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10/17/2020

Wie sich Israel mit einem Lockdown wieder erfing

Maßnahmen, die auch politisch motiviert waren, führten zu starkem Rückgang der Infektionen, sodass nun Lockerungen greifen

von Norbert Jessen

Nach einem Monat rigorosen Lockdowns läuft in Israel der Kampf gegen das Corona-Virus wieder konträr zum Rest der Welt: Steigen in Europa die Zahlen in diesen Tagen wieder an, sinken sie in Israel jetzt schneller als erwartet. Von zuvor mehr als 6.000 Neuinfektionen pro Tag auf zuletzt nicht einmal 1.200.

Schon der erste Lockdown Israels erfolgte Mitte März früher als in Europa. Weshalb Israel bis Ende April als Musterbeispiel erfolgreicher Corona-Bekämpfung galt. Dann aber kam das Ende des Lockdowns zu abrupt. Ende des Sommers zog die Zahl der positiv Getesteten dramatisch an. Die Experten rieten zu lokal begrenzten Lockdowns in den besonders gefährdeten Gebieten.

Doch die Politiker verhängten einen umfassenden Lockdown im ganzen Land. Auch aus politischen Gründen. „Denselben Erfolg hätte auch die Ampel-Methode bewirkt“, gaben Experten des Corona-Krisenstabs zu. Also mit regional begrenzten Lockdowns in „roten“ Gebieten. In weniger gefährdeten „grünen“ Ortschaften hätte der Alltag ungestört weitergehen können.

Umständliche Regeln

Nehemia Stressler, Kommentator der Zeitung Haaretz: „Der Preis für die Wirtschaft dieses umfassenden Alltagsstopps ist überhaupt noch nicht voll abzuschätzen.“ Obwohl Firmen ohne Kundenverkehr weiter arbeiten konnten, waren viele Eltern gezwungen, bei ihren Kindern zu bleiben. Denn Schulen waren geschlossen.

Bereits vor dem Lockdown hatten die Widersprüche zwischen Experten und Politikern Israels Öffentlichkeit beunruhigt. So war der Lockdown gezielt für die mehrwöchige Feiertags-Periode des jüdischen Kalenders angesetzt mit ohnehin wenigen Werktagen. Doch Vertreter der orthodoxen Parteien setzten alle Hebel in Bewegung, um die Synagogen in dieser Zeit offen zu halten. Das Ergebnis: Umständliche Regeln zur Wahrung eines Sicherheitsabstands in den Gebetssälen – die letztlich kaum eingehalten wurden. Synagogen wurden zu Ansteckungsfallen.

Ab Sonntag wird gelockert

Es hätte anders sein können: In den arabischen Ortschaften Israels, die im ersten Lockdown durch illegale Massenhochzeiten auffielen, wurden die Richtlinien diesmal streng befolgt. Teilweise sanken die Ansteckungszahlen hier noch stärker als im Landesschnitt. Ab Sonntag soll der Lockdown abgebaut werden.

Netanjahu am Donnerstag: „Stufenweise, überlegt und vorsichtig.“ Als Erstes öffnen die Kindergärten. Eine Woche später die Grundschulen. Auch diesmal haben orthodoxe Politiker Sonderwünsche: Ihre großen Schriftgelehrten-Seminare sollen im Gegensatz zu Hochschulen auch am Sonntag den Unterricht wieder aufnehmen.

Auch Netanjahus parlamentarische Gefolgschaft hatte einen Sonderwunsch – und Anweisungen durchgesetzt, die weiter Massenproteste gegen Netanjahu verhindern sollen. Denn obwohl Massenansammlungen im Lockdown verboten waren, kam es zu Protesten kleiner Gruppen. In Umfragen befürworten zudem deutlich über die Hälfte der Israelis Netanjahus Rücktritt.

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