Politik | Ausland
28.04.2017

Ein Schaukampf: 100 Tage "Fake News" mit Trump

Am Samstag ist Donald Trump 100 Tage im Amt. Mit den Medien ist er noch immer auf Kriegsfuß. Auch, weil er die Angriffe inzwischen dazu nutzt seine eigenen Fehler zu verschleiern - und das ist gefährlich. Eine Analyse.

"Ihr wisst, dass ihr unehrliche Menschen seid" – die Worte von Donald Trumps legendärer Pressekonferenz klingen noch immer im Ohr. Es war der erste Solo-Auftritt jenes Mannes, der nunmehr das mächtigste Amt der Welt bekleidete, und er nutzte ihn, um den Ton für die kommenden Wochen zu setzen.

Wer gehofft hatte, dass er als US-Präsident endlich zu einem vernünftigen Umgang mit den Medien finden würde, wurde bitter enttäuscht.

Kritik an den "Crooked Media" kannte man bei Trump ja schon aus seiner beispiellosen Anti-Medien-Kampagne im Wahlkampf. Doch dieses "Ihr", die persönliche Auseinandersetzung, das war neu. Wen meinte er damit? Die Handvoll Reporter, die diese "unehrlichen Fragen" bei der Pressekonferenz im Weißen Haus stellten? Die liberalen Flaggschiffe Washington Post und New York Times, die schon ob ihres Selbstverständnisses der natürliche Feind Trumps sind. Nein, mit diesem "Ihr" waren die Medien generell gemeint. Und das ist ein Problem, das über die USA hinausgeht.

Irreführende Begriffe

"Es ist wenig hilfreich, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Vorbehalte gegen die Presse befeuert, indem er sie in irreführender Weise als Fake News bezeichnet", hieß es in einem offenen Brief des Weltverbands der Zeitungen und Nachrichtenmedien WAN-IFRA von Ende März. Gerade in Zeiten, in denen viele Journalisten zunehmend gewalttätigen Repressalien ausgesetzt sind, sei der von Trump angeschlagene Tonfall "hochgefährlich". Am Mittwoch warnte die Organisation "Reporter ohne Grenzen" davor, dass die Pressefreiheit noch nie so bedroht war, wie in dieser "neuen postfaktischen Ära der Fake News". Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell kritisiert die "mutwillige Kampagne" gegen die Medien. "Wenn es keine unabhängigen Informationen mehr gibt, ist der Schritt zu einem autoritären Staat nicht mehr weit", sagt Hausjell im KURIER-Gespräch.

Und was macht Trump? Der bezeichnete erst am Dienstag wieder Berichte, wonach er von seinem Versprechen aus dem Wahlkampf, dass die Mauer zu Nachbar Mexiko nun doch nicht so schnell komme, wie im Wahlkampf versprochen, als "Fake News". 100 Tage im Amt und nichts gelernt, man hat sich daran gewöhnt.

Don't let the fake media tell you that I have changed my position on the WALL. It will get built and help stop drugs, human trafficking etc.

Das gleichermaßen Erstaunliche wie Traurige daran ist, dass aus diesem Kampf - jedenfalls auf den ersten Blick - beide Parteien als Gewinner hervorgehen. Attacken auf etablierte Medien waren ein essentieller Bestandteil von Trumps Wahlkampf. Ohne Twitter, wo er seinen Ärger über die "Fake News" vornehmlich ventiliert, wäre er nicht Präsident geworden, sagte Trump einmal. Aber wieso macht er das auch jetzt noch, da er doch Präsident ist?

Schaukampf

Ein Bericht des Polit-Magazins Politico legt nahe, dass die Antwort darauf weniger in einer ausgklügelten Strategie gegen die "Mainstream-Medien" besteht, als vielmehr reine Kompensation für eine Reihe peinlicher Fehler ist.

Da war der Verweis auf einen Terroranschlag in Schweden, der nie stattgefunden hat; die komplett falsche Aussage seiner Beraterin Kellyanne Conway, wonach zwei Flüchtlinge aus dem Irak ein Massaker im Bowling Green, Kentucky, verübt hätten; das peinliche Zurechtrücken der Besucherzahlen bei der Inauguration; oder der Vorwurf Sean Spicers, der Iran hätte ein US-amerikanisches Schiff angegriffen. Die Fehler wurden, wenn überhaupt, erst später eingestanden. Zunächst waren stets die "Fake Media" schuld. Auch bei dem jüngsten Angriff wegen des Mauerbaus zu Mexiko war Trump mit seinen Finanzierungsplänen tatsächlich zuvor im Kongress gescheitert.

