Christian Kircher besorgt: „Dann ist es eben unwiderruflich vorbei“

Der Chef der Bundestheater-Holding präsentiert exzellente Kennzahlen und und warnt eindringlich vor den Folgen der Spargesinnung
Thomas Trenkler
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Er ist wohl der seriöseste Kulturmanager des Landes: Christian Kircher leitete von 2016 an die Bundestheater mit unglaublicher Sachlichkeit. Er gab ihnen die Reputation zurück, die sie nach dem Finanzskandal im Burgtheater unter der Direktion von Matthias Hartmann verloren hatten. Als Chef der Holding ermöglichte er Lotte de Beer, der Volksoper einen neuen Anstrich zu geben. Und er stand zu Staatsoperndirektor Bogdan Roščić, auch wenn es intern heftige Debatten gab.

Die Bundestheater stehen nun tatsächlich vorbildlich da: Die Staatsoper ist tagtäglich ausverkauft, die Volksoper steigerte die Auslastung in der Saison 2024/25 auf 85,5 Prozent. Und die Burg mit dem Akademietheater überwand die enttäuschende Ära von Martin Kušej: Nachfolger Stefan Bachmann katapultierte die Auslastung von 71,6 auf 79,2 Prozent, die Kartenerlöse stiegen um 15,8 Prozent. 

Trotz der Zahlen auf „superhohem Niveau“ – Kircher, der das Understatement pflegt, vermeidet den inflationären Gebrauch des Wortes „Rekord“ – droht Ungemach: Kulturminister Andreas Babler und sein Sonderberater Rudolf Scholten (beide SPÖ) spielen mit dem Gedanken, den Bundestheatern die Basisabgeltung zu kürzen. Die Folgen wären derart drastisch, dass Kircher, Jahrgang 1964, sie nicht exekutieren will: Ende März übergibt er den Konzern an Sonja Hammerschmid. Am Dienstag gab er daher seine letzte Jahrespressekonferenz.

KURIER: Sie haben Ihr Resümee unter das Motto „Zehn schnelle Jahre“ gestellt …

Christian Kircher: Sie sind tatsächlich verflogen.

War dieses Jahrzehnt nicht auch eine zache Zeit?

Selbstverständlich. Denn ich bin mit einem Gestaltungswillen angetreten. Hinzu kommen die Dinge, die man nicht beeinflussen kann: Corona, Machtmissbrauch bei der Ballettakademie, der Fall Teichtmeister …

Sie haben auch dafür gesorgt, dass sich ein Cellist in der Staatsoper nicht mehr an Buben heranmachen kann. Und Sie sorgten für Unmut, weil Sie die Buchhaltungen der Bühnengesellschaften in die Holding geholt haben.

Es gibt daher jetzt ein Vieraugenprinzip zwischen den Häusern und der Holding. Klar, am Anfang hat es Gegenwind gegeben. Aber die Umstellung hat sich gerade in der Pandemie als Segen herausgestellt. Wie hätte man sonst im Homeoffice Unmengen an Papierrechnungen freigeben können? Durch diese Maßnahme ist die Qualität gestiegen – und das Risiko wurde minimiert. Langfristig führt das zu Einsparungen. Wie auch das neue Ticketing. Der anfangs umstrittene Wechsel von Culturall zu Jet-Ticket spart langfristig sechsstellige Beträge pro Jahr.

Sie haben immer die Grundsätze des ordentlichen Kaufmanns befolgt. Und trotzdem langt das Geld nicht.

Die Antwort ist einfach: Weil die Personalkosten steigen. Der Sündenfall war für mich der Gehaltsabschluss des öffentlichen Diensts vor zwei Jahren mit 9,15 Prozent. Er bricht uns das Genick, wenn nicht gleichzeitig die Basisabgeltung angehoben wird. Denn 80 Prozent unseres Gesamtbudgets machen die Personalkosten aus, das sind etwa 235 Millionen Euro pro Jahr. Eine Steigerung von 20 Millionen können wir nicht zusätzlich verdienen, die können wir auch nicht auf anderen Wegen einsparen.

Die Bundestheater wurden 1999 ausgegliedert. Es gibt daher fast keine Beamten mehr. Trotzdem steigen die Gehälter analog zu jenen der Beamten. Hätten Sie nicht durchsetzen müssen, dass die Abschlüsse für die Privatangestellten als Basis herangezogen werden?

Es hat immer wieder Versuche gegeben, bisher leider erfolglos. Da wir zu 100 Prozent von der öffentlichen Hand finanziert werden, steht die Gewerkschaft auf dem Standpunkt, dass die Mitarbeiter gleich behandelt werden wie jene der öffentlichen Hand. Das ist ein Dilemma, in dem wir uns befinden.

Zumal die Bundestheater mit Zahlen beeindrucken: Die Volksoper kommt in der laufenden Saison auf 89,1 Prozent Auslastung, die Burg auf 82,4. Was also machen?

Gute Frage. Kann man in der Zeitung ein paar Zeilen weiß lassen? Nein? Es ist verständlich, dass die Republik sparen muss. Und es ist auch die Aufgabe der Holding, dass wir jeden Euro umdrehen. Man kann zum Beispiel bei den Instandhaltungen das eine oder andere Projekt erst in zwei oder drei Jahren umsetzen.

Das ist nur Hinauszögern.

Ja, aber die Häuser sind in einem super Zustand, es gibt neue Bestuhlungen im Burg- und Akademietheater, die Volksopernfassade und ein Teil der Staatsopernfassade wurden saniert. Daher verwenden wir das vorgesehene Geld, um den laufenden Betrieb zu finanzieren. Und wir prüfen, was noch möglich ist. Aber die Budgetverhandlungen fürs nächste Jahr beginnen zum Glück erst im April.

Nach der Übergabe an Sonja Hammerschmid …

Aber natürlich sind wir im Austausch. Bei gleichbleibender Abgeltung schaffen wir mit allen Reserven gerade noch die Saison 2026/27, aber 2027/28 nicht mehr.

Und was ist, wenn die Basisabgeltung gesenkt wird?

Dann haben die Bundestheater ein großes Problem.

Ioan Holender, der ehemalige Staatsoperndirektor, hat vorgeschlagen, die Volksoper mit der Staatsoper zu fusionieren. Bringt das was?

Er argumentiert, wenn ich das Interview im KURIER richtig verstehe, mit künstlerischen Gründen. Weil Sänger da und dort eingesetzt werden könnten. Doch die Konkurrenz zwischen den Häusern ist auch ein Ansporn für Höchstleistungen. Ich glaube, dass eine Zusammenlegung eher schadet, als dass sie etwas bringt.

Sie hatten bereits Gespräche mit Rudolf Scholten. Was ist dabei herausgekommen?

Wir haben einfach alle Möglichkeiten auf den Tisch gelegt – bis hin zu Schließtagen und Repertoirekürzungen. Aber es gibt noch keine Berechnungen, und daher ist auch noch nichts spruchreif.

Wie sähe die Situation bei zwei Schließtagen aus?

Dann würde man nicht mehr im Drei-Schicht-Betrieb arbeiten, sondern in zwei Schichten. Das hätte aber nicht nur Auswirkungen auf die Technikmannschaften. Denn wenn weniger gespielt wird, sind weniger Künstler erforderlich: Schauspieler, Orchestermusiker, Choristen.

15 Prozent weniger Vorstellungen bedeuten 15 Prozent weniger Personal. Die Folge wären viele Kündigungen.

Es käme zu Nichtverlängerungen der Verträge, aber ja: Es würden viele ihren Arbeitsplatz verlieren. Und zwar in einem Ausmaß, das nicht nur uns schmerzen würde, sondern auch den Wien-Tourismus, die Hotellerie, die Gastronomie. Und es würde eine Struktur zerschlagen, die man im Falle einer Wiederbelebung der Konjunktur nicht wieder zusammenkleben kann. Denn dann stehen die Künstler nicht mehr zur Verfügung. Dann ist es eben unwiderruflich vorbei.

Wie realistisch sehen Sie so ein Szenario?

Das Bundestheaterorganisationsgesetz verpflichtet uns, zwischen 1. September und 30. Juni jeden Tag zu spielen. Das heißt: Es bräuchte eine Gesetzesänderung – und daher eine Mehrheit im Parlament. Ich glaube nicht, dass die so einfach zustande zu bringen ist.

Aber die FPÖ wird immer stärker. Vielleicht muss sich die Kulturpolitik dem Populismus beugen?

Es geht nicht um eine Partei, sondern um das Infragestellen von Kultur überhaupt. Je nach Ideologie gibt es andere Prioritäten. Das eine Mal ist es das leistbare Wohnen, das andere Mal der Heimatschutz. Aus der Sicht der Kultur ist es ein gleiches Übel, von welcher Seite die Ausgaben infrage gestellt werden. Daher bin ich der Ansicht, dass wir einfach gute Arbeit leisten müssen, möglichst frei von Skandalen, um keine Angriffsfläche zu bieten.

Es sieht so aus, als hätte die ÖVP ihre Ex-Landesrätin Petra Bohuslav zur Geschäftsführerin der Staatsoper gemacht, die SPÖ ihre Ex-Ministerin zu Ihrer Nachfolgerin. Sind das die richtigen Signale?

Ich finde es nicht richtig, wenn man allen Politikern jede Kompetenz abspricht oder ihnen ein Leben nach der Politik verunmöglicht. Frau Hammerschmid musste ja nicht versorgt werden.

Sie trauen der Molekularbiologin zu, dieses Schlachtschiff durch die stürmischen Zeiten steuern zu können?

Es geht nicht darum, ob meine Nachfolgerin Tenöre beurteilen kann. Im Wesentlichen geht es darum, einen großen Konzern zu führen.

Aber Sie waren Chorist – und haben ein gutes Gehör. Daher übernehmen Sie ein Ehrenamt beim Carinthischen Sommer. Und sonst?

Jeder weiß, dass ich gerne arbeite. Aber jetzt brauche ich eine Auszeit. Ich möchte mehr Zeit mit meiner Frau in der Südsteiermark verbringen. Daher werden Sie mich beim Verkauf von Fischen oder auf dem Traktor sehen.

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