Wien - Zürich: Schlägt der neue Nachtzug das Flugzeug?
ÖBB: Nightjet der neuen Generation auf Premierenfahrt nach Zürich
Es ist kurz nach 18 Uhr am Wiener Hauptbahnhof, als sich auf Bahnsteig 6 ein Grüppchen gut gelaunter Menschen versammelt, das nicht ganz nach normalen Reisenden aussieht. Denn normalerweise beginnt eine Zugreise mit vielen Koffern und etwas Stress. An diesem Abend mit Drinks und Brötchen. Denn: Der neue Nightjet der ÖBB feiert seine Premiere auf der Strecke Wien - Zürich. Mit ihm reisen Ehrengäste, Bahnvertreter und Journalisten in die Schweiz.
Und ich.
Kurz vor 19 Uhr rollt der Stargast ein. Die dunkelblaue Garnitur mit den roten Akzenten steht geschniegelt am Bahnsteig, während die letzten Reden gehalten werden. Mobilitätsminister Peter Hanke verabschiedet den Zug gemeinsam mit Vertretern der ÖBB, der SBB und der Schweizer Botschafterin Salome Meyer. „Wien ist das Herz des europäischen Nachtzugverkehrs“, erklärt Hanke. „Mehr Privatsphäre und eine moderne Ausstattung machen die Verbindung nach Zürich zu einer attraktiven Alternative zum Flugverkehr. Bis Ende des Jahres werden wir 24 neue Nightjets in unserer Fernverkehrsflotte haben“, so Sabine Stock, Vorständin der ÖBB-Personenverkehr AG. Die ÖBB sind stolz auf ihre Nachtzüge - zu Recht. Wien ist der größte Nachtzug-Hub Europas. Dass man das betont, ist auch gut so.
Aber genug geredet. Nun öffnen sich die Türen. Ein bisschen Aufregung macht sich breit: Wir dürfen hinein.
Schlafen oder nicht schlafen?
Wer Nachtzüge kennt, weiß: Das Wort Romantik wird oft bemüht. Die Realität bestand allerdings nicht selten aus knarzenden Betten, engen Gängen, geruchsintensiven Toiletten und dem Gefühl, die Nacht in einer fahrbaren Besenkammer zu verbringen.
Die neue Nightjet-Generation soll damit Schluss machen. Während sich draußen die Lichter Wiens entfernen, beginnt drinnen das große Schauen. Die Fahrgäste inspizieren Mini Cabins, Schlafwagen und Liegeabteile wie Besucher einer Wohnwagenmesse. Türen werden geöffnet, Betten ausprobiert, Steckdosen getestet. Erster Eindruck: Die Wagen wirken heller, großzügiger und durchdachter. Statt der oft etwas in die Jahre gekommenen Atmosphäre klassischer Nachtzüge dominieren hier klare Linien, indirekte Beleuchtung und zahlreiche technische Details.
Anlässlich der Premierenfahrt nach Zürich wurde die Abfahrt des modernsten Nachtzugs Europas von Reden begleitet. Mit dabei unter anderem Peter Hanke, Bundesminister für Innovation, Mobilität und Infrastruktur, Salome Meyer, Botschafterin der Schweiz in Österreich und Sabine Stock, Vorstand ÖBB-Personenverkehr AG
Mein Quartier für die Nacht befindet sich im Schlafwagen. Die Kabine erinnert eher an ein kompaktes Hotelzimmer als an einen Eisenbahnwagen. Bett, Tisch, Sitzgelegenheit - alles sauber und smart eingerichtet. Am besten aber: Das eigene Bad. Übrigens samt Dusche, die ich mich zwar nicht zu testen traue, die aber sofort Erinnerungen an den letzten Campingurlaub wachruft. Und das ist ja nicht das Schlechteste.
Mein kleines Reich im Zug
Das Bett ist clever platziert, das Licht lässt sich per Knopfdruck bedienen, Strom-Anschlüsse gibt es in ausreichender Zahl, Spiegel und Platz eigentlich auch. Besonders auffällig ist, was man nicht bemerkt: den Zug selbst.
Der Nightjet läuft erstaunlich ruhig. Kein permanentes Klappern, kein metallisches Scheppern. Wer die Augen schließt, könnte zeitweise vergessen, auf Schienen unterwegs zu sein. Nur gelegentlich erinnert ein sanftes Schaukeln daran, dass irgendwo unter dem Bett mehrere Tonnen Stahl mit Tempo 200 durch die Nacht rollen.
