Primar Josef Hochreiter

© Helmut Klein

ngen
01/13/2019

„Ohne Sport keine Muskeln und keine Beweglichkeit“

Josef Hochreiter: Der Primar für Orthopädie betreibt mit seinem Bruder Wolfgang die Rehabilitations- und Kurhäuser Vortuna und Am Kogel.

von Josef Ertl

Primar Josef Hochreiter leitet seit 1996 die Orthopädie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz, das Teil des Ordensklinikums ist. Sie ist größte orthopädische Abteilung des Landes. Der 59-Jährige ist Spezialist für künstlichen Gelenksersatz für Hüfte und Knie.

Sein Bruder Wolfgang und er haben gemeinsam 20 Millionen Euro in das Rehabilitationszentrum und Aktivhotel Am Kogel in St. Georgen im Attergau investiert. Es umfasst 198 Zimmer, 35 Therapeuten und 27 Bewegungs- und Therapieräume. 112 Mitarbeiter sind beschäftigt. Es werden 65.000 Nächtigungen pro Jahr angestrebt.

KURIER: Was sind die Motive, derartig viel Geld in dieses Kur- und Rehabilitationszentrum zu investieren?

Josef Hochreiter: Wir haben über unseren Großvater Kontakt zu diesem Thema. Er hat das Kurhotel Bad Leonfelden begründet. Wir haben durch die Firma meines Bruders (Hochreiter Fleischwaren GesmbH, Anm. d. Red.) die entsprechenden unternehmerischen Voraussetzungen.

Der dritte Beweggrund ist, dass wir meinen, dass die Rehabilitation in einer Gesellschaft, die älter wird, ein Zukunftsthema ist. Das war der entscheidende Motiv. Wir haben in diesem Zusammenhang auch das Vortuna in Bad Leonfelden um 25 Millionen Euro neu gebaut. Es ist im Herbst eröffnet worden. Unsere Zielsetzung ist, im Bereich der Rehabilitation des Stütz- und Bewegungsapparates und der Gesundheitsvorsorge Leuchtturmprojekte zu realisieren. Wir wollen das sowohl im medizinischen Bereich als auch im Hotel auf eine neue Ebene stellen.

Was wird im Haus Am Kogel genau gemacht?

Es geht um die Rehabilitation für Patienten nach einer Operation. Zum Beispiel nach Eingriffen nach Verletzungen, nach Schenkel-Hals-Frakturen, nach künstlichem Gelenksersatz, nach Kreuzbandrissen, nach Schulteroperationen etc. Es geht aber auch um Patienten mit chronischen Erkrankungen. Zum Beispiel bei Abnützungen der Wirbelsäule, bei Morbus Bechterew etc.

Wie kommt der Patient in Ihr Haus?

Einer der betreuenden Ärzte ein Reha-Ansuchen mit der Destination Am Kogel. Oder ein praktischer Arzt stellt einen Kurantrag. Oder man leistet sich privat einen Aufenthalt.

Sie sind Orthopädie-Primar am Ordensklinikum Linz, bei den Barmherzigen Schwestern. Gerade in der Winterzeit neigen vor allem ältere Menschen zu Stürzen und erleiden Schenkel-Hals-Brüche. Wie können Sie sich davor schützen?

Die Erhaltung der Beweglichkeit, die Erhaltung der muskulären Kraft und der entsprechenden Koordinationsfähigkeit hängt direkt mit dem Ausmaß der Bewegung zusammen, die jemand macht. Wenn Menschen im mittleren und fortgeschrittenen Lebensalter sportlich aktiv bleiben, haben sie eine ungleich bessere muskuläre Ausstattung, Gelenksbeweglichkeit und Koordination.

Der Muskel wächst mit der Beanspruchung.

Der Muskel nimmt ohne Beanspruchung ab. Allein um ihn auf dem Statur quo zu halten, ist schon eine Grundbewegung notwendig. Je älter Menschen werden, umso stärker schreitet der Prozess der Muskelabnahme fort.

Welche Bewegung empfehlen Sie Menschen im fortgeschrittenen Alter?

Es ist vernünftig, zwei bis dreimal wöchentlich alleine oder noch besser in der Gruppe eine sportliche Betätigung im Ausmaß einer Stunde oder von 90 Minuten zu machen. Zum Beispiel Radfahren, Nordic Walken, Wandern, Skifahren, Golf spielen oder Schwimmen. Das sollte jeder machen. Darauf kann man dann noch aufbauen. Zum Beispiel eine physikalische Therapie, um die Koordination zu schulen und die Beweglichkeit zu erhalten. Viele Patienten ab 65, 70 Jahren haben ein Gelenksproblem. Die Beweglichkeit ist oft eingeschränkt, sie können zum Beispiel die Geldbörse aus der hinteren Hosentasche nicht mehr rausziehen oder sie können nicht einfach aufstehen und weggehen, weil die Hüfte blockiert.

Im Alter werden die Menschen steifer. Was können sie tun?

In dem Fall ist Gymnastik interessant. Zum Beispiel in der Volkshochschule oder beim Seniorenturnen. Man kann bei Problemen auch einen Arzt aufsuchen, der eine Therapie verordnet.

Wie ist die Entwicklung? Nimmt die Anzahl der Operationen zu?

Sie nehmen sogar dramatisch zu. Wir haben beim künstlichen Gelenksersatz jährliche Steigerungsraten von fünf bis sieben Prozent über viele Jahre hinweg gehabt. Die Qualität der Chirurgen und der Implantate hat sich dramatisch verbessert.

Vor 30 Jahren hat man gesagt, keine Prothese vor dem 70. Lebensjahr, denn sie hält nicht länger als zehn Jahre. Wenn einer eine Prothese bekommen hat, hat man gesagt, kein Sport mehr, nichts mehr tun und dankbar sein, dass der Schmerz weg ist. Heute bekommt der 40-Jährige ein Kniegelenk, er geht arbeiten und will Sport betreiben. Das ist heute möglich.

Wie länge hält das künstliche Knie?

Wir haben heute Standzeiten in der Prothetik von 95 Prozent auf 20 Jahre. Das ist sehr gut. Heute ist das Lebensalter hier keine relevante Frage mehr. Der Punkt ist, ob man überhaupt eine Prothese braucht.

Aus welchem Material sind heute die Prothesen?

Aus Titan mit Polyethylen Gleitpa, das ist hochwertiges Material. Die Chirurgie ist minimalinvasiv geworden. Wir lösen keine Muskulatur mehr ab, wir haben heute kleine Hautschnitte von sieben, acht Zentimetern. Früher hatten wir 25 Zentimeter.

Mein gesamtes Team macht heute am Tag zwischen sechs und acht Implantate. Als ich 1985 auf der Orthopädie begonnen habe, konnten wir zwei pro Tag machen.

Wie lange dauert eine derartige Operation?

Zwischen 75 bis 90 Minuten. Die Patienten mit einer neuen Hüfte gehen am vierten Tag nach Hause. Wir haben bei den 600 Hüftgelenken, die wir im vergangenen Jahr gemacht haben, nur 150 Blutkonserven benötigt. Vor 30 Jahren haben wir pro Patienten zwischen vier und sechs Eigenblutkonserven gespendet.

Woran liegt es, dass die Operationen immer mehr werden?

Die Chirurgie und die Implantate werden immer besser. Der Versorgungsradius wird immer größer. Dazu kommt die Demografie (der Anteil der älteren Mitbürger wächst, Anm. d. Red.). Wir werden aber den Punkt erreichen, wo die Versorgung an Qualität nicht mehr so stark zunimmt und der Versorgungsradius auch nicht mehr größer wird. Dann wir d sich eine gewisse Abflachung ergeben. Die Jahre mit den ganz starken Zuwächsen liegen schon hinter uns.

Titan gilt als bestes Material. Bekommt das jeder Patient?

Es bekommt jeder Patient das beste Implantat, das am Markt ist. Das, was wissenschaftlich das Beste ist, wird bei jedem verwendet.