┬ę EPA/JASON MINTO / US AIR FORCE HANDOUT

Politik Ausland
08/31/2021

Abzug der USA aus Afghanistan: "Dies ist ein moralisches Desaster"

Die internationalen Pressestimmen mit den wichtigsten Bildern rund um den Abzug der US-Truppen.

Nach 20 Jahren Besatzungszeit haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika vorerst endg├╝ltig aus Afghanistan zur├╝ckgezogen. 

Kurz vor Mitternacht Ortszeit am Montag hob die letzte US-Milit├Ąrmaschine vom Flughafen in Kabul ab. Zur├╝ck blieb ein aufger├╝tteltes Land unter der Kontrolle der radikal-islamistischen Taliban. Neben tausenden Waffen und anderen Ausr├╝stungsgegenst├Ąnden, hat die USA vor allem ein zerst├Ârtes Land hinterlassen.

Der Abzug der USA sorgt auf der ganzen Welt f├╝r Schlagzeilen. Der KURIER fasst die wichtigsten Bilder und internationalen Pressestimmen rund um den Abzug der Amerikaner zusammen.

"Corriere della Sera" (Mailand): 

"Die Parallelen der Fotos von Hubschraubern, die von den D├Ąchern der Botschaften fliehen, passen nicht: Kabul 2021 ist nicht Saigon 1975. Damals verloren die USA ein St├╝ck der Welt, das sie aus der kommunistischen Einflusssph├Ąre heraushalten wollten. Heute verlieren sie mit Afghanistan wenig bis gar nichts. Tats├Ąchlich k├Ânnte man sogar gewinnen, wenn man das hei├če Eisen Taliban losl├Ąsst. Washington wurde nicht besiegt, aber es wollte verlieren.

Der Plan, so diese These, war nat├╝rlich nicht, sich mit den Terroristen auf den Fersen und den jubelnden Islamisten zur├╝ckzuziehen. Die Durchf├╝hrung war chaotisch und tragisch, doch das Projekt des Verlierens hat seine eigene Logik. Zwar unaussprechlich und weit entfernt von der Vorstellung von guter St├Ąrke, die die Amerikaner an sich haben, aber wertvoll, um die wahren Gegner der US-Vorherrschaft zu zerm├╝rben: nicht die Taliban oder Isis-K, sondern China, Russland und in geringerem Ma├če auch der Iran."

"El Peri├│dico" (Madrid):

"Wenn heute die letzten US-Milit├Ąrs Kabul verlassen, werden sie keinen verl├Ąsslichen Verb├╝ndeten an den Grenzen zu den ehemaligen Sowjetrepubliken, zu Iran, China und Pakistan zur├╝cklassen. Aus geostrategischer Sicht ist das, was sie hinterlassen, ein Vakuum, das China, Russland, der Iran und die Golfmonarchien bereits eilig zu f├╝llen versuchen, w├Ąhrend der Westen das neue Regime diplomatisch nicht anerkannt hat und keine Pr├Ąsenz mehr in Afghanistan hat (...).

Schon in wenigen Tagen wird sich zeigen, inwieweit die Taliban bereit sein werden, die Bedingungen zu erf├╝llen, unter denen die Regierung von Donald Trump das Land in ihre H├Ąnde gelegt hat, um die Truppen abziehen zu k├Ânnen. Ein Abzug mit festem Termin. Trumps Nachfolger blieb ohne Handlungsspielraum und wurde von den Umst├Ąnden ├╝berw├Ąltigt. Die erste Verpflichtung der Taliban, die nun auf den Pr├╝fstand gestellt werden wird, ist, dass sie die Afghanen, die das Land verlassen wollen, ausreisen lassen (...) Obwohl es vielleicht leichter sein wird, dass die Taliban ihre Gegner herauslassen, als dass der Westen die Tore auch f├╝r jene Fl├╝chtlinge ├Âffnet, die in Afghanistan nicht direkt mit ihm zusammengearbeitet haben."

"Washington Post":

"Die Zahl der Menschen, die seit Ende Juli auf dem Luftweg aus Kabul evakuiert wurden - rund 122.000 - ist zwar enorm, aber nicht gro├č genug. Gl├╝cklicherweise konnten viele Tausend US-B├╝rger, B├╝rger aus Drittstaaten und Afghanen entkommen, die direkt f├╝r die Streitkr├Ąfte der USA und ihrer Verb├╝ndeten gearbeitet haben. Aber viele Tausend Menschen haben es nicht geschafft (...).

Dies ist ein moralisches Desaster, eines, das nicht zur├╝ckzuf├╝hren ist auf das Handeln des milit├Ąrischen und diplomatischen Personals in Kabul - das sich angesichts der t├Âdlichen Gefahren mutig und professionell verhalten hat -, sondern auf strategische und taktische Fehler Bidens und seiner Regierung.

