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Politik Ausland
08/14/2021

Großstadt Mazar-i-Sharif von Taliban erobert, Lage in Kabul prekär

Viertgrößte Stadt des Landes an militant-islamische Truppen gefallen. Diese stehen bereits kurz vor der Hauptstadt Kabul. US-Präsident Biden schickt 5.000 Soldaten für die Evakuierung.

Taliban-Kämpfer haben am Samstag mit der Großstadt Mazar-i-Sharif die letzte Hochburg der afghanischen Regierung im Norden des Landes eingenommen. Sicherheitskräfte flohen zur usbekischen Grenze, wie ein Provinzbeamter am Samstag laut Reuters mitteilte.

Zugleich rücken die militant-islamischen Truppen immer näher an die afghanische Hauptstadt Kabul heran, während westliche Staaten sich beeilten ihr eigenes Personal und afghanische Ortskräfte in Sicherheit zu bringen.

5.000 US-Soldaten nach Kabul

Angesichts des raschen Vorrückens hat US-Präsident Joe Biden die Zahl der US-Soldaten erhöht, die bei der Evakuierung der Botschaft in der afghanischen Hauptstadt helfen sollen. Statt der vorhergesehenen 3.000 Soldaten sollten nun "etwa 5.000 Soldaten" eingesetzt werden, um die Ausreise des Botschaftspersonals und unzähliger ziviler Ortskräfte zu sichern, erklärte Biden am Samstag nach Rücksprache mit seinen Sicherheitsberatern.

Biden warnte die Taliban davor, die Mission zu behindern. Angriffe auf US-Interessen würden rasch und energisch beantwortet. Erneut verteidigte Biden seine Entscheidung, das US-Militär nach 20 Jahren komplett aus Afghanistan abzuziehen. Er sei der vierte US-Präsident, der die Verantwortung über diese Truppenpräsenz getragen habe, erklärte er. "Ich werde diesen Krieg nicht an einen fünften Präsidenten weitergeben."

In einer Mitteilung des Präsidenten hieß es: "Ein weiteres Jahr oder fünf weitere Jahre US-Militärpräsenz hätten keinen Unterschied gemacht, wenn das afghanische Militär sein eigenes Land nicht halten kann oder will." Eine endlose amerikanische Präsenz inmitten eines Bürgerkriegs in einem anderen Land sei für ihn nicht akzeptabel gewesen.

Großstadt kampflos erobert

"Die Taliban haben die Kontrolle über Mazar-i-Sharif übernommen", sagte Afzal Hadid, Leiter des Provinzrats von Balkh. Die viertgrößte Stadt von Afghanistan fiel offenbar kampflos an die Taliban. Die Soldaten hätten ihre Ausrüstung zurückgelassen und sich auf den Weg zum Grenzübergang gemacht. "Alle Sicherheitskräfte haben die Stadt verlassen", sagte Hadid, auch wenn es in einer Gegend außerhalb des Stadtzentrums noch zu sporadischen Zusammenstößen gekommen sei.

Die Eroberung von Mazar-i-Sharif, der Hauptstadt der Provinz Balkh ist ein weiterer großer Erfolg für die Taliban, die in den vergangenen Wochen seit der Entscheidung über den Abzug der internationalen Truppen große Teile Afghanistans erobert haben.

Damit hält die Regierung lediglich noch zwei Großstädte - Jalalabad im Osten und die Hauptstadt Kabul.

Die Islamisten hatten seit rund einer Woche Mazar-i-Sharif intensiv angegriffen. Immer wieder versuchten sie von mehreren Seiten, in die auch wirtschaftlich starke Metropole mit geschätzt 500.000 Einwohnern einzudringen. Milizen des Ex-Gouverneurs Mohammad Atta Nur und des Ex-Kriegsfürsten Abdul Rashid Dostum hatten zuletzt nördlich der Stadt eine zusätzliche Verteidigungslinie zur Unterstützung der Sicherheitskräfte aufgebaut.

Präsident Ashraf Ghani hatte die belagerte Stadt Mazar-i-Sharif erst vor wenigen Tagen besucht. In Mazar-i-Sharif hatte die deutsche Bundeswehr bis vor kurzem ein großes Feldlager im Camp Marmal in der Nähe des Flughafens. Dort waren bis zum Sommer noch rund 1.000 deutsche Soldaten stationiert.

Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Islamisten seien gegen 21 Uhr (Ortszeit) in die Stadt eingedrungen. Daraufhin hätten sie Gefangene aus dem Zentralgefängnis der Stadt freigelassen. Mohammad Atta Nur und Abuld Raschid Dostum sollen in die Stadt Hairatan an der Grenze zu Usbekistan geflohen sein und versuchen, die Grenze zu überqueren. Auch andere Sicherheitskräfte würden dasselbe versuchen.

21 von 34 Provinzstädten eingenommen

Auch die zweit- und die drittgrößten Städte des Landes - Kandahar und Herat - sind bereits an die Islamisten gefallen. Mittlerweile kontrollieren sie 21 der 34 Provinzhauptstädte des Landes. Kurz vor dem Fall von Mazar-i-Sharif bestätigten lokale Behördenvertreter auch den Fall der Provinzhauptstadt Gardez in Paktia im Südosten des Landes.

Am Samstag waren bereits zwei weitere kleine Provinzhauptstädte im Osten - Asadabad in Kunar und Sharana in Paktika im Südosten - kampflos an die Taliban gegangen. Die Aufständischen wollen ein "Islamisches Emirat Afghanistan" errichten, so wie schon vor dem Einmarsch der US-Truppen im Jahr 2001.

Mit Pul-i Alam in der Provinz Logar haben die Taliban auch eine Provinzhauptstadt rund 70 Kilometer südlich von Kabul eingenommen. Am Samstag rückten sie bis auf rund 50 Kilometer an die afghanische Hauptstadt heran. Gefechte gab es um Maidan Shar, Hauptstadt der rund 35 Kilometer von der afghanischen Hauptstadt Kabul gelegenen Provinz Maidan Wardak, wie die Abgeordnete Hamida Akbari der Deutschen Presse-Agentur erklärte.

US-Soldaten eingetroffen

In Kabul beschleunigten unterdessen die westlichen Staaten ihre Bürger und Mitarbeiter in Sicherheit vor den heranrückenden Taliban zu bringen. Erste US-Soldaten trafen in der afghanischen Hauptstadt ein, die die Evakuierungen sichern sollen. Bis Sonntag würden weitere Truppen eintreffen, sagt ein US-Vertreter. Allerdings versuchten die Islamisten, die Hauptstadt mit ihren vier Millionen Einwohnern zu isolieren, sagte Ministeriumssprecher John Kirby.

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani äußerte sich am Samstag nach langem Schweigen in einer TV-Ansprache zur dramatischen militärischen Lage. Dabei ging er aber nicht auf Spekulationen ein, er könne zurücktreten, um den Weg für eine Einigung mit den Islamisten frei machen. Er spreche mit politischen Führern und internationalen Partnern und wolle "bald" Ergebnisse vorstellen, sagte er lediglich.

Wenig später teilte der Präsidentenpalast nach einem Treffen Ghanis mit politischen Führern mit, man habe sich darauf geeinigt, ein "autoritatives" Verhandlungsteam zur Vertretung der Republik in den Friedensgesprächen mit den Taliban aufzustellen. Diese laufen seit September, allerdings ohne nennenswerte Fortschritte. Beobachter sagten zuletzt wiederholt, der Prozess in Doha sei tot.

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