

Der Politologe Cengiz Günay hingegen sieht durchaus eine „Jetzt erst Recht“- Haltung als Reaktion auf einen als feindlich empfundenen Diskurs in Österreich. Das derart klare Ergebnis für Erdogan unter den Auslandstürkten führt Günay allerdings auch auf verbesserte Dienstleistungen an den türkischen Konsulaten zurück sowie den Umstand, dass Erdogan die Wahl für Türken im Ausland erst möglich gemacht habe.

Die Kurier-News vom 25.6.