© APA/AFP/AHMAD SAHEL ARMAN

Politik Ausland
09/04/2021

Afghanistan: Schwere Gefechte im Panjshir-Tal

Das Panjshir-Tal war in den 90er Jahren eine Hochburg des Widerstands gegen die Taliban und fiel nie unter die Kontrolle der Islamisten.

Die radikalislamischen Taliban und ihre Gegner liefern sich heftige Gefechte im Panjshir-Tal. Ein Sprecher der Widerstandsbewegung sagte am Freitag, die Truppen unter dem Taliban-Gegner Ahmed Massud seien in "schwere" KĂ€mpfe mit den Taliban verwickelt. "Wir werden den Kampf fĂŒr Gott, Freiheit und Gerechtigkeit niemals aufgeben", teilte Massud am Samstag auf seiner Facebook-Seite mit. Bei einer Demonstration fĂŒr Frauenrechte in Kabul ist es indes zu ZusammenstĂ¶ĂŸen gekommen.

Mindestens eine Frau sei dabei verletzt worden, berichteten lokale Journalisten am Samstag. Sie teilten das Video einer Frau, der Blut vom Kopf lÀuft. Videos von lokalen TV-Sendern und Aktivistinnen zufolge kam es bei der Demonstration zu chaotischen Szenen. Rund zwei Dutzend Frauen hatten zunÀchst friedlich in der NÀhe des PrÀsidentenpalastes demonstriert, wie auf in sozialen Medien geteilten Bildern zu sehen war. Sie hielten Schilder in der Hand, auf denen etwa "Wir sind nicht die Frauen von vor 20 Jahren" stand oder "Gleichheit - Gerechtigkeit - Demokratie!". Auf Videos ist dann zu sehen, wie die Frauen von 50 oder mehr SicherheitskrÀften der Taliban umzingelt sind und sich Schreiduelle mit Taliban liefern. Mehrere von ihnen husten.

WĂ€hrend des Taliban-Regimes zwischen 1996 und 2001 durften Frauen in Afghanistan nicht mehr arbeiten und nur noch verschleiert in Begleitung eines mĂ€nnlichen Familienmitglieds das Haus verlassen. In der Öffentlichkeit war fĂŒr sie lautes Sprechen oder Lachen verboten. MĂ€dchen wurden auch vom Schulunterricht ausgeschlossen. Viele Frauen befĂŒrchten seit der erneuten MachtĂŒbernahme der Islamisten, dass diese wieder Ă€hnliche Regeln fĂŒr sie einfĂŒhren werden.

Seit mittlerweile fĂŒnf Tagen gibt es Gefechte zwischen Taliban und KĂ€mpfern der Nationalen Widerstandsfront um Panjshir, die einzige Provinz im Land, die die Taliban bisher nicht kontrollieren. UrsprĂŒnglich hatte es von beiden Seiten geheißen, man wolle die offene Machtfrage durch Verhandlungen lösen. Ein Sprecher der Nationalen Widerstandsfront schrieb diese Woche auf Twitter, die Taliban hĂ€tten Massud einen Posten in der kĂŒnftigen Regierung angeboten und den Schutz seines Eigentums. Dieser habe aber abgelehnt und dies damit begrĂŒndet, dass er keine persönlichen Interessen verfolge. Von Taliban gab es dazu bisher keine Aussagen.

Die KĂ€mpfe begannen einem Sprecher der Widerstandsfront zufolge am Dienstag mit Taliban-Angriffen auf Kontrollposten am Eingang zum Panjshir-Tal. Zuletzt dĂŒrften sich die Gefechte verstĂ€rkt haben. Beide Seiten gaben an, das sie der jeweils anderen Seite heftige Verluste zugefĂŒgt hĂ€tten. In der Nacht auf Samstag verbreiteten Taliban-UnterstĂŒtzer auf Twitter GerĂŒchte, Panjshir sei gefallen und die FĂŒhrung des Widerstands geflohen.

Dies dementierte der bisherige VizeprÀsident Amrullah Saleh, der selbst in Panjshir sein soll, umgehend. Die Situation sei schwierig, aber "wir haben unser Land verteidigt", sagte er in einer Videonachricht, die der lokale TV-Sender ToloNews auf Twitter teilte. Auch Massud schrieb auf Facebook, das Panjshir-Tal sei "bisher standhaft geblieben".

Panjshir konnte von den Taliban auch wÀhrend ihrer ersten Herrschaft zwischen 1996 und 2001 nicht erobert werden. Das lag neben dem erbitterten Widerstand der Nordallianz auch an der geografischen Lage - der Eingang zum Tal ist eng und gut zu verteidigen.

UNO-Konferenz fĂŒr humanitĂ€re Hilfe

Zur humanitĂ€ren Hilfe fĂŒr Afghanistan findet Mitte September eine UN-Konferenz in Genf statt. UN-GeneralsekretĂ€r Antonio Guterres werde das hochrangige Treffen am 13. September leiten, teilte sein Sprecher Stephane Dujarric am Freitag in New York mit. Nach der MachtĂŒbernahme der radikalislamischen Taliban Mitte August sei Afghanistan von einer "humanitĂ€ren Katastrophe" bedroht, hob der UN-Sprecher hervor.

Die Konferenz soll zum einen auf eine "rasche Erhöhung der Finanzierung" hinwirken, "damit lebensrettende humanitÀre EinsÀtze fortgesetzt werden können", erklÀrte Dujarric. Zum anderen gehe es darum, einen "vollstÀndigen und ungehinderten humanitÀren Zugang" zu Afghanistan zu erhalten, damit die Afghanen weiterhin mit dem Lebensnotwendigen versorgt werden könnten.

Guterres' Sprecher machte deutlich, dass die Hilfen fĂŒr Afghanistan an Bedingungen geknĂŒpft werden sollen. Die bisherigen Entwicklungsfortschritte in dem Land mĂŒssten geschĂŒtzt werden, erklĂ€rte Dujarric. Außerdem seien Frauenrechte ein "wesentlicher" Faktor fĂŒr Afghanistans StabilitĂ€t in der Zukunft.

Afghanistan war bereits vor der MachtĂŒbernahme der Taliban in hohem Maße von humanitĂ€rer Hilfe aus dem Ausland abhĂ€ngig. Rund 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden aus dem Ausland finanziert.

Von den 38 Millionern Einwohnern Afghanistans sind nach UN-Angaben 18 Millionen Menschen akut von einer humanitĂ€ren Katastrophe bedroht. Diese Zahl könne sich demnach noch verdoppeln. "Jeder dritte Afghane weiß nicht, woher er seine nĂ€chste Mahlzeit bekommt", fĂŒhrte Dujarric aus. "Fast die HĂ€lfte aller Kinder unter fĂŒnf Jahren werden in den kommenden zwölf Monaten akut unterernĂ€hrt sein."

Die UNO hat nach eigenen Angaben humanitĂ€re FlĂŒge in Teile Afghanistans wieder aufgenommen. Die Vereinigten Arabischen Emirate schickten am Freitag ein Flugzeug mit dringend benötigten medizinischen HilfsgĂŒtern und Lebensmitteln nach Afghanistan.

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