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Fragen & Antworten
08/16/2013

Chaos, Bürgerkrieg – wohin steuert Ägypten?

Ägypten-Experte Günter Meyer rechnet mit einer weiteren Eskalation der Gewalt.

von Ingrid Steiner-Gashi

Steht Ägypten vor einem Bürgerkrieg?

Auch nach der jüngsten gewaltsamen Räumung der Protestcamps der Muslimbrüder mit Hunderten Toten steht die Bevölkerung Ägyptens mehrheitlich hinter Armee und Polizei – und gegen die Muslimbrüder. Aufgrund dieses Kräfteverhältnisses schätzt Ägypten-Experte Günter Meyer,Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Uni Mainz, die Gefahr eines Bürgerkrieges im Land für gering ein. Doch er geht davon aus: „Mit einer weiteren Eskalation der Gewalt ist zu rechnen.“

Wird es zu einer viele Opfer kostenden Kraftprobe zwischen Militär und Muslimbrüdern kommen?

„Mit sehr vielen weiteren Opfern ist in den kommenden Tagen und Wochen zu rechnen“, befürchtet Experte Meyer. „Der harte Kern der Muslimbrüder wird auf 500.000 bis eine Million Menschen geschätzt, sie sind hervorragend kadermäßig organisiert.“ Angesichts der kräftemäßig um ein Vielfaches überlegenen staatlichen Sicherheitskräfte „werden die Muslimbrüder aber langfristig die Verlierer sein“. Ruhige Zeiten seien damit aber nicht in Sicht: „Es besteht die Gefahr, dass die radikalen Gruppen der Muslimbrüder in den Untergrund gehen und von dort Terroranschläge und Attacken gegen die staatlichen Institutionen unternehmen werden.“

Können USA und EU Einfluss auf Ägyptens Militär nehmen?

Von ihren früheren Einflussmöglichkeiten sind sogar die USA weit entfernt, im Gegenteil, der Anti-Amerikanismus in Ägypten nimmt zu. Dass Dänemark und die Niederlande ihre Hilfsprogramme für Ägypten eingefroren haben, hält Experte Meyer für „irrelevant“. Selbst ein – noch gar nicht im Raum stehender – Stopp der jährlichen US-Militärhilfe in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar würde Kairo kaum schmerzen. Allein das mit den Militärs verbündete Saudi-Arabien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate haben in den vergangenen Wochen 12 Mrd. Dollar an Krediten zur Verfügung gestellt. „Die USA und der Westen insgesamt sitzen zwischen allen Stühlen“, sagt Experte Meyer: „Zuerst hat man die Muslimbrüder unterstützt und nun stellt man Forderungen an das Militär. Die starken nationalistischen Kräfte im Land sehen das als unzulässige Einmischung von außen.“

Wie geht es weiter?

Die Rebellion der Muslimbrüder dürfte in den nächsten Wochen und Monaten gewaltsam niedergeschlagen werden. Ob es danach möglich sein wird, den vom Militär und der Übergangsregierung vorgesehenen Fahrplan für die Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen einzuhalten, wird davon abhängen, wieweit Anhänger und Gegner der Muslimbrüder bereit sind, sich von ihren extremen Positionen aufeinander zuzubewegen.

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