Hauptschauplatz dieses Schaukampfes gegen die "Fake Media" ist inzwischen aber der James S. Brady Briefing Room. Richard Nixon ließ den Raum im West-Flügel des Weißen Hauses in den 70er-Jahren vom Swimming Pool in ein Pressezentrum umbauen. Seit Anfang des Jahres geht dort jetzt Sean Spicer regelmäßig baden. Der Pressesprecher von Donald, der immer dann ausrücken muss, wenn die Trump-Administration wieder einmal danebengehaut hat, ist selbst zur bevorzugten Angriffsfläche für die Medien geworden. Dass er inzwischen rund 45 Prozent der gerade einmal 49 fixen Sitze in dem kleinen Raum an neue Medien - vorzugsweise konservativ bis rechts-gerichtet - vergeben hat, hat daran wenig geändert. Im Gegenteil.

Hinter den Kulissen allerdings, so berichtet Politico, ist das Verhältnis durchaus amikal. Sogar Präsidentenberater Steve Bannon, der die Medien gerne als "Oppositionspartei" bezeichnet, soll regelmäßig Lob für gelungene Berichte verteilen. "So sehr das Trumps Stab auch davon träumen mag, die Mainstream-Medien zu brechen, sie sind letztlich zu gespalten und besessen von ihrem eigenen Image, um das auch wirklich durchzuziehen", schreibt Politico.

Demokratie als Verlierer

Gleichzeitig vermeldet die von Trump vornehmlich als "failing" bezeichnete New York Times neue Rekordwerte bei den Online-Abonnenments, verbucht CNN neue Quotenrekorde. Trump zieht noch immer. Die Auseinandersetzung ist damit längst zum Ritual geworden, das beide Seiten zur Profilierung nutzen. Auch das ist ein Problem.

Denn während dieser Kampf vor den Kameras für beide Parteien von großem Nutzen und geringem Risiko ist - Trump mobilisiert nach wie vor seine Anhänger, die Medien freuen sich über gute Quoten - bleibt die Demokratie selbst als Verlierer zurück. "Die große Gefahr in dieser Auseinandersetzung ist, dass am Ende die Demokratie beschädigt wird, weil sie im Wesentlichen darauf aufbaut, dass die Medien der kritische Transmissionsriemen sind zwischen politischer Elite und breiter Gesellschaft bieten sind", sagt Kommunikationswissenschaftler Hausjell.

Die Medien selbst müssen sich dabei wohl den Vorwurf gefallen lassen, bei der Berichterstattung über Donald Trump nicht immer ganz fokussiert gewesen zu sein. "Jedes Mal, wenn irgendwas aus dem Ruder läuft, setzt er irgendeinen Tweet ab, der auf einer ganz anderen Ebene stattfindet und die Journalisten ablenkt", kritisierte der deutsche Medienwissenschaftler und Ethiker Bernhard Debatin im Kurier-Interview. Dass darüber hinaus auch Trumps Frisur Teil der Berichterstattung ist, mag unterhaltsam sein, wichtiger wäre freilich die Auseinandersetzung mit seiner Politik selbst. Wobei man auch hier einschrenken muss: Skurrilität mag für manche Medien ein Nachrichtenfaktor sein - und da ist Trump nunmal ein besonderer Fall. "Die meisten Medien konzentrieren sich aber darauf, Trump an seiner Politik zu messen", sagt Hausjell.

Umgekehrt gilt aber: So sehr Trumps Konfrontationstaktik im Wahlkampf geholfen hat, so wenig ist sie nunmehr mit dem Amt des Präsidenten vereinbar, unangebracht war sie schon immer. Kritische Medien sind essentieller Bestandteil einer jeden Demokratie. Wer sie pauschal als "Fake News" aburteilt, schadet ihr. Das hat inzwischen auch Trumps Lieblingssender Fox News verstanden, bei dem jetzt selbst konservative Reporter sagten: So geht das nicht.

Und wenn Trump dieses Argument nicht davon überzeugt, dass es Zeit für eine Kursänderung wäre, dann vielleicht ja jenes der sinkenden Umfragewerte. Nach 100 Tagen im Amt stimmen nur noch 42 Prozent der Amerikaner seiner Politik zu. Das ist bad. Really bad.