Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Meinung
12/20/2019

Warum wir China ernster nehmen müssen

Chinas atemberaubender wirtschaftlicher Aufholjagd muss man Respekt zollen. Seinen Methoden nicht.

von Martina Salomon

Erst wenn ein Spitzensportler betroffen ist, gerät China ins Bewusstsein einer breiteren europäischen Öffentlichkeit. Der deutsch-türkische Fußball-Star Mesut Özil hatte via soziale Medien die Verfolgung der Uiguren kritisiert. Daraufhin wurde im chinesischen Staatssender das Premier-League-Spiel zwischen Arsenal und Manchester City aus dem Programm geworfen. So einfach geht das in einer kapitalistisch-kommunistischen Diktatur.

Chinas atemberaubender wirtschaftlicher Aufholjagd muss man Respekt zollen. Seinen Methoden nicht. Wir werden uns mit China noch viel mehr auseinandersetzen müssen. Weil es mit staatlicher Hilfe Zukunftstechnologien fördert, sich gegen ausländische Konkurrenz aber trickreich abschottet. Weil es Staaten und Unternehmen wirtschaftlich erpresst, die den Vormarsch ihrer Firmen bremsen. Weil es dem Westen auch in einem Cyberwar überlegen sein könnte. Weil es gerade Afrika und Teile Osteuropas mit Infrastruktur-Investitionen wirtschaftlich und damit politisch kolonialisiert, während die EU zuschaut und irgendwann einmal das Nachsehen haben wird. Weil es mit dem Bau der Seidenstraße eine Einfallsroute Richtung Europa baut, die eine Einbahnstraße werden könnte. Weil europäische Firmen einen Ausverkauf durch chinesische Investoren fürchten. Weil Asiaten mit ihrem Leistungs- und Bildungswillen good old Europe alt aussehen lassen.

In Hongkong sieht man gleichzeitig das Dilemma der Chinesen: Wer in den Mittelstand aufgestiegen ist, will auch Menschenrechte haben und infiziert sich mit dem „West-Virus“ einer freien Marktwirtschaft, in dem sich das Individuum nicht immer dem Kollektiv unterwerfen muss. Das ist in Wahrheit Europas einzige „Hoffnung“.