"Nepszava" (Budapest):

"Seit der Fl├╝chtlingskrise von 2015 haben nun selbst jene L├Ąnder Ma├čnahmen zur Abwehr von Migration getroffen, die damals tats├Ąchlich beispiellose Solidarit├Ąt an den Tag gelegt hatten. In Schweden oder Deutschland wollen aber die Menschen indes nichts mehr h├Âren von einer Massenzuwanderung. (...) Die Strategie der EU besteht jetzt darin, den Fl├╝chtlingen in den Nachbarl├Ąndern Afghanistans zu helfen. Im Gegenzug daf├╝r l├Ąsst die EU diesen L├Ąndern ├Ąhnliche Unterst├╝tzung zukommen, wie sie dies 2016 mit der T├╝rkei vereinbarte. Doch man muss wissen: in Pakistan oder im Iran warten auf die Afghanen elende Zust├Ąnde, wie auch immer die k├╝nftigen Vereinbarungen aussehen werden."

"Tages-Anzeiger" (Z├╝rich):

"Ohne die US-Streitkr├Ąfte geht gar nichts. So war es nie eine Option, dass die Europ├Ąer l├Ąnger bleiben und den afghanischen Streitkr├Ąften die n├Âtige Luftunterst├╝tzung gew├Ąhren. Die Europ├Ąer sehen sich nicht einmal in der Lage, den Flughafen von Kabul allein zu sichern, um die Evakuierung zu Ende zu bringen.

Das ist auch eine Offenbarung f├╝r Ursula von der Leyen, einst als Pr├Ąsidentin f├╝r eine geopolitische Kommission angetreten. In Br├╝ssel wird viel ├╝ber 'strategische Autonomie' gesprochen. Das Konzept ist eine leere H├╝lle geblieben. Einen Versuch f├╝r einen Staatsaufbau wie in Afghanistan wird es zwar nicht so schnell wieder geben. Europa wird sich aber in Zukunft mehr um seine eigene Sicherheit k├╝mmern, sich selber gegen Terrorgefahr in seiner Nachbarschaft sch├╝tzen m├╝ssen und dabei nur noch beschr├Ąnkt auf die USA setzen k├Ânnen."

"Derni├Ęres Nouvelles d'Alsace" (DNA) (Stra├čburg):

"Die Taliban sind zur├╝ck an der Macht und mit ihnen kommen die Geister der Vergangenheit wieder zum Vorschein: abgehackte H├Ąnde, Frauen, die wie Sklaven behandelt werden, ├Âffentliches Aufh├Ąngen, Steinigungen. Und auch der B├╝rgerkrieg (...). So sieht die Zukunft von Afghanistan aus und es wird lange dauern, bis der Westen entscheidet, sich wieder einzumischen. Der Zusammenbruch der letzten Wochen wird tiefe Spuren hinterlassen (...).

Die Russen, Chinesen, Iraner und Pakistaner werden sich damit abfinden - es ist nicht die Achtung der Menschenrechte, die sie ausbremsen wird. Europa seinerseits w├╝rde gerne handeln, kann es aber nicht. (...) Das Einzige, was f├╝r (Europa) z├Ąhlt, ist der Schutz vor einer seit Monaten inszenierten Fl├╝chtlingswelle. Doch niemand kann vorhersagen, dass sie eintreffen und wie gro├č sie ausfallen wird."

"The Guardian" (London):

"Dies scheint im Widerspruch zu Berichten ├╝ber Hausdurchsuchungen und die Einsch├╝chterung von Personen zu stehen, die mit der fr├╝heren Regierung und den westlichen Streitkr├Ąften in Verbindung standen. Da die USA und ihre Verb├╝ndeten jedoch keinen Einfluss auf das Land haben, k├Ânnen sie nur hoffen, dass das Kalk├╝l der Taliban in Bezug auf deren eigene Interessen zugunsten des Westens ausf├Ąllt.

Indes f├╝hren steigende Lebensmittelpreise, die anhaltende D├╝rre in weiten Teilen des Landes und die Binnenvertreibung von Millionen von Fl├╝chtlingen - darunter viele Frauen und Kinder - bereits jetzt, da Herbst und Winter n├Ąher r├╝cken, zu schrecklichen N├Âten. Ohne ein gewisses Ma├č an Kooperation und Zusammenarbeit mit dem neuen Regime wird es unm├Âglich sein, den verzweifelten Afghanen die erforderliche humanit├Ąre Hilfe zukommen zu lassen."

"Hospodarske noviny" (Prag):

"Die fieberhafte Serie von Beratungen auf EU-Ebene in dieser Woche zeigt: Das Problem namens Afghanistan verschwindet f├╝r Europa nicht, sondern bekommt eine neue Dimension. Europa ist darauf nicht vorbereitet und hat keine gemeinsame Strategie f├╝r das weitere Vorgehen. Viele europ├Ąische Politiker versuchen gar nicht erst, die Panik zu verstecken, die der schnelle Fall Kabuls ausgel├Âst hat. Es werden Erinnerungen an die gro├če Menge an Fl├╝chtlingen im Jahr 2015 wach. Die Festung Europa findet auf einmal Z├Ąune an den Grenzen sinnvoll. Doch es ist klar, dass es keine langfristige L├Âsung f├╝r die Sicherheit der Europ├Ąer sein kann, sich vor der Au├čenwelt abzuschotten."

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