Politik | Ausland
10.11.2018

100 Jahre danach: Was vom alten Kaiserreich geblieben ist

Eine Spurensuche 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie

Wir haben keinen Kaiser mehr, werden aber nach wie vor von den Prunkräumen der Maria Theresia in der Hofburg aus repräsentiert. Hunderttausende Touristen kommen, um Schönbrunn, Mayerling und die Kapuzinergruft zu besuchen. Und auch wenn es längst keinen Hof mehr gibt, werden höhere Staatsbeamte immer noch zu Hofräten ernannt. Wir essen Kaiserschmarrn, sehen „Sissi“-Filme und kaufen bei K. u. k. Hoflieferanten ein. Wie viel Monarchie ist uns nach 100 Jahren Republik geblieben?

„Küss die Hand“

Das Haus Habsburg verfügt zwar über keinerlei Macht mehr, es gilt aber als Synonym für die gute alte Zeit – auch wenn es die in dieser Form nie gegeben hat. Sissi und Franzl sind zwar nicht so lebendig wie die Queen, für den Fremdenverkehr jedoch unverzichtbar, wie der Tourismus in Österreichs Städten und Kurorten zeigt. Und wenn an jedem 18. August in Bad Ischl „Kaisers Geburtstag“ gefeiert wird (heuer war’s der 187.), dann ist immer noch das halbe Salzkammergut auf den Beinen. Und die Versteigerungen kaiserlicher Devotionalien – bis hin zu Franz Josephs Unterhosen – bringen den Auktionshäusern Spitzenumsätze.

Es wäre aber nicht gerecht, die Überreste des Kaiserreichs als bloße Kitschindustrie abzutun. Das kulturelle Erbe ist gewaltig, ein derartiges Ausmaß an Schlössern und Kunstschätzen, die uns die Habsburger hinterlassen haben, findet sich in keinem anderen Land dieser Größenordnung. Auch dass die Monarchie als Modell für die Europäische Union Pate stand, ist unbestritten.

Selbst unsere Etikette hat mit der kaiserlich-königlichen Vergangenheit zu tun. „Einige Umgangsformen stammen noch aus der Monarchie“, erklärt Benimm-Papst Thomas Schäfer-Elmayer. „Die ,Gnädige Frau’ kommt aus dieser Zeit, das heute noch übliche ,Küss die Hand’ haben die spanischen Habsburger nach Wien gebracht, der Handkuss wird nur noch in unserer Kultur praktiziert. Nur bei uns gibt es in dieser Form auch die alte Tanz- und Balltradition.“

Habsburg & Rothschild

Der Wirtschaftshistoriker Roman Sandgruber zitiert in seinem eben erschienenen Buch über die Bankiers- und Industriellenfamilie Rothschild den sozialdemokratischen Politiker Otto Bauer, der meinte: „Das alte Österreich wurde von der Dynastie Habsburg und der Dynastie Rothschild regiert. In der Republik blieb nur die Dynastie Rothschild übrig.“ Was sich als tragischer Irrtum erweisen sollte, denn auch die Rothschilds gingen unter – wenn auch erst 20 Jahre später durch die Raubpolitik der Nationalsozialisten.

Etliche Industriebetriebe aus Kaisers Zeiten gibt es noch, darunter die Österreichisch-Alpine Montangesellschaft (gegründet 1881, heute als Teil der voestalpine), die Stahlkonzerne Böhler-Uddeholm (1894) und Waagner-Biro (1854) – der freilich gerade jetzt ums Überleben ringt. Ein leuchtendes Beispiel eines alten Familienunternehmens ist die Süßwarenfabrik Josef Manner & Comp. (1890).

„Nur ein relativ kleiner Teil der Firmen aus dieser Zeit besteht noch“, sagt Professor Sandgruber, „was aber nicht unbedingt mit dem Zerfall des Habsburgerreichs zusammenhängt. Industrieunternehmen haben ihren Lebenszyklus; wenn eine Firma fünf Generationen überlebt, ist das schon sehr viel“.

K. u. k. Hoflieferanten

In der Wiener Innenstadt findet man immer noch die Schilder alteingesessener Geschäfte. Von den 1300 Hof- und Kammerlieferanten, die es im Jahr 1918 gab, haben rund 100 die Stürme der Zeit überstanden, darunter so prominente wie der K. k. Hofzuckerbäcker Demel, der Hofschuhmacher Rudolf Scheer, von dem Kaiser Franz Joseph einst das allerhöchste Schuhwerk bezog, oder der Kammerschneider C. M. Frank, der Kronprinz Rudolfs Gehrock anfertigte. Auch der Hotelier Sacher und der Klaviermacher Bösendorfer dürfen ihre Portale nach wie vor mit dem Doppeladler zieren. Und beim Hof- und Kammerjuwelier Köchert, der die 27 Sterne herstellte, die Kaiserin Elisabeth im Haar trug, herrscht immer noch ein Griss um die Kopien dieser Sterne. „Sie sind sowohl bei jungen Wienerinnen als auch bei Touristen äußerst beliebt.“

Apropos Tourismus. Der spielt im Zusammenhang mit unserer K. u. k. Geschichte zweifellos die bedeutendste Rolle. Im Vorjahr wurden allein in Wien 15,5 Millionen Nächtigungen gebucht. Die Marktforschung des „WienTourismus“ zeigt auf, dass das „Imperiale Erbe“ – neben dem kulturellen und dem kulinarischen Angebot – an vorderster Stelle steht, wenn man danach fragt, warum Touristen in die ehemalige Reichs- und Residenzstadt kommen.

Adelige Besitzungen

Im Gegensatz zu seinen Titeln konnte Österreichs Adel seinen Grund- und Bodenbesitz nach 1918 behalten, was dazu führte, dass die größten privaten Wald- und Wiesenflächen des Landes auch heute noch allesamt den alten Dynastien gehören. Sie werden angeführt von den Nachfahren der Esterházys (44.000 Hektar, das sind mehr als 10 des Burgenlandes), den Familien Mayr-Melnhof-Saurau (32.000 Hektar), Liechtenstein (25.000 Hektar) und Schwarzenberg (20.000). Nur die Republik Österreich und die Stadt Wien verfügen über mehr Grundbesitz als diese Geschlechter. Darüber hinaus zählen die Häuser Habsburg, Coburg und Starhemberg zu Österreichs wichtigsten Grundherren.

Republik mit Kaiser

Ach ja, und dann haben wir noch: Die Ringstraße inmitten einer für die Kleinheit des Landes überdimensionierten Metropole, weiters Baden, Vöslau, Aussee, St. Gilgen, Gastein, eine zum Teil überbordende Bürokratie mit Hof- und Ministerialräten, die Graf-Bobby-Witze und die ORF-Show „Wir sind Kaiser“.

Und weil wir somit beim kabarettistischen Teil des Themas angelangt sind: Karl Farkas hat einst auf die Frage, welche Staatsform den Österreichern die liebste sei, geantwortet: „A fesche Republik unterm Kaiser Franz Joseph."