Politik | Ausland
15.11.2018

Ägyptische Feministin: Verschleierung "im Islam nicht vorgesehen"

Nur der Koran ist für Muslime verbindlich, nicht dessen Auslegungen, sagt Islamwissenschaftlerin Iman Bibars.

Die ägyptische Feministin Iman Bibars hat sich gegen die Verschleierung ausgesprochen. "Sie ist im Islam nicht vorgesehen", sagte sie am im APA-Interview. "Männer könnten das auch tun", fuhr sie fort. Laut Bibars hat "extrem patriarchalische Unterdrückung nichts mit dem Koran zu tun".

In Ägypten verwiesen Befürworter der Verschleierung auf den Westen, wo die Verhüllung als Ausdruck persönlicher Freiheit erlaubt sei. "Das ist für mich keine Freiheit", so die Aktivistin, die am Donnerstag einen Vortrag an der diplomatischen Akademie in Wien halten wird. "Man weiß ja nicht, wer hinter einem Schleier steckt - ist es ein Mann, eine Frau, oder ein Terrorist?", gab sie zu bedenken. Wenn man sich verschleiert werde man "zur Gefahr für andere". Stattdessen solle man sich zu Hause verhüllen, wenn man das wolle. "Wenn man das Haar bedecken will, kann man das tun. Man darf dann aber nicht diejenigen verurteilen, die das nicht möchten", sagte sie.

"Das wichtigste ist, dass die Frauen begreifen, dass sie keine Objekte sind und dass die Religion sie auch nicht zu Objekten macht", betonte Bibars. "Wir haben eigene Namen, Bankkonten, wir dürfen uns scheiden lassen und es steht nirgends, dass wir nicht arbeiten dürfen", erklärte sie.

"Interpretation nicht allgemeingültig"

Die Politologin und Islamwissenschaftlerin unterstrich, dass nur der Koran für Muslime verbindlich sei, nicht etwa die Vorgaben von Predigern und Gelehrten. Im Islam habe niemand das Recht, diesen auszulegen, sodass es auch "keine Kirche, keinen Papst oder keine Priester" gebe. "Weil wir glauben, dass der Koran das Wort Gottes ist und er unter göttlichem Schutz steht, darf ihm niemand widersprechen, selbst der Prophet nicht", erläuterte Bibars. "Wir können uns nicht nur auf Mohammed berufen und wer das behauptet, hat etwas falsch verstanden", sagte sie. Der Islam sehe "keinen Vermittler zwischen uns und Gott" vor. "Das bedeutet auch, dass alle Vorgaben von Gelehrten nicht verbindlich sind. Wir können Dinge erklären aber diese Interpretation ist persönlich und nicht allgemeingültig", fuhr sie fort. Es sei "faszinierend", dass die Menschen das vergessen hätten.

So gebe es beispielsweise für Steinigungen von Ehebrecherinnen keine religiöse Begründung. "Ich bin mir nicht sicher, woher das kommt, aber es ist definitiv nicht im Koran", so Bibars. Laut Koran würden im Fall eines Ehebruchs sowohl die Frau als auch der Mann mit Peitschenhieben bestraft. "Steinigungen, die in Afghanistan und Saudi-Arabien vollzogen werden, sind nicht Teil unserer Religion", schlussfolgerte sie.

Die meisten Strömungen des Islam basieren laut Bibars auf "vier oder fünf Gelehrten", die die "konservativste Interpretation" während des "Zeitraums der größten Unterdrückung im islamischen Reich" erarbeitet haben. Diese Interpretationen müsse man im Kontext der damaligen Zeit sehen. Beispielsweise stamme das Verbot, mit einem Christen zu essen, von einem Prediger, der unter der Besatzung der Kreuzfahrer lebte.

"Die Menschen kennen keine vergleichende Interpretation, die zu jedem Aspekt des Korans zehn verschiedene Meinungen aus 1.400 Jahren aufweist", sagte die Aktivistin. "Die letzten 40 bis 50 Jahre gab es in den ägyptischen Medien lediglich wahhabitische Gehirnwäsche, die die Leute konsumiert haben, anstelle zu lesen und sich selbst zu informieren. Das sind keine Missinterpretationen, sondern Lügen gewesen", hielt sie fest.

Optimistisch für Ägypten

Bibars zeigte sich jedoch angesichts der Entwicklung in Ägypten optimistisch: "Wenn die Menschen realisieren, dass die Interpretationen nur von Gelehrten kommen, würden sie logischer an die Sache herangehen", ist sie überzeugt. "Besonders die jungen Menschen, die viel lesen und über die sozialen Medien vernetzt sind, werden sich hoffentlich von den Grundsätzen von Gelehrten, die vor 1.000 Jahren gelebt haben, lossagen", hoffte Bibars. In Ägypten sie der Dialog diesbezüglich "stärker als anderswo".

"Die Informationen waren davor nicht verfügbar und vor dem arabischen Frühling hat sich auch niemand getraut, eine Reformation zu fordern", berichtete Bibars. In den Medien und Sozialen Netzwerken werde nun, im Gegensatz zu früher, intensiv diskutiert. "Viele Menschen waren schockiert, da sie die Gelehrten für Heilige hielten. Die öffentliche Diskussion klärte aber darüber auf, dass es im Islam keine Heiligen, sondern nur Gelehrte gibt", sagte sie. Dass die Information auf diese Weise geteilt werde, sei "perfekt".

Die Vertreter gemäßigter Ansichten seien meist gebildeter und haben sich mit der Materie besser auseinandergesetzt, als die Anhänger konservativer Auslegungen. "Wir kennen uns besser aus, auch wenn andere, die sich in den letzten Jahren nur aufs Rumschreien und Angstmachen beschränkt haben, das Gegenteil behaupten", sagte die Feministin. "Ich glaube, dass die Logik siegen wird, auch wenn es schwer wird und seine Zeit braucht", schloss sie.

(Das Interview führte Martin Auernheimer/ APA)