Ich bin dennoch nicht zufrieden: Ich wollte doch in dieses sagenumwobene Mini Cabin. Denn die eigentliche Attraktion des neuen Nightjets versteckt sich im Liegewagen. Die siebenteiligen Nightjets der neuen Generation bestehen neu aus je zwei Sitzwagen (Steuerwagen & Multifunktionswagen), drei Liegewagen und zwei Schlafwagen. Die maximale Gesamtkapazität pro Garnitur beläuft sich auf 254 Plätze. Und: Es gibt die Mini Cabins.
„Kann ich dort schlafen?“ frage ich. Der Presse-Begleiter nickt, aber das Nicken enthält ein deutliches, wenn auch nicht ausgesprochenes „Warum?“. Etwas später verstehe ich den Blick.
Dort, wo früher vier bis sechs Fremde in einem Abteil die Nacht verbrachten, stehen heute die Mini Cabins. Sie erinnern ein wenig an die Schlafkapseln japanischer Hotels, ein wenig an die Business Class eines Flugzeugs – und ein wenig an eine futuristische Raumkapsel. Die Kabinen sind gerade groß genug, um bequem zu liegen und aufrecht zu sitzen. Wer hineinklettert, verschwindet hinter einer Schiebetür in seiner eigenen kleinen Welt. Drinnen gibt es eine Leselampe, einen Spiegel, Ablagen für Handy und Buch, einen Klapptisch fürs Frühstück und ein digitales Bedienelement für Licht und Service. Das Bett misst 190 Zentimeter in der Länge, die Kabine selbst ist rund 64 Zentimeter breit und 90 Zentimeter hoch.
Mehr Privatsphäre, mehr Sicherheit?
Das Besondere ist aber nicht die Ausstattung, sondern die Privatsphäre. Während klassische Liegewagen immer auch ein soziales Experiment mit fremden Mitreisenden waren - von denen man als Frau außer im Frauenabteil eigentlich nur abraten konnte - kann man hier die Schiebetür schließen und die Nacht für sich allein verbringen. Das eigene Handgepäck verschwindet in versperrbaren Schließfächern direkt neben der Kabine. Mein Koffer - ich reise absichtlich mit Gepäck, das größer ist als im Flugzeug zugelassen - passt allerdings nicht hinein.
Für Alleinreisende könnten die Mini Cabins dennoch genau jene Lücke schließen, die es im Nachtzug bisher gab: mehr Privatsphäre als im Liegewagen, aber deutlich günstiger als ein eigenes Schlafwagenabteil. Und für Frauen? Das klassische Frauenabteil besteht weiter. Eigene Bereiche für Frauen-Cabins gibt es allerdings nicht. Dafür eine Frauentoilette (die ich aber leider nicht gefunden habe). Für mehr Sicherheit sollen Kameras sorgen. Man wird sehen, wie das geht.
So sehen sie aus, die neuen Mini Cabins. Die Schlafkapseln für Alleinreisende bieten Schließfächer für Schuhe und Handgepäck, einen Klapptisch fürs Frühstück mit integriertem Spiegel, Leselampe, Ablagemöglichkeiten, Magazinfach, Kleiderhaken - und auch genügend Platz zum schlafen.
Ich liege übrigens nur kurz Probe und ziehe dann gerne wieder zurück in mein Schlafwagenabteil. Tür zu. Herrlich! Und erst das Abendessen samt Interviews, weißen Tischdecken und Retro-Lampen. Man fühlt sich fast wie im Orient Express. Nun weiß ich wieder, warum ich das Bahnfahren liebe
Der Härtetest beginnt
Irgendwann nach 23 Uhr wird es ruhig, bis auf eine sehr laute Durchsage, die uns alle an die längst begonnenen Ruhezeiten erinnert. Der eigentliche Härtetest beginnt. Schlafen.
Denn am Ende entscheidet nicht die Zahl der Steckdosen über den Erfolg eines Nachtzuges, sondern die Frage, ob man am nächsten Morgen wie ein Mensch oder wie ein Überlebender aussieht. Die Antwort folgt am kommenden Morgen. Als ich die Augen öffne, ziehen bereits Schweizer Landschaften vorbei. Im Gang riecht es nach Kaffee. Und tatsächlich: Niemand sieht völlig übermüdet aus. Das allein ist wahrscheinlich das größte Kompliment, das man einem Nachtzug machen kann.
Beim Frühstück wird über die Zukunft des Reisens diskutiert. Kann der Nachtzug dem Flugzeug Konkurrenz machen? Ich sage ja: Sicherheitskontrollen, Boarding-Zonen und Flughafenbusse lässt man außen vor. Man steigt direkt im Herzen der einen Stadt ein und kommt mitten im Zentrum der anderen wieder an.
Kurz nach der Einfahrt in den Zürcher Hauptbahnhof öffnet sich die Tür. Die Premiere ist geschafft. Die Ehrengäste steigen aus, Fotografen machen die letzten Bilder, Redner reden und rundherum ist der Bahnhof ein Gewusel wie immer.
Die Reise hat 14 Stunden gedauert. Gefühlt waren es deutlich weniger. Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis des Nachtzuges. Man verliert keine Zeit. Man tauscht sie gegen Schlaf ein. Vielleicht nicht den allerbesten der Welt. Aber dennoch. Nachtzug ist eine ziemlich geniale Erfindung.
Guten Morgen in Zürich.
Am 14. Juni feierte der modernste Nachtzug Europas seine Premierenfahrt auf der Strecke Wien – Zürich. https://www.nightjet.com/de/reiseziele/schweiz Anlässlich des Starts wurde der neue Nightjet am Wiener Hauptbahnhof feierlich verabschiedet. Insgesamt sind damit auf neun Linien ÖBB Nachtzüge der neuen Generation im Einsatz.
Das sind die Komfortkategorien im Nightjet der neuen Generation
Schlafwagen comfort plus
- Abteil mit eigenem Sanitärbereich (WC & eigene abgetrennte Dusche)
- 2 fix montierte Betten übereinander (als Abteil für 1 oder 2 Personen buchbar)
- Sitzgelegenheit
Schlafwagen comfort
- Alle Abteile mit eigenem Sanitärbereich (WC & Duschmöglichkeit)
- 2 fix montierte Betten übereinander (als Abteil für 1 oder 2 Personen buchbar)
- Sitzgelegenheit
Mini Cabin
- Schlafkapseln für Alleinreisende
- Angrenzende Schließfächer für Schuhe & Handgepäck
- Verschiebbarer Klapptisch fürs Frühstück mit integriertem Spiegel
- Leselampe, Ablagemöglichkeiten, Magazinfach, Kleiderhaken
Liegewagen comfort
- Moderne 4er-Abteile für Familien & Gruppenreisende
- Fix montierte Betten ohne Klappmechanismus
- Mehr Platz & Privatsphäre
Abteil barrierefrei comfort
- Modernes barrierefreies Abteil (PRM-Abteil) für bis zu 2 Rollstuhlfahrer:innen & 2 Begleitpersonen
- Modernes barrierefreies WC nebenan
- Wagen mit Niederflureinstieg
Sitzwagen comfort & Multifunktionsbereich
- Schalendoppelsitze mit klappbarer Armlehne & durchgängiger Kopfstütze für mehr Privatsphäre
- Ablagemöglichkeiten, Leselampen & induktives Laden bei den Sitzen
- Multifunktionsbereich mit Niederflureinstieg
- 6 Fahrradstellplätze
- Mehr Platz für Gepäck, Kinderwagen, Ski & Snowboards
- Gepäcksicherung mit NFC-Funktion bei den Gepäckracks
Die Komfortkategorien sowie einen 360°-Blick in den neuen Nightjet finden Sie hier: nightjet.com/newgeneration
Was kostet die Reise?
Am günstigsten reist, wer seine Tickets schon frühzeitig bucht. So gibt es das Sparschiene-Ticket für die Strecke Wien – Zürich im Sitzwagen bereits ab € 34,90 pro Person und Richtung. Für Familien oder Gruppenreisende sind Sparschiene-Tickets im Liegewagen (Platz im 4er-Abteil) ab € 54,90 erhältlich und auch die neuen Mini Cabins für Alleinreisende werden mit dem Sparschiene-Ticket schon ab € 54,90 angeboten. Für besonders hohen Schlafkomfort und noch mehr Platz und Privatsphäre kann mit der Sparschiene ein Platz im Schlafwagenabteil ab € 89,90 gebucht werden.
Für die Weiterreise in der Schweiz sind folgende Seiten hilfreich: www.Switzerland.com, www.zuerich.com/de, www.swiss-pass.ch/
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