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Meinung
07/21/2019

Weltuntergangslust

Statt sich in Pessimismus zu suhlen, sollte sich die EU lieber ehrgeizige Ziele setzen.

von Martina Salomon

Wer Lust am Weltuntergang hat, muss nur internationale Presseagenturen lesen. Welch Meer an schlechten Nachrichten! Brennende Arktis, Anschläge, Mord, politischer Streit, Kursstürze. „Die Welt steht auf kein Fall mehr lang, lang, lang, lang, lang, lang“, schrieb schon Johann Nestroy im „Kometenlied“.

Im internationalen Vergleich ist Europa noch immer eine üppige Wohlstandsinsel. Ausgerechnet besonders reiche Staaten wie Österreich und Deutschland haben sich aber mit einem Depressionsvirus angesteckt. Es geht die Angst vor wirtschaftlichem Abstieg, Islamisierung und Klimakatastrophen um. Deutschland hat seine Wirtschaft bereits „erfolgreich“ schlecht geredet, das Investitionsklima kühlt ab. Tatsächlich sind Pessimisten leistungsschwächer, haben weniger Mut, Kinder in die Welt zu setzen. Sie glauben nicht an die Kraft technischer Innovationen, sondern setzen auf Verzicht und Rückzug (was natürlich leichter fällt, wenn man eh schon alles hat). Das schwächt den Wirtschaftsmotor, der vom Wachstum lebt. Was wiederum junge Optimisten (etwa aus der Tech-Szene) in die USA und nach Asien vertreibt. Dort wird Risiko belohnt. Dabei hat Europa noch immer viele tolle Firmen, Kreativität, hohe Lebensqualität und soziale Sicherheit. Um diesen Standard zu halten, müssen wir uns ehrgeizige Innovationsziele für den europäischen Wirtschaftsraum setzen.

Doch stattdessen biedern sich sogar CDU-Politiker wie die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit Sozialthemen an die Linke an. Klar, sie wollte ihre Wahl als EU-Kommissionspräsidentin sichern (bei deutschen und österreichischen Sozialdemokraten nutzte auch das nichts). Daher reden wir nun von einem Mindestlohn für alle Arbeitnehmer in der EU (der eigentlich nur unter dem österreichischen Niveau liegen kann), neuen Steuern (auf CO2), Lohntransparenz und Quoten. Aber nicht über Fortschritt, Technik, Forschung, Industrie, Leistung.

Unabhängiger werden von China und USA

Westeuropa suhlt sich ausgiebig in Debatten über Gefahren neuer Technologien. Ja, man muss sie ernst nehmen. Noch wichtiger aber wäre es, selbst Vorreiter zu sein, damit Europa nicht noch mehr von chinesischen oder US-Giganten abhängig ist. Der wochenlange Ausfall des europäischen Navigationssatellitensystems „Galileo“ ist ein himmlischer Fingerzeig.

Noch sind wir Europäer gut aufgestellt. Aber wenn man sich manche Debatten – noch dazu von Jungen! – anhört, könnte man selbst zum Schwarzseher werden. So haben sich am Donnerstag die Studentenvertreter mehrerer deutscher Universitätsstädte gegen die Vergabe des Titels „Exzellenzuniversität“ ausgesprochen. Weil man damit ein „Zwei-Klassen-System“ schaffe. Mit Sigmar Gabriel legte vor einigen Monaten ausgerechnet ein (ehemaliger) SPD-Politiker den Finger in diese Wunde: „Wir sind die letzten Vegetarier der Weltpolitik in dieser Welt der Fleischfresser. Wenn die Briten gehen, dann glauben alle, wir seien Veganer.“