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10 Jahre nach dem Brexit: "Eine riesige Zeitverschwendung"

Am Dienstag jährt sich das britische Referendum zum Austritt aus der EU zum zehnten Mal. Was denken die Briten ein Jahrzehnt später darüber?
Anna-Maria Bauer aus England
52 Prozent der Briten stimmten am 23. Juni 2016 für den EU-Austritt. Heute wollen 56 Prozent zurück.

Catherine Sharp seufzt. Oh ja, sagt die Britin dann und lässt die Schultern sinken. Sie kann sich noch gut erinnern. "Wir sind extra von einer Europareise früher nach England zurückgekehrt, um noch abstimmen zu können." Und dann, in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages, hörte sie die Worte des BBC -Moderators David Dimbleby: "Das britische Volk hat gesprochen: Wir sind draußen." Mit einer Mehrheit von 52 Prozent entschied die "Leave"-Bewegung am 23. Juni 2016 das Brexit-Referendum für sich. Catherine Sharp verzieht den Mund. "Wir konnten es nicht glauben."

Kommenden Dienstag jährt sich das Brexit-Referendum zum zehnten Mal. Anlass für einen Lokalaugenschein: Was sagen die Briten ein Jahrzehnt später?

"Brexit?", fragt die Pensionistin, die sich als Mrs. Downton vorstellt, am späten Vormittag in der High Street von Gosport. "Ich würde sofort wieder dafür abstimmen!" Kampfbereit streckt sie ihren Gehstock in die Luft. "Der Austritt war notwendig", ergänzt sie, "die EU hatte zu viel Macht über unsere Gesetze, hat unsere Gelder veruntreut."

Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson 2016 reiste für seine "Leave“-Kampagne durchs Land.

Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson 2016 reiste für seine "Leave“-Kampagne durchs Land.

Der Kampf ums Geld

Es war ein gern genutztes Argument der Politik. "Wir überweisen der EU jede Woche 350 Millionen Pfund (umgerechnet 403 Mio. Euro, Anm.) – lasst uns stattdessen unser NHS (das öffentliche Gesundheitssystem) finanzieren", ließ der damalige Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson 2016 auf den roten Doppeldeckerbus drucken, mit dem er während seiner "Leave"-Kampagne durchs Land brauste.

Dass die 350 Millionen Pfund den Bruttobetrag vor etwaigen Abzügen betrafen und dass Großbritannien im Gegenzug monetäre Unterstützung für Landwirtschaft, Forschung oder dünn besiedelte Regionen erhielt, blieb dabei unerwähnt. Später wurde dann gerne ausgeblendet, dass nach dem EU-Austritt die NHS-Warteliste auf 7,6 Millionen Menschen anwuchs.

Mrs. Downtons EU-kritische Einstellung ist im südenglischen Gosport jedoch keine Ausnahme. Mit 63,9 Prozent stimmte hier eine deutliche Mehrheit für den Brexit. Die Hafenstadt vereint mit einer alternden Bevölkerung, einem niedrigeren Durchschnittseinkommen und einer, auch durch die Militärpräsenz, starken englischen Identität drei Merkmale, die sich häufig in "Leave"-Hochburgen finden ließen.

Doch nicht alle Bewohner hier sind zehn Jahre später von ihrer damaligen Entscheidung überzeugt. Die Pensionistin Angie Smith, auf dem Weg zum Wocheneinkauf, hat vor zehn Jahren ebenfalls für "Leave" gestimmt. Heute hat sie gemischte Gefühle: "Wir wurden mit falschen Informationen gefüttert; die ganzen Argumente waren ja nur Parolen." Jetzt sei das Reisen schwieriger geworden und die Preise höher. Ehemann Chris nickt: "Wir sind alleine einfach zu klein."

Szenenwechsel. 50 Autominuten nördlich von Gosport tummeln sich auf der Grünfläche vor der Kathedrale in Winchester am frühen Nachmittag Studierende, Besucher und Angestellte in der Mittagspause. Wie in den meisten großen Universitätsstädten stimmte auch in Winchester die überwiegende Mehrheit für den Verbleib in der EU.

10 Jahre Brexit

Mrs. Downton würde wieder für den Brexit demonstrieren.

10 Jahre Brexit

Für Andrew White brachte der Austritt Arbeitshürden.

10 Jahre Brexit

Angie und Chris Smith bereuen ihre "Leave“-Wahl.

10 Jahre Brexit

Die 68-jährige Laura empfindet den Austritt als Schande.

Internationaler Austausch

An die 73 Prozent, die in Cambridge für "Remain" stimmten, kam Winchester zwar nicht heran, aber mit 59 Prozent war die Mehrheit doch eindeutig. "Aber natürlich!", sagt die 68-jährige Laura. "Es ist eine Schande, was an dem Tag passiert ist. Meine Tochter hatte noch das Glück, vor dem Brexit mit dem Erasmus-Programm nach Spanien zu gehen. Sie hat so sehr davon profitiert." Die EU, ergänzt dann auch die Britin Catherine Sharp, sei doch Familie. Man gehöre zusammen. Die beiden Frauen schütteln den Kopf.

Ist der Brexit nach zehn Jahren im Alltag aber überhaupt noch präsent? "Und wie", sagt Andrew White, der in weißem Hemd und blauer Anzugshose auf den Steinstufen vor der Kathedrale seine Mittagspause hält. "Wir arbeiten in der Bauberatung. Und uns ist durch den Brexit der größte Markt weggebrochen." Die Auswirkungen wurden erst sukzessive sichtbar; die Gesetzgebung hinke hinterher. "Manches wird sich also erst weisen." Aber insgesamt könne er bereits sagen: "Das war alles eine riesige Zeitverschwendung."

Kollektive Reue

Diese Einstellung teilt Andrew White mittlerweile mit einer landesweiten Mehrheit. Die nicht enden wollende Lebenskostenkrise , zusätzliche Hürden in der Bürokratie , längere Wartezeiten an der Grenze : Für viele Briten ist der Alltag in den letzten Jahren mühseliger geworden. Natürlich lässt sich nie genau sagen, welchen Anteil der Brexit an den verschiedenen Entwicklungen hatte, schließlich war das letzte Jahrzehnt von diversen Krisen geprägt. Dennoch halten laut neuer YouGov-Umfrage mittlerweile 70 Prozent aller Briten den Austritt für einen Fehler; 56 Prozent würden bei einem erneuten Referendum nun für den Wiedereintritt stimmen.

Auch ohne weitere Abstimmung nähert sich die aktuelle Labour-Regierung der EU wieder an. Die geopolitischen Unruhen haben zu gemeinsamen Verteidigungsgipfeln geführt. Im Dezember wurde eine Fortsetzung des Erasmus-Programms angekündigt. Und unter dem Schlagwort "Britain Reconnected" werden neue Handelspakete ausgehandelt.

Andrew White, Laura und Catherine Sharp nicken: Alles, was Großbritannien näher an die EU bringe, sei begrüßenswert. Aber was sagen die Bewohnerinnen von Gosport? Einmal mehr ist die Meinung geteilt. Mrs. Downtons Miene verfinstert sich, doch Angie Smith lacht erleichtert auf: "Das ist ja wirklich das einzig Gute an der aktuellen Regierung!"

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