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Leitartikel
01/01/2021

Hallo 2021: Glücklich ist, wer vergisst …

… und vor allem verzeihen kann. Schon lange war kein Jahresbeginn mit so vielen Hoffnungen verbunden

von Gert Korentschnig

Sind Sie gut gerutscht? Haben Sie alleine gefeiert oder verbotenerweise Haushalte durchmischt? Haben Sie heimlich eine Rakete abgefeuert oder sich eine angetrunken? Und schauen Sie sich heute wieder das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker an?

So viel hat dieses musikalische Ereignis, das zum ersten Mal zum Jahreswechsel 1939/’40 und auch den Krieg hindurch stattfand, schon erlebt, sogar einen Flitzer, der während eines Stückes durch den Saal lief, nicht wissend, dass der erste Teil damals nicht live im Fernsehen gezeigt wurde.

Der musikalische Neujahrsgruß 2021 ist aber einzigartig, auch wenn dieses Wort zuletzt inflationär verwendet wurde. Wenn der neapolitanische Dirigent Riccardo Muti, vielleicht der größte Maestro unserer Zeit, sein sechstes Neujahrskonzert leitet, sitzt zum ersten Mal kein Publikum im Saal. So gut der ORF die Übertragung auch gestalten wird, so wichtig allein die Stattfindung als Signal des Fortbestands unseres kulturellen Lebens ist: Musik, Theater und so gut wie alle anderen Kunstformen brauchen dringend wieder Live-Publikum. Und es bleibt trotz aller politischen Erklärversuche unlogisch, warum Häuser mit ausgereiften Sicherheitskonzepten vor immer neue Hürden gestellt werden, während Skilifte fahren, als hinge unsere Zukunft an befahrenen Hängen. Können wir wirklich, wenn wir schon zu Weihnachten und zu Silvester Verzicht üben müssen, nicht aufs Carven verzichten?

Doch halt, dieses gegeneinander Ausspielen von Kultur und Sport, von Handel und Gastronomie oder wovon auch immer bringt gar nichts. Der Skisport ist zwar zum Symbol für alpinen Starrsinn geworden, aber die so aufgeladene Debatte ist nur ein Stellvertreterkrieg für andere aufgeschaukelte Konflikte. Zwischen Städtern und Landbewohnern, zwischen solchen, die sich Skitage noch leisten, und jenen, die sie sich nicht mehr leisten können oder wollen, zwischen Verordnungs-Fetischisten und -Verweigerern. Deshalb ist es absurd, Skifahren zu skandalisieren.

Die schlimmste Kurve 2020 war – all jene, die einen Angehörigen verloren haben, mögen verzeihen – gar nicht jene der Infektionszahlen, sondern der noch steiler ansteigende Aggressionsindex. Das Virus hat einen Keil in die Gesellschaft getrieben, für Freund-Feind-Schemata gesorgt wie schon lange nichts mehr. Bereits im April hatte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn den Satz gesagt: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Das war prophetisch und völlig richtig.

Der 1. Jänner, der Tag, an dem wir Gewesenes abhaken, hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und Vorsätze formulieren, ist ein guter Tag zu beginnen. Mit dem Verzeihen. Dazu gehört aber auch das Wissen, dass wir viel falsch gemacht haben. Und zwar wahrscheinlich ausnahmslos alle.

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