Politik | Ausland
24.03.2018

Unpopulär, aber haushoher Favorit

Präsidentenwahl in Ägypten. Ohne ernst zu nehmenden Gegner gilt Staatschef Abdel Fattah al-Sisi als sicherer Sieger

Hadier Sabri muss nachdenken. Die junge Mutter kennt sich eigentlich aus in der Politik. Sie ist interessiert, gebildet und informiert. Aber der Name des Gegenkandidaten von Abdel Fattah al-Sisi bei der Präsidentschaftswahl  möchte ihr einfach nicht einfallen.

Moussa Mustafa Moussa ist der andere Kandidat für die Wahl, die Montag bis Mittwoch abgehalten wird. Aufgefallen ist er bisher kaum – außer dadurch, dass er ein Foto ausgerechnet von Präsident Sisi auf seinem Facebookprofil gepostet hat. Sehr kritisch dürfte er also nicht sein.

Andere Kandidaten schafften es nicht auf die Liste. Viele hatten es mit einer Kandidatur versucht. Sie landeten im Gefängnis, im Ausland, zogen ihre Kandidatur zurück oder wurden aus vorgeschobenen Gründen nicht zugelassen. Das Verschwinden von (potenziellen) Kandidaten wurde  schon so auffällig, dass sich politische Kommentatoren einen Spaß daraus machten. Ein Zeitungscartoon zeigt eine Frau, die zu ihrem Mann sagt: „Wenn du dich weiter so benimmst, dann behaupte ich, du willst für das Präsidentenamt kandidieren!“

Doppelt so teuer

Doch für den Otto-Normalverbraucher in Ägypten ist die politische Diversität ohnehin  zweit- oder drittrangig. Ärmere Bürger – und davon gibt es fast 50 Millionen – haben mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Seit die Regierung  den Wechselkurs liberalisiert hat, um wieder vermehrt ausländische Investitionen, Devisen und Touristen (siehe unten) anzulocken, haben sich die Preise für Nahrung, Treibstoff und andere Alltagsgüter beinahe verdoppelt.

Kushari ist ein traditionelles und günstiges Mittagsgericht aus Reis, Linsen, Zwiebeln und Tomatensauce. Statt sechs kostet ein Teller mittlerweile zehn Pfund (45 Cent) – klingt wenig, ist aber bei einem Durchschnittseinkommen von weniger als 250 Euro pro Monat kaum leistbar. 

Subventionen für fast alle

Um die marode Ägyptische Wirtschaft zu retten, gewährte der IWF Ende 2016 einen zehn Milliarden Euro schweren Kredit. Nur wenige Tage, bevor die Devisenreserven aufgebraucht waren. Dazu kamen fünf Milliarden an bilateraler Hilfe etwa aus China und von den Golfstaaten. Kairo verpflichtete sich dadurch zu einer umfassenden Wirtschaftsreform. Ein heikles Unterfangen  in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung – also mittlerweile fast 50 Millionen Menschen – entweder arm oder sehr arm ist, und dessen Wirtschaft durch ein Subventionssystem für Nahrungsmittel und Treibstoff  durchsetzt ist. Fast 70 der knapp 100 Millionen Ägyoter nahmen bis dahin staatliche Subventionen in Anspruch. Kein Wunder, dass  die  Kürzung der Brotsubventionen vor zwei Jahren  zu Protesten führte, mittlerweile beruhigte sich die Lage wieder.

Sisi und die Stabilität

Tenor der Regierung: Diese Maßnahmen sind notwendig. Und nur mit einem Präsidenten Sisi können wir wirtschaftliche und politische Stabilität erreichen. Bei einem Gutteil der Bevölkerung kommen diese Argumente gut an. „Er baut viel“, hört man von Ägyptern auf der Straße. „Er schafft Arbeitsplätze!“ Von der überbordenden Korruption des Militärapparats und von der Verfolgung politischer Gegner wollen viele nichts wissen. Sie sind froh, dass die Instabilität und das Chaos nach der Revolution endlich ein bisschen zurückgegangen sind. Und Sisi positioniert sich als Heilsbringer. Am Sinai kämpft er mit eiserner Hand gegen aufständische Is lamisten, am Festland setzt er sich für immense Bauprojekte und den Kampf gegen die politischen Gegner ein.

Das Bildungssystem und die Gesundheitsversorgung liegen inzwischen im Argen. Dieser Themen wolle man sich annehmen, wenn Stabilität eingekehrt sei. Und für die braucht Sisi einen starken Rückhalt der Bevölkerung. Also eine hohe Wahlbeteiligung. Denn es geht nicht darum, ob er die Wahl gewinnen wird. Sondern darum, wie hoch.

Der Präsident selbst brachte es auf den Punkt, als ihn bei einer Veranstaltung eine junge Frau fragte, was er denn machen würde, sollte er die Wahl nicht gewinnen. Er begann zu antworten und brach nach einigen Worten bereits in Gelächter aus.

Tourismus erholt sich

Ägypten will diverser werden, was den Fremdenverkehr betrifft. Das Land, das bekannt für seinen Bade- und Tauchtourismus ist und die wohl beeindruckendsten Relikte aus dem Altertum bietet, will abwechslungsreicheren Fremdenverkehr präsentieren.  Und Rania Al-Mashat (Bild unten) hat da eine ganz konkrete Idee: „Wir könnten  etwa ältere Österreicher einladen, dass sie hier ihre von der Versicherung bezahlte Kur verbringen“, schlägt die neue ägyptische Tourismusministerin vor. Die 42-Jährige wittert Rückenwind. „2018 sieht nach einem guten Jahr aus. Wir werden stärker werden als in den Jahren vor 2011.“

 

Nach der Revolution gegen Präsident Hosni Mubarak und der politischen Instabilität im Land war der Tourismus eingebrochen. 2010 hatte Ägypten fast 15 Millionen Gäste gezählt. Danach grundelte man bei weniger als einem Drittel davon herum.

Doch der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren. Ägypten zählt 200.000 Hotelzimmer.  Der Fremdenverkehr  macht laut  Al Mashat zwölf  Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Zwei  Millionen Jobs seien direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr abhängig.

Anschläge fanden bisher weit weg von den Tourismuszentren statt.

Tourismusministerin Rania Al-Mashat

Seit einigen Jahren erholt sich der Sektor wieder – vor allem in den  beliebten Bade- und Tauchzielen am Roten Meer. Stetig wurden es mehr Touristen, wenngleich sich in den Jahren nach der Revolution die Nationalitäten der Gäste änderten. Während Deutsche und Österreicher nahezu ausblieben, flogen Russen und Engländer weiter in die Region auf Urlaub. Die Zahl der arabischen Touristen stieg.

Jetzt kommen auch die deutschsprachigen Gäste zurück. Angeblich sind wieder Zahlen wie vor 2011 zu erwarten. 2019 erhofft sich  Ägypten sogar einen Gästerekord von 19 Millionen.
Und die Tourismusministerin versichert, dass die Gäste in ihrem Land sicher sind. Dschihadistische Anschläge und Zusammenstöße von Aufständischen mit der Armee finden „weit weg von den Touristenzentren“ statt.