Punschstände

© Kurier / Jeff Mangione

Leitartikel
01/13/2021

Wirkt der Lockdown nicht, weil wir ein Land der Schlupflöcher sind?

Die zwei Seiten der österreichischen Seele: Der Regel-Slalom wird zum Volkssport. Und jeder britische Skifahrer ist ein nationaler Skandal

von Richard Grasl

In Deutschland (und Vorarlberg) gilt: 2 + 2 = 4; in Wien ist es irgendetwas zwischen 3,7 und 4,3.

Der (alemannische) Witz über österreichische Gemütlichkeit, den „Schlendrian“, erfährt eine neue Bestätigung. Der Österreicher ist Weltmeister im Aufspüren von Schlupflöchern. Skiausflüge werden zu Schulungen, Freundestreffen zu Sitzungen, Urlaube zu Geschäftsreisen – und der Ober-Baumeister muss zum Beine-Vertreten trotz Ausgangssperre auf die Malediven.

Man hat das Gefühl, es gebe keinen Lockdown. Auf Instagram sieht man private Pizza-Partys ebenso wie Urlaubsreisen nach Dubai oder Küsschen-Fotos mit den besten Freundinnen. Auf den Straßen ist so viel Verkehr wie sonst. Oder um ein anderes Thema zu bemühen: Unsere Ex-Arbeitsministerin wird ihre Dissertation auch eher nicht in Bratislava verfasst haben, weil sie den internationalen Erasmus-Gedanken befeuern wollte, sondern weil es dort leichter schien.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Hunderttausende halten sich strikt an die Regeln, treffen keine Freunde, quälen sich samt Kindern im Distance-Learning durch das Homeoffice und verzichten auf vieles in der Freizeit.

Der deutsche Botschafter in Wien, Ralf Beste, schrieb im Oktober: „Deutsche lieben Regeln, Österreicher haben einen besseren Blick für die Auswege.“ Damals galt eine Reisewarnung für Wiener. Also kauften viele für eine Bahnfahrt nach Deutschland ein zweites Ticket in Linz oder erklärten, dass der Flughafen eh nicht in Wien liege. Das macht uns in normalen Zeiten sympathisch. In Zeiten, in denen es um eine gefährliche Krankheit geht, ist das unangebracht und gefährlich. Doch wir sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Nicht jeder Engländer, der noch vor dem britischen Virus mit negativem Test nach Tirol eingereist ist, löst gleich ein zweites Ischgl aus. Damals wurde im Wissen um das grassierende Virus einfach offen gelassen. Heute testet man im Verdachtsfall einen gesamten Bezirk durch.

Wir Österreicher haben – Erwin Ringel lässt grüßen – neben dem Hang zum Schlupfloch auch eine Neigung zur Mieselsucht gegenüber dem eigenen Land. Der Weinskandal wurde weltweit und medial ein österreichischer, obwohl andere Länder ärger in den Gifttopf griffen. Ischgl war katastrophal, die ungesicherten Altersheime sind ein partielles Versagen, entstanden wohl aus der Menschlichkeit, alte Menschen nicht in ihrer Einsamkeit alleinzulassen. Aber wir Österreicher sind deswegen nicht die schamlosesten Abschreiber von Doktorarbeiten und auch nicht die unvorsichtigsten Corona-Leugner mit zwei Skibrettern vor dem Kopf. Angesichts der brandgefährlichen Virusmutation wäre es aber an der Zeit, dass Regeln klarer formuliert werden, ohne Schlupflöcher, die wir dann auch nicht mehr suchen. Und nach Corona? Werden das Leben und unsere Seele wieder so sein, wie sie einmal waren.

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