Politik | Ausland
22.03.2018

Afghanistan auf der Kippe: Vom alltäglichen Terror

Extremisten kontrollieren weite Teile des Landes und terrorisieren die Bevölkerung – die Zukunft sieht düster aus.

Sie warteten in der Gasse vor dem Haus in einem Auto, die Waffen durchgeladen. Als Mustafa an einem sonnigen Wintertag vor wenigen Wochen vor die Tür seines Hauses in einem Außenbezirk Herats tritt, knallen sie ihn einfach ab, diesen vierfachen Vater Ende zwanzig, jagen ihm ein Dutzend Kugeln in den Burstkorb. Von Italien hatte er geträumt, von guter Bildung für seine vier Kinder.

Gerade erst hatte er seine Versuche aufgegeben, legal mit seiner Familie nach Europa kommen zu können. Er hatte sich abgefunden mit dem Risiko eines Lebens in seiner „geliebten Heimat“, wie er es selbst einmal nannte. Ein Risiko, das ihm durchaus bewusst war als jemand, der einmal für die NATO-Truppen im Land als Übersetzer gearbeitet hatte. Informationen über solche Leute werden in Afghanistan unter der Hand gehandelt wie Opium. Und die Taliban zahlen gut für Informationen über einen Mann wie Mustafa. Ein einstiger Kollege und Freund Mustafas sagt: „Das ist die Welt in der wir leben – so ist es eben.“ Auch er hat Kinder. Auch er hat es aufgegeben, eine legale Passage für sich und seine Familie ins Ausland zu finden. Es ist ihm durchaus bewusst, dass auch sein Name und seine Adresse gehandelt werden könnten wie Opium. Und auch er weiß: Eines Tages könnten sie mit durchgeladenen Kalaschnikows auch vor seinem Haus warten.

So sieht er aus, der alltägliche Wahnsinn abseits großer Anschläge, die es je nach Ausmaß ab und zu noch in die westlichen Medien schaffen. Und wenn, dann sind es die großen Angriffe auf die Hauptstadt Kabul. Am Mittwoch tötete ein Selbstmordattentäter dort 26 Menschen als er seine Bombe inmitten schiitischer Teilnehmer einer Nouruz-Prozession zündete. Kaum eine Woche vergeht inzwischen ohne größeren Anschlag in Kabul. Dabei hatte die Hauptstadt des Landes mit all ihren Ministerien vor allem aber ausländischen Vertretungen und Niederlassungen internationaler NGOs bis vor fünf Jahren noch als Hort der Normalität und des Friedens in Afghanistan gegolten. Da hatte der Schnitt bei so über den Daumen gepeilt einem großen Anschlag alle zwei bis drei Monate gelegen. Und wenn man als Ausländer unrasiert auf die Straße ging, erntete man vor allem freundlichen Spott von glattrasierten Straßenhändlern, man mache da einen auf Taliban.

Wirtschaftlicher Niedergang

Die Niederlassungen ausländischer NGOs haben sich in den vergangenen Jahren massiv dezimiert. Ebenso die ausländischen Vertretungen. Mit dem Abzug vieler Ausländer aus der Stadt ging ein wirtschaftlicher Niedergang einher. Und die Betonmauern um die Ministerien des Landes sind inzwischen um einige Meter erhöht worden wegen der ständigen immer größer werdenden Anschläge. Kabul ist zum Schauplatz eines makabren Wettrennens zwischen Taliban und der Terrormiliz Islamischer Staat geworden. Motto: Noch größer, noch mehr Tote, noch mehr Sprengkraft. Wenn ausländische Vertreter heute vom Flughafen in die Stadt wollen, bevorzugen sie für die rund 2,5 Kilometer vom Airport bis zum Massoud-Kreisverkehr, wo das Botschaftsviertel beginnt, den Hubschrauber.

Und das ist die Hauptstadt. Die breite Fläche des topographisch, infrastrukturell und durch seine ethnische wie traditionelle Gesellschaftsstruktur äußerst komplizierten Landes sieht weitaus schlimmer aus: 56 Prozent der Distrikte befinden sich heute nur mehr unter Kontrolle der Regierung; 30 Prozent der Distrikte sind umkämpft; in 70 Prozent der Distrikte sind die Taliban offen aktiv. Und dabei tun sich vermehrt Problemregionen auf, die nie welche waren. So etwa in der Provinz Badachschan, die in den 90er-Jahren die letzte Bastion der Mudschaheddin im Kampf gegen die Taliban war. Heute haben die Taliban dort eine breite Präsenz etabliert. Ein anderes Beispiel: Die Region Bamyan, die überwiegend von schiitischen Hazara bewohnt wird. Dort gab es nie wirklich Krieg. Regiert wird die Provinz von einer Frau. Die Region gilt als derart sicher, dass über Jahre versucht wurde, einen Ski- und Wandertourismus aufzuziehen. Nur werden Hazara, die wegen ihrer Abstammung von den Mongolen gut erkennbar sind, überall außerhalb Bamyans regelmäßig gezielt angegriffen – wie bei dem Anschlag am Mittwoch in Kabul

Die sich zuspitzende Sicherheitslage in Afghanistan spiegelt sich in knappen Zahlen wieder: Die Zahl der Opfer unter afghanischen Sicherheitskräften im Jahr 2017 wurde nicht veröffentlicht. Inoffizielle Schätzungen gehen von einem massiven Anstieg aus. 360.000 Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. 3,3 Millionen Menschen werden laut UNO in diesem Jahr auf humanitäre Hilfe angewiesen sein.

Rückkehrer aus Pakistan

Und während sich internationale Akteure aus dem Land langsam zurückziehen, hat das Land mit einem Influx ganz anderer Art zu kämpfen: Der Rückkehr von Flüchtlingen in ein Land, das an der Kippe steht was Sicherheitslage wie auch wirtschaftliche Situation angeht.

Flüchtlinge sind da zu so etwas wie einem politischen Spielzeug geworden: In Pakistan wird derzeit wieder einmal laut darüber nachgedacht, afghanischen Flüchtlingen nicht die Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern und jene, die noch einen gültigen Titel haben zur Ausreise zu bewegen. 1,4 Millionen Afghanen sind in Pakistan als Flüchtlinge registriert. Geschätzt wird ihre Zahl aber auf bis zu drei Millionen. Die allermeisten von ihnen leben seit den 1980er-Jahren in Pakistan. Detail am Rande: Um die 70 Prozent von ihnen wurden in Pakistan geboren und haben nie in Afghanistan gelebt.

Solche Ansagen Pakistans sind durchaus als Drohung zu verstehen. Pakistans, das in Afghanistans Regierung einen Verbündeten von Erzfeind Indien betrachtet, hatte immer wieder mit einer Massenabschiebung gedroht, dann aber amerikanischem Druck nachgegeben. 2016 wurden schließlich rund eine Million Afghanen auch tatsächlich ausgewiesen. Die Lage hat sich aber verändert. Zum einen sind derzeit mehr afghanische Flüchtlinge möglicherweise betroffen, als zuvor und die Lage in Afghanistan hat sich massiv verschlechtert; vor allem aber haben die USA an Einfluss auf Pakistan verloren. Islamabad orientiert sich heute mehr an China.

Für Afghanistan wäre eine Masseniflux fatal. Es gibt bereits zahlreiche dokumentierte Fälle über Rückkehrer, die durch die Kämpfe in Afghanistan erneut vertrieben wurden. Und ganz abgesehen von der Sicherheitslage ist die Wirtschaft des Landes auf einen Zuzug in solchem Ausmaß in keiner Weise vorbereitet. Die zwingende Folg ist Massenarmut. Und massenhafte Armut hat in Afghanistan immer auch ein breites Rekrutierungsbecken für Extremisten geschaffen.