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Nightjet oder Railjet: Womit reist man besser?

Erst mit dem neuen Nightjet nach Zürich, dann tagsüber im Railjet zurück: Zwei Züge, zwei Konzepte – und die Frage, womit man wirklich angenehmer reist.
TRT

Zusammenfassung

  • Die Ruhezone im Railjet ist als mobiles Büro gedacht, scheitert am ersten Ferientag aber an Überfüllung, Lärm und fehlender Durchsetzung.
  • Babys, plaudernde Mitreisende, Erziehungsdebatten und Streit um Plätze oder Temperatur zeigen, dass Ruhe im Ruheabteil vor allem vom guten Willen der Fahrgäste abhängt.
  • Trotz allem bleibt Zugfahren ein kleines Gesellschaftsexperiment – und grundsätzlich ein guter Ort zum Arbeiten, nur eben nicht unter solchen Bedingungen.

Was bin ich nicht nett mit dem neuen Nightjet von Wien nach Zürich gereist! Ich habe gut geschlafen, gut gegessen und dennoch mindestens fünf Mitreisenden erzählt, dass ich eigentlich lieber Tagzug fahre. Auch lange Strecken: Weil man im Railjet so hervorragend arbeiten kann. Steckdose, Tisch, WLAN, Ruhezone – wenn alles gut läuft, ist der Zug das bessere Büro. 

Aber nun folgt die Probe aufs Exempel. Es beginnt damit, dass frühmorgens ein Railjet schon im Bahnhof Zürich liegenbleibt. Auf dem Bahnsteig steht eine Menschenmenge, darüber wabert eine Wolke aus Nervosität. „Unser“ Zug - der pünktlich abfährt - muss alle aufgabeln. Doppelt so viele Fahrgäste wie geplant in das Rollmaterial quetschen - man versteht, dass es eng ist. Man rennt, Koffer und Kinder im Schlepptau, und ist froh, dass man reserviert hat. Sitzt man und fährt los, lächelt man die Mitreisenden mit einer Dankbarkeit an, die erstaunlich verbindend ist. Leider nicht bis in die Ruhezone. Denn dort brüllt bereits ein Baby.

Die Ruhezone der ersten Klasse ist jene Abteilung, in der man gemeinhin erwartet, etwas mehr Ruhe gekauft zu haben. Heute bekommt man vor allem etwas breitere Sitze – und Menschen, die noch entschlossener davon überzeugt sind, im Recht zu sein. 

Ruhe? Nicht in der Ruhezone

Denn die Ruhezone verlässt sich ausschließlich auf den guten Willen ihrer Benutzer. Es gibt keine schalldichten Wände, keine Aufsicht, nur ein kleines grünes Stück Stoff mit einem Smiley und die stille Hoffnung, dass sich alle daran halten.

Bei dem Baby kann man verstehen, dass es das noch nicht kann. Mutter und Großmutter sind bemüht, und auch wenn sie auf dem falschen Platz sitzen, was für Diskussionen sorgt, kehrt rasch Ruhe ein. Zwei Männer und ich klappen die Laptops auf und stülpen die geräuschdämpfenden Kopfhörer über die Ohren. Es kann losgehen mit dem ungestörten Arbeiten.

Leider nur, bis kurz nach der Grenze ein französisch sprechendes Rentnerpaar einsteigt. Der Mann muss ein Nachfahre Napoleons sein, denn er übernimmt sofort das Kommando über den Zugwagen. Und erklärt seiner Frau die Welt in einem Gespräch, das keinen Punkt kennt. Man könnte meinen, sie hätten sich erst heute kennengelernt und müssten die vergangenen siebzig Jahre nachholen. 

Wer hat das Kommando

Gleichzeitig verteidigt er die arktische Temperatur im Waggon mit der Entschlossenheit eines Polarforschers. Die Klimaanlage? Bloß nicht wärmer stellen. Offenbar ist die ideale Reisetemperatur für den unfreundlichen Herren knapp über Tiefkühltruhe. Wenn andere frieren? Nicht sein Problem.

Mein Bedürfnis vor allen anderen, lautet die Devise. Das gilt auch für einen deutschen Bub, vielleicht vier Jahre alt, begleitet von einem 55+ Vater, der jedes Quengeln seines Sohnes in Echtzeit pädagogisch verarbeitet. Beide sind gesegnet mit einer kräftigen Stimme, und so wissen wir nun alle, dass der Kleine bitte immer Recht hat, seinen Vater schlagen darf, wahlweise ihn oder den Zug blöd findet und „seit tausend Stunden“ auf seinen (zweiten) Apfelsaft wartet.

Währenddessen versuchen die zwei Männer und ich tatsächlich zu arbeiten. Man entwickelt dabei erstaunliche Fähigkeiten. Man formuliert E-Mails zwischen Erziehungsdialogen, korrigiert Texte im Rhythmus französischer Konversation und speichert Dokumente immer dann, wenn gerade niemand plärrt.

Schön ist es dennoch

Aber es gibt ein Highlight: Die Dame vom Bordservice. Freundlich. Gelassen. Aufmerksam. Da.

Während rundherum Menschen akustisch, klimatisch und organisatorisch ihre persönlichen Vorstellungen vom Reisen ausleben, lächelt sie, serviert Kaffee und Essen und entschuldigt sich für Dinge, für die sie überhaupt nichts kann. Und irgendwann sickert ihre Freundlichkeit zu uns durch.

Die lauten Rentner steigen in Innsbruck aus - und man lächelt ihnen zum Abschied zu. Das Baby wird in Salzburg aus dem Zug getragen - und man freut sich, so viele afrikanische Lieder gehört zu haben. Der pädagogisch ach so korrekte Vater spricht kurz vor Linz ein Machtwort - und man ist froh, dass auch er ein Mensch ist.

Ruhe kehrt ein. Und die Erkenntnis:

Bahnfahren bleibt ein kleines Gesellschaftsexperiment. Und das ist gut so. Man steigt ein, weil man von A nach B muss, und landet für ein paar Stunden in einer unfreiwilligen Wohngemeinschaft mit Menschen, deren Vorstellungen von Rücksicht, Lautstärke, Sitzplatzreservierungen und Raumtemperatur ungefähr so weit auseinanderliegen wie Zürich und Wien.

Ich bleibe also dabei: Arbeiten kann man im Railjet eigentlich hervorragend. Nur eben nicht am ersten Ferientag.

PS: Wir kamen top pünktlich an. Allerdings nicht in Wien, sondern in St. Pölten. Schließlich soll der Nachwuchs die Landeshauptstädte kennenlernen. Und da der Bub „Bibi Blocksberg“ zu Ende gesehen hat und wieder greint, finden auch sie plötzlich, dass das eine tolle Idee ist und steigen freudig aus dem Zug.

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