© APA/AFP/POOL/KIMIMASA MAYAMA

Politik Ausland
03/07/2021

10 Jahre Fukushima - was passierte nach dem großen Beben?

im März 2011 erschütterte die Reaktorkatastrophe in Japan die Welt und den Glauben an die Kernenergie.

von Sandra Lumetsberger, Ingrid Steiner-Gashi

Brennende Reaktoren, verwüstete Landstriche – als am 11. März 2011 um 6.46 Uhr mitteleuropäischer Zeit vor der Nordostküste Japans die Erde bebte, fiel im Atomkraftwerk Fukushima Daiich zuerst der Strom aus. Kurze Zeit später stieß eine 15 Meter hohe Tsunami-Welle über die 5,7 Meter hohe Schutzmauer, Meerwasser drang in das Kraftwerk ein. Und bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere.

18.500 Menschen starben sofort, noch viele mehr wurden obdachlos. Es waren verheerende Bilder, die um die Welt gingen und die Skepsis gegenüber der Kernenergie und Sorge um nukleare Sicherheit noch einmal steigerte: Deutschland beschloss umgehend, bis 2022 alle Atomkraftwerke stillzulegen. Allerdings sind hier noch viele Fragen offen, etwa wo der Endmüll gelagert werden soll.

Trotz Tschernobyl und trotz Fukushima – für viele andere Staaten ist der Ausstieg aus der Atomenergie hingegen kein Thema: Für Frankreich etwa oder die meisten osteuropäischen Staaten. Im Gegenteil werden Reaktoren erneuert oder sogar neu gebaut. Mit dem Argument: Die treibhausgasfreie Atomkraft sei für die Energiewende in Richtung Klimaneutralität unverzichtbar. Auch China baut neue Atomkraftwerke zu. Und selbst am Ort der Katastrophe, in Japan, ist Ausstieg aus der Atomkraft keine Option.

Deutschland: Atom-Ausstieg mit einigen Hindernissen

„Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in jenen Tagen, als Bilder vom brennenden Atomkraftwerk in Fukushima um die Welt gingen. Ihre Regierung beschloss daraufhin das Aus für acht Kernkraftwerke und einen stufenweisen Atomausstieg bis 2022.

Doch ganz so einfach sollte es nicht werden. Denn wenige Wochen vor dem Unglück hatte man noch eine Laufzeitverlängerung der Atommeiler beschlossen. Die Folge: Die vier Betreiberfirmen stellten Schadenersatzansprüche. Die Regierung wird sie nun mit 2,4 Milliarden Euro entschädigen.

Zudem kommt die Energiewende nur langsam voran: Es gibt noch zu wenig Ökokraftwerke. In puncto Stromerzeugung haben zwar erneuerbare Energien aus Wind, Sonne, Wasser oder Biomasse 2019 erstmals mehr Strom geliefert als fossile Energieträger. In vielen Bereichen von Landwirtschaft bis Industrie dominiert aber Energie aus Kohle oder Öl weiterhin.

Suche nach Endlager

Derzeit aber lautet die wichtigste Frage: Wohin mit dem radioaktiven Müll? Derzeit sind noch sechs von einst 27 Kernkraftwerken in Betrieb. In einem Jahr soll der letzte Meiler vom Netz gehen. Bis 2031 will man einen Standort für ein Endlager gefunden haben. Da darauf Genehmigungsverfahren und Bauphase folgen, ist frühestens 2050 damit zu rechnen. Abgesehen davon ist es ein hochemotionales, umstrittenes Thema.

Gut sind die Proteste in Gorleben in Erinnerung, wo ein „nukleares Entsorgungszentrum“ entstehen sollte. Letztlich wurde dort ein oberirdisches Zwischenlager gebaut. Bei der aktuellen Suche steht das Dorf nicht mehr auf der Liste. Dafür andere Orte in Bayern oder Niedersachsen, die geologische Voraussetzungen bieten, um den Müll auf eine Million Jahre unter der Erde zu verwahren.

Frankreich: Die Atommacht denkt nicht an eine Wende

In keinem Land der Welt ist der Anteil nuklear erzeugten Stroms am gesamten Stromaufkommen höher als in Frankreich: Die 56 französischen Reaktoren liefern fast vier Fünftel der französischen Stromproduktion – EU-weit liegt der Schnitt bei 27 Prozent.

Und die Atommacht Frankreich ist stolz auf ihr nukleare Potenz. Von einem möglichen Ausstieg aus der Atomproduktion ist jedenfalls keine Rede – im Gegenteil preist die Führung in Paris doch die „klimaneutralen Vorzüge“ der Atomstromproduktion: Weil dabei keine Treibhausgase freigesetzt werden, möchte sich Frankreich die Atomkraft für den von der EU verordneten „Green Deal“ gut schreiben lassen – in Form milliardenschwerer Förderungen und Investitionen. Das aber ist längst nicht beschlossene Sache: Österreich und Luxemburg legen sich dagegen quer.

Mehr als 40 Jahre alt

Mehr als ein Dutzend französischer Reaktoren sind bereits in die Jahre gekommen und müssten eigentlich stillgelegt werden. Doch vergangene Woche verkündete die französische Atomaufsicht (ASN) plötzlich: Die Laufzeit der ältesten Atomreaktoren kann unter Auflagen von derzeit 40 auf 50 Jahre verlängert werden. Darunter befindet sich das AKW Bugey östlich von Lyon, das bereits seit Ende der 70er Jahre in Betrieb ist. Bedingung für die Verlängerung: An 32 der ältesten Reaktoren müssen Reparaturen durchgeführt werden.

Pläne, den Atomanteil an der französischen Stromproduktion auf 50 Prozent zu senken, gibt es. Sie wurden allerdings von Präsident Emmanuel Macron auf das Jahr 2035 aufgeschoben.

Bisher hat Frankreich erst ein Atomkraftwerk vom Netz genommen: Im Juni wurde das AKW Fessenheim am Oberrhein abgeschaltet. Deutschland und die Schweiz hatten wegen zahlreicher Pannen jahrelang darauf gedrängt.

Finnland: Vertrauen auf das erste Endlager der Welt

Sie persönlich sei gegen Atomkraft, sagt die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg. Doch sie zitiert auch den Weltklimarat IPCC, der feststellte: „Atomenergie kann ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energie-Lösung sein.“ In Schweden sieht man das auch so. Und so laufen im Land, das sich einst den Ausstieg aus der Kernkraft verordnete, ihn 2016 dann aber wieder absagte, sechs Reaktoren weiter. 40 Prozent von Schwedens Strom kommt aus Akws, aber schon 60 Prozent kommen aus erneuerbaren Energiequellen. Weil man die Gefahr des Klimawandels als höher einschätzt als die der Atomkraft, bleiben die nuklearen Reaktoren am Netz.

In Finnland bleibt die Zustimmung zur Atomkraft hoch – zumal man glaubt, die Antwort auf die Endlagerung des radioaktiven Mülls gefunden zu haben: Als erstes Land der Welt hat es ein Atommüllendlager gebaut und bereits fast fertiggestellt – auf der Insel Olkiluoto vor der Westküste Finnlands. Es befindet sich 450 Meter unter der Erde.

Osteuropa: Renaissance der Atomkraft

Rund 50 Kilometer von Danzig entfernt steht im Dorf Zarnowiec eine Bauruine, die einst Polens erstes Atomkraftwerk hätte werden sollen. Doch dann kam die Katastrophe von Tschernobyl, die Bevölkerung rebellierte – und das Projekt wurde gestoppt. Immerhin, so hieß es in Polen lange Zeit, gebe es genug Kohlekraftwerke zur Energieversorgung.

Genau diese jedoch sind jetzt Polens größtes Umweltproblem: Fast 80 Prozent des Stroms kommt aus der extrem klimaschädlichen Kohleproduktion. Beim Umstieg auf klimaneutrale Stromproduktion denkt Polen nun auch an Atomkraft – die Bauruine von Zarnowiec könnte das erste AKW des Landes werden.

Generell setzen die meisten Länder Osteuropas auf eine Renaissance der Atomkraft. Sie planen die Erneuerung oder den Ausbau ihrer Reaktoren. Von einem Ausstieg ist nirgends die Rede. In der Slowakei beträgt der Atomstromanteil 55 Prozent, in Ungarn 51 Prozent, in Slowenien rund 40 Prozent und in Tschechien sind es 33 Prozent